ELEKTRA – 750 PS Vergangenheitsüberwältigung
Agamemnon ist tot. Der gefeierte Kriegsheld wird gleich nach seiner Heimkehr von seiner Frau Klytaimnestra und ihrem neuen Liebhaber Aigisthos aus Rache für die Opferung der gemeinsamen Tochter Iphigenie ermordet. Die Geschwister Elektra und Orestes schwören daraufhin, ihrerseits Vergeltung für den heimtückischen Mord am geliebten Vater zu üben.
Der Familienfluch ewiger Rache spinnt sich unerbittlich weiter und weiter – bis hinein in die deutsche Gegenwart. Denn in dieser radikalen Überschreibung von Lorenz Nolting und Sofie Boiten richtet sich Elektras Wut nicht länger auf die düstere Vergangenheit der eigenen Familie, sondern auf die belastete Familiengeschichte einer der reichsten Unternehmerdynastien Deutschlands: der Familie Quandt, deren Wohlstand nicht zuletzt auf der jahrelangen Ausbeutung von NS-Zwangsarbeiter*innen durch ihre Vorfahren beruht.
Der antike Rachekomplex wird auf ein aktuelles Schuldgefüge angewendet und wirft so zentrale Fragen auf: Wie geht eine nachfolgende Generation mit dem Erbe großer Schuld um? Was bedeutet Verantwortung inmitten kollektiver Verdrängung? Und wie kann Widerstand oder Gerechtigkeit aussehen – auch jenseits archaischer Gewalt und göttlicher Ordnung?
Lorenz Nolting und sein Team enthüllen mit ihrer Version des Elektra-Stoffes nicht nur das Fortbestehen von Machtstrukturen, sondern auch das enge Geflecht von Profit und Faschismus.
Besetzung
"Der Abend ist also anstrengend, aber es ist eben auch eine große Kunst, wie Nolting alles gleichzeitig ablaufen lässt, die doofen Kalauer und das stille Reflektieren, den actionhaltigen Trash und die ernsthafte Überlegung, was eigentlich die eigenen Großeltern vor 1945 gemacht haben." - nachtkritik
"Das laute Performance-Tohuwabohu erweist sich als Strategie Noltings, um die Nerven weichzuklopfen, auf dass die daraufhin in aller Ruhe verhandelten Sünden der Vergangenheit umso eindringlicher in die Köpfe eindringen. Im Grunde ist auch das eine Form von Gehirnwäsche, aber im Dienste eines Agitprop-Theaters, das nicht nur Anklage sein will, sondern auch von der Aktivierung des Publikums und beherzten Taten träumt." - Abendzeitung
"Der Regisseur, der sich hier selbst anklagt, macht den entscheidenden gedanklichen Schritt. Er trennt die Schuldfrage nicht mehr sauber von sich. Er ist Elektra, er ist aber auch Susanne Klatten. [...] Nolting und Boiten gelingt eine kluge und zunehmend radikale Fortschreibung des antiken Schuldmotivs in die deutsche Gegenwart." - taz
Hinweise zur Inszenierung
- Die Inszenierung thematisiert den Holocaust. Es werden konkrete Kriegsverbrechen während des deutschen Faschismus nacherzählt.
- Es wird laute Musik verwendet.