Christoph Dallach & Andreas Dorau

Future Sounds - Wie ein paar Krautrocker die Popwelt revolutionierten

BRD, um 1968. Wie überall in der westlichen Welt drängt die junge Generation auf radikale Veränderungen. Viele strömen aus den Hörsälen auf die Straße. Manche in den Underground. Und manche in die Übungskeller, auf der Suche nach dem Soundtrack der Bewegung. Die unerhörten Klänge, die deutsche Bands wie Can, Neu!, Amon Düül, Popul Vuh, Tangerine Dream, Faust, Cluster oder Kraftwerk damals produzierten, gelten heute als Blaupause für die moderne Rockmusik. Und der Strom ihrer kreativen Bewunderer und Fortsetzer hat sich seit den ersten Fans wie David Bowie stets verbreitert: Ob Blur, Aphex Twin, Sonic Youth, Radiohead oder die Red Hot Chilli Peppers – sie alle beziehen sich auf den sogenannten "Krautrock". Christoph Dallach hat dessen Pioniere befragt, darunter Irmin Schmidt, Jaki Liebezeit, Holger Czukay (alle Can), Michael Rother (Neu!), Dieter Moebius (Cluster), Klaus Schulze (Tangerine Dream), Achim Reichel (AR Machines), Lüül (Agitation Free), Karl Bartos (Kraftwerk), Brian Eno u. v. a. Ihre Antworten fügen sich zu einer Oral History, die über die einzelnen Bandgeschichten weit hinausweist: einerseits in die Vergangenheit, zu Nazilehrern, Nachkriegselternhäusern, Freejazz, Terrorismus, LSD und äußerst langen Haaren; genauso aber in die Zukunft, zu globaler Anerkennung, Mythenbildung, Techno oder Postrock.

Dallach_Ist Rock ein Schimpfwort?
Dorau_Ja! Immer gewesen! Florian Schneider von Kraftwerk hat mal gesagt: "Rock? Das ist doch was für die anderen!" Das beherzige ich bis heute!
Dallach_Auch Punkrock?
Dorau_Da hat mich das Wort genauso gestört. Ich mag Rock einfach nicht, außer man trägt ihn.
Dallach_Krautrock ist dann ein abschreckender Begriff für dich, oder?
Dorau_Ja, aber interessant ist doch, dass das Wort "Rock" hier völlig falsch verwendet wurde. "Krautrock" ist kein Rock! Eher eine schwebende Musik und wenn es mal nach vorne geht, eher eine schiebende Musik.
Dallach_ Konntest Du denn mit dem Buch über Krautrock etwas anfangen?
Dorau_ Man muss keinen Krautrock mögen, um das Buch durchzulesen. Ich hatte jedenfalls sofort Lust Musik zu machen nachdem ich es beendet hatte. In der Geschichte ist der Vibe von jungen Menschen drin, die, so wie ich auch mal, tatsächlich versucht haben eine andere Art Musik zu machen, ungeklärt wo die Reise hin führen würde und wie diese andere Musik überhaupt aussehen könnte. Diesen naiven Pioniergeist bringt das Buch extrem gut rüber. Und man muss keine Rockmusik mögen, um das gerne zu lesen.
Dallach: Und zu hören?
Dorau_Ich mag ungefähr ein Drittel der Musik, die unter Krautrock firmiert, so wie Kraftwerk, Can oder Harmonia Und später Riechmann und La Düsseldorf. Aber es geht ja in dem Buch eben nicht nur um die Geschichte der verschiedenen Protagonisten, sondern um den Zeitgeist der späten Sechziger und frühen Siebziger Jahre, wo immer noch ein Hauch von alten Nazis in der Luft liegt und eine junge Generation sich in Deutschland dagegen politisiert. Und die sich in dieser Gesellschaft zurechtfinden muss und sich einen Platz suchen muss, in einer Szene in der nur Musik aus England und Amerika als cool galt. Interessanterweise redet keiner im Buch von "meiner Musik" sondern alle, so verschieden sie auch sind, sagen dass sie eine "andere Musik" machen wollen. Dieser Geist kommt im Buch gut rüber und um das alles interessant zu finden muss man sich eigentlich nicht mal für Musik interessieren.

Christoph Dallach und Andreas Dorau werden in ihrer Lese-Show nicht nur mit Beiträgen aus dem Buch "Future Sounds" unterhalten sondern zeigen auch Filme, spielen Platten und laden sich hin und wieder auch Gäste ein.

 

 

Mo 13 Dez 2021
20:00 Uhr Bühne 2