Lottes Albert ist der nämliche – im Roman und im Film. Goethe nennt ihn "einen braven Menschen", Klara Wördemanns Lotte ist fasziniert davon, dass ihr Albert, den sie schon Dezennien kennt, das Leben und die Menschen so sehr liebe. Sie mag letztlich Alberts Einfachheit. Während sie an Werther dessen Intellektualität schätzt, im Roman und in dieser Adaption. Manches, so steht bei Goethe, verstehe ihr Albert nicht, zum Beispiel die Faszination an Gewittern. Auch dieses Motiv gibt es in dieser Digitalfassung. Albert ist in keinem Chat zugegen, Werther findet ihn – Fotos von ihm, allein oder mit seiner Lotte – im Netz. Er ist also auch in diesem digitalen Theater existent.
Und an die Zeit hält sich Cosmea Spelleken auch. Beginn der Geschichte: 4. Mai; Ende 24. Dezember. Ist es bei Goethe Ossian, der gelesen wird, ist es nun Homers "Odyssee", über die Willi urteilt; man brauche Zeit, um reinzukommen. Mit Ossian hätte die Regisseurin die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer wahrscheinlich überfordert.
Aus den Briefen sind nun moderne Kommunikationsmittel geworden. Der Roman gewinnt eine Heutigkeit, die verblüfft. Besonders auffallend: dass dabei die Rührung, die der junge Goethe provoziert und sicher auch provozieren wollte, nicht verloren geht. Das bedeutet: Jene Goethe-Leser, die wie Richard David Precht glauben, der Roman sei unglaublicher Kitsch, das Werk kritisieren als eine "verlogene Sozialromantik", werden auch in dieser Version Kitsch entdecken können, wenn sie denn wollen. Vor allem das Schlussbild: Eine Pistole, aus der statt Kugeln rote Blütenblätter geschossen werden. Süßer und weniger tragisch lässt sich der Werthersche Selbstmord schwerlich verstecken und zugleich offenbaren. Zuvor hören wir ein Gespräch zwischen Lotte und Willi, sehen, wie er während des aufgeregten Gesprächs Flüge bucht, um so schnell wie möglich zu Werther zu kommen. Denn natürlich ahnt er dessen Tod.