Sorour: Ich denke, dass Tanz nichts Technisches ist. Ich hatte lange keinen Zugang zu einer Ausbildung. Hätte ich den gehabt, wäre ich sicher technischer in meiner Herangehensweise an Tanz, und würde mich nicht stets selbst hinterfragen, aber jetzt habe ich eben einen distanzierten Blick. Ich denke, im technischen Teil des Tanzens steckt ein faschistisches Element, und die Menschen werden schon in ihrer Ausbildung traumatisiert. Denn jede*r blickt auf jede*n andere*n, alle Bewegungen sind sehr uniform. Das kann gewaltsam sein, wenn man als Tänzer*in in der Gruppe seine Identität aufgeben und sich wie alle anderen bewegen muss. Ich habe die Vorstellung, dass Tanz etwas sehr individuelles ist. Nicht nur, weil ich viele Solo-Arbeiten aufgeführt habe, sondern auch, weil ich denke, dass man das für sich entwickeln muss. Um seinen Körper zu verstehen, muss man die eigene Bewegungsweise verstehen. Es braucht auch mehr Freiheit, zum Beispiel die Freiheit, zu sagen, dass ich heute traurig bin und etwas anders mache. Ich bin eine emotionale Person, das wirkt sich auf den Tanz aus – viel Drama! Manchmal hassen dich die Leute dafür, dass du traurig bist, manchmal hassen sie dich dafür, dass du beim Tanz fällst. Sie scheinen zu denken, dass eine trans-Person keine Trauer auf der Bühne zeigen und erst recht nicht scheitern darf. Ich denke aber, jede*r sollte seine Emotionen ausdrücken dürfen. Es hat ja auch Schönheit, jemanden fallen zu sehen: eine Bewegung, ein Körper. Um deine Frage zu beantworten: Tanz hängt mit meinen Emotionen zusammen. Außerdem inspiriert mich Musik.
Thea: Welche Rolle spielt die Musik im Verlauf Deines Prozesses?
Sorour: Manchmal spielt Musik eine abstrakte Rolle im Prozess, aber es hat eher damit zu tun, einen Affekt zu erzeugen. Das sind für mich die Bilder, aus denen die Bewegungen entstehen, daraus entwickelt sich ein körperlicher Zustand.
Phila: Improvisierst du dann viel?
Sorour: Ja, manchmal. Ich arbeite sehr intuitiv. Wenn sich etwas wichtiges für ein Projekt ergibt, ein Buch, ein Artikel, Musik, dann inspiriert mich das auch. Und dann schlafe ich und ich gehe spazieren, und eines Tages habe ich eine Idee, in der ich all die Dinge entdecke, die ich gelesen und gesehen habe.