Wie nehmt ihr ganz aktuell die Aufgabe von Schriftsteller*innen und den Handlungsspielraum des künstlerischen Schreibens wahr?
Maryna Smilianets: Mein Glaube an die Kraft der Kunst hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahren mehrfach verändert. Wenn eine Rakete auf deinem Grundstück einschlägt – dann rettet die Kunst dich sicherlich nicht. Aber wenn das Leben weitergeht, dann realisiert man, dass man etwas tun muss, um seinen Lieben und seinem Land zu helfen. Für fast ein Jahr wollte ich keine Performances oder Filme schauen, später habe ich es umso mehr gebraucht. Jetzt glaube ich an die therapeutische Kraft von Kunst, die mir hilft, nicht verrückt zu werden. Es gibt außerdem auch sehr praktische Vorteile: Man kann nach einem Stück Geld sammeln, um die Ukraine zu unterstützen oder jemandem zu helfen, der medizinische Versorgung braucht. Zu Beginn habe ich mal den Begriff "cultural front" genutzt, weil ich glauben wollte, dass ich etwas sehr Wichtiges tue. Jetzt lehne ich diese Bezeichnung ab, da es nur eine Front gibt und die ist im Krieg. Soldaten sterben in diesem Moment für unsere Freiheit. Das kann man nicht damit vergleichen, Stücke zu schreiben. Ich bin kein "cultural soldier", ich mache einfach was ich kann, in der Hoffnung, dass es irgendwie jemandem helfen kann.
Arna Aley: Mein erster Gedanke beim Ausbruch des Krieges war auch, dass das letzte, worum wir uns jetzt Gedanken machen müssen, die Kunst ist. Man muss zunächst einmal den Menschen und sich selbst helfen, die Realität wahrnehmen und nicht vor der Realität flüchten. Wenn draußen der Krieg tobt, muss ich nicht ins Theater gehen, um mich mit dem Thema "Krieg" auseinanderzusetzen. Über ein Jahr lang war ich raus aus meinem Beruf, weil ich ihn für nicht mehr sinnvoll hielt. Jetzt in dieser neuen Phase, in der es wieder einen neuen Krieg gibt – und wahrscheinlich wird es auch nicht so schnell anders werden – denke ich viel darüber nach, was wäre, wenn es die Pandemie – und mit ihr diese Kunstpause – nicht gegeben hätte. Und wir der Möglichkeit nicht beraubt gewesen wären, unsere dunklen Seiten in der Kunst auszuleben, uns mit ihnen zu beschäftigen und uns dadurch von ihnen zu befreien. Als es diese Möglichkeit in der Pandemie nicht gab, konnte man an sich selbst beobachten, wie in dieser Einsamkeit die innere Hölle aufkommt und wie viel an negativer Energie und Hass in einem schlummert – um nicht zu sagen in der ganzen Welt, schließlich war es ein Weltereignis. Wenn es dieses Ventil Kunst gegeben hätte, hätten wir vielleicht die Möglichkeit gehabt, dass diese Kriege nicht ausgebrochen wären. Das ist natürlich eine Utopie, aber irgendwie glaube ich mittlerweile daran. Deshalb achte ich beim Schreiben darauf, gnadenlos ehrlich zu sein, die Realität zu sezieren, anstatt sie zu verhüllen. Die Kunst muss es schaffen, mit der Realität Hand in Hand zu gehen und diesen aggressiven Teil, diese Hölle des Menschen, aufzufangen.
Viktor Martinowitsch: Mit dem Schreibauftrag an uns wurden Personen aus drei verschiedenen Teilen der Welt gefragt – nein, eigentlich aus drei unterschiedlichen Welten. Eine Person aus Belarus, eine andere aus dem Krieg und wiederum eine andere aus dem wohlhabenden intellektuellen Litauen. In all diesen Welten bedeutet die Rolle der Schreibenden etwas anderes. Der Preis, den wir zahlen, ist unterschiedlich. Denn wenn man etwas schreibt inmitten einer Stadt, die sich im Krieg befindet, in der jeden Tag Raketen vom Himmel fallen – und man trotzdem Theater macht, wie Maryna es berichtet – dann zahlt man einen hohen Preis für seine Arbeit. Und wenn man aus einer Gesellschaft wie der, aus der ich komme, schreibt, dann fühlt man physisch die Last eines jeden Wortes. Zu guter Letzt ist die Rolle und Bedeutung von Kunst, Literatur und Theater, den Menschen das Geschenk des gegenseitigen Verständnisses wiederzugeben, das uns vom Krieg genommen wird. Mein Text möchte das gegenseitige Verständnis wieder zurückgeben. Meine Rolle als Autor ist, die Menschlichkeit zu behalten.
Maryna Smilianets: Dem möchte ich etwas hinzufügen. Die Menschen gehen in Kiew jetzt mehr ins Theater als vor dem Krieg. Vor zwei Wochen haben wir eine zweite Bühne in dem Theater, in dem ich arbeite, eröffnet, denn eine Bühne war nicht mehr genug. Die Menschen brauchen sie. Und auch die Einstellung hat sich geändert: Wenn die Menschen früher ins Theater gekommen sind, haben sie kritisch betrachtet, was sie dort sahen, jetzt sind sie einfach froh, weil es funktioniert: Wir haben Kultur, wir haben Theater, sie laufen – kurz: Wir sind am Leben. Die Menschen in der Ukraine brauchen das Theater gerade sehr.
"Fabian oder: Der Gang vor die Hunde" von Erich Kästner mit Texten von Arna Aley, Viktor Martinowitsch und Maryna Smilianets in der Regie von Philipp Arnold ist ab 25. November 2023 im Münchner Volkstheater zu sehen.