Wenn Ewelina Marciniak sich mit historischen und kanonischen Texten beschäftigt, entstehen Inszenierungen, die vor dem Publikum immer neue Facetten und Informationen entfalten: historisch, kulturwissenschaftlich, feministisch. Was sonst oft ins Programmheft ausgelagert wird, geht bei ihr organisch im Bühnentext auf, in Überschreibungen, für die ihre Dramaturg*innen verantwortlich zeichnen. Annemarie Brüntjens Johanna reflektiert so nicht nur immer wieder ihre Figur, sondern stellt sie auch in eine historische Linie der Repräsentationen, spricht etwa über Maria Falconetti, die 1928 die Titelheldin in Carl-Theodor Dreyers Stummfilm "Die Passion der Johanna von Orleans" spielte, oder berichtet von der Instrumentalisierung Jeanne D’Arcs durch Kirche und Nation, Politiker wie Pétain und de Gaulle oder bis heute den Front National. Wie kommt es, dass solche Exkurse nicht didaktisch, sondern wie selbstverständlich in den Stoff eingewoben wirken?
Am Telefon beschreibt Ewelina Marciniak, wie sie sich kanonische Texte erabeitet und zeitgenössisch auflädt. Gerade ist sie Warschau, um sich nach Proben für "Iphigenia", einer Koproduktion zwischen den Salzburger Festspielen und dem Thalia Theater Hamburg, kurz zu sammeln. "Durch die vielen aufgestauten Projekte während der Pandemie droht mein Arbeitsrhythmus aus dem Takt zu geraten. Ich brauche immer sehr lange und gründliche Vorbereitungszeiten, in denen ich intensiv rund um die Textvorlage recherchiere. Im Fall der Jungfrau haben die Dramaturgin Joanna Bednarczyk und ich ein halbes Jahr viel gelesen und diskutiert, welche Stellen wir behalten und bearbeiten wollen, in welche Richtung unsere Interpretation gehen soll. Irgendwann haben wir auch die Mannheimer Dramaturgin Anna Günther miteinbezogen und mit ihr die Besetzung besprochen."