Ein Inszenierungsfoto von Gymnasium

Ich finde Vorhersehbarkeit beruhigend

Als Beitrag des Münchner Volkstheaters ist Bonn Parks "Gymnasium" zum Radikal-Jung-Festival eingeladen. Christine Wahl sprach mit Bonn Park über Quarterback Bullys, Widersprüche in der Theater-Bubble und die Highschool als Mikrokosmos der Gesellschaft

Christine Wahl: Bonn Park, Sie sind mit einer "Highschool-Oper" zu "Radikal jung" eingeladen: In Ihrer Arbeit "Gymnasium", dem Eigenbeitrag des Münchner Volkstheaters zum Festival, werden in grandioser Weise Sportstunden, Schultoilettensprüche oder "unangenehme Fragen zu Abschlussbällen" besungen. Was hat Sie an dem Genre interessiert?

Bonn Park: Ich bin einfach Fan von diesen Highschool-Filmen, ich mag das Genre: Ich mag, dass es immer so einen Quarterback Bully gibt, ich mag, dass es immer einen Abschlussball gibt, ich mag, dass es immer dieses neue Mädchen gibt, das erst eine Brille trägt und die Haare zusammen hat, und am Ende macht sie sie auf und kommt eine Treppe runter. Mich berührt das viel mehr als gewollte Originalität, die naturgemäß auch oft schief geht, weil es schwer ist, sich etwas Eigenes auszudenken. Man kritisiert ja gern mal gängige Erzählformen à la Hollywood für ihre Vorhersehbarkeit, aber ich finde die Vorhersehbarkeit beruhigend. Ganz abgesehen davon, bin ich genauso selten überrascht, wenn ich einen Arthouse-Film schaue. Da habe ich auch immer schon eine Ahnung: Ah, gleich taucht jemand mit einer Zigarette am Fenster auf und hat nur eine Unterhose an und schaut auf den Prenzlauer Berg.

Regisseur Bonn Park
Man kritisiert ja gern mal gängige Erzählformen à la Hollywood für ihre Vorhersehbarkeit, aber ich finde die Vorhersehbarkeit beruhigend.
Bonn Park

Wahl: Bekennende Fans der Vorhersehbarkeit trifft man ja eher selten!

Park: Abgesehen davon, dass es sehr schwierig geworden ist, überhaupt überrascht zu werden, würde ich natürlich immer sagen: Klar mag ich alles, was neu ist, total gerne und bin interessiert daran. Aber diese Idee von der absoluten Originalität als Anspruch an das Unterhaltungsgenre oder auch an die Kunst an sich zu stellen, finde ich ganz schön hoch gegriffen. Für mich ist es dafür total erleichternd, in der Vorhersehbarkeit Sachen zu finden, die irgendwie neu sind oder aufregend oder irritierend.

Wahl: "Die Zeit besteht aus den Jahren 1583 und 1995 und dem Monat August", heißt es in der ersten Regieanweisung, aber auch als Zuschauerin des Jahres 2022 hat man Déjà-Vu-Erlebnisse in Ihrer Highschool-Oper. Blicken wir hier auf einen Mikrokosmos der Gesellschaft?

Park: Voll! Es ist eine hermetische Welt mit verschiedenen Gruppierungen. Da gibt's die Sportler, die Bullys, die Nerds, die mean girls, die Goths und so weiter, und die grenzen sich über Oberflächlichkeiten voreinander ab: wie sie aussehen, wie sie sich kleiden. Das war eigentlich die Grundidee: Dass das ein Mikrokosmos einer Welt ist, in der der Wert von Meinungen extrem stark geworden ist, und zwar nicht nur auf der rechten Seite, sondern auch in unserer Bubble. Man grenzt sich anhand von Meinungen ab – und zwar von sehr oberflächlichen Meinungen. Das fanden wir eine interessante Übersetzung: Es gelten wieder dieselben Oberflächlichkeiten wie in der Highschool.

Wahl: Sie stoßen sich generell oft von Format-, Text- und Filmvorlagen ab, gern auch in äußerst origineller Kombination: Am Hamburger Schauspielhaus haben Sie diese Saison zum Beispiel Schillers „Räuber“ mit Steven Soderberghs Heist-Movie "Ocean's Eleven" zusammengedacht.

Park: Wenn man diese Vorlagen ernst nimmt und bedient, ist man gewissen Regeln unterworfen, und das finde ich prinzipiell gut, weil man so einen Rahmen hat. Außerdem zeichnen sich all diese Genres dadurch aus, dass sie unterhalten. Und Unterhaltung finde ich extrem wichtig auf einer Bühne; ich glaube, nur über die Unterhaltung kann man mit dem Publikum kommunizieren, weil das eine Form von Sprache ist, die von vielen gesprochen wird. Aber vor allem lieb' ich's einfach.

Unterhaltung finde ich extrem wichtig auf einer Bühne; ich glaube, nur über die Unterhaltung kann man mit dem Publikum kommunizieren, weil das eine Form von Sprache ist, die von vielen gesprochen wird. Aber vor allem lieb' ich's einfach.
Bonn Park
Henriette Nagel auf der Bühne von Gymnasium

Henriette Nagel als Ashleygunde Newhouse, das neue Mädchen

Max Poerting als Kylefried O´Donnel, der Nerd mit Chor

Max Poerting als Kylefried O´Donnel, der Nerd mit Chor

Vincent Sauer als Joshphilius Papadopoulos, der Goth und Pola Jane O'Mara als Sallygard Simmons, die Goth

Vincent Sauer als Joshphilius Papadopoulos, der Goth und Pola Jane O'Mara als Sallygard Simmons, die Goth

Wahl: Zur Unterhaltung zu stehen, ist für viele eher schwierig im Theaterbetrieb.

Park: Das ist schade, denn das Theater ist ein Ort für Unterhaltung und Schönheit, Spiegel Online ein Ort für Schlagzeilen und die Universität ein Ort für akademische Bildung. Und nicht irgendwie umgekehrt. Nur eins von den dreien versteht manchmal nicht, was es ist und versucht irgendwas anderes zu sein. Für mich ist das ein bisschen wie l'art pour l'art – nur ist es jetzt political for political.

Wahl: Politischsein um des Politischseins willen?

Park: Ja, wo die Haltung und der Inhalt oft gar nicht richtig klar ist und viel Wiedergekäutes an die Front gebracht wird: Sachen, die in der freien Wirtschaft schon tausendmal vorgekommen sind.

Wahl: Woran denken Sie zum Beispiel?

Park: Es gibt ja so Modethemen, die vorn an die Theater geschrieben werden oder in die Konzepte, aber wenn man vor sieben Jahren durch die T-Shirt-Abteilung von H&M gegangen ist, stand dort schon überall "Girlpower" drauf. Das sind lustige Widersprüche, weil wir im Theater glauben, wir sind die Speerspitze der Progressivität und seien Läden wie H&M seelisch und intellektuell überlegen. Man kritisiert die Neoliberalität genau dieser Orte, um sie dann Jahre später zu imitieren unter dem Deckmantel des politischen Fortschritts und der Wokeness, die aber viel schlimmer neoliberal sind, weil sie so tun oder wirklich glauben, dass sie es nicht seien.

Wahl: Ziemlich harte Kritik am Theaterbusiness!

Park: Mich nerven gar nicht so sehr die Theater, sondern deren Künstler, die ganze Karrieren auf angeblicher Nächstenliebe und politischen Forderungen aufbauen, aber deren Meinungen nur Ware und Kapital sind, die die Institutionen aufkaufen müssen, weil sie Angst vor Ärger haben. Ich finde da keinen Unterschied zu H&M, außer dass die nicht rumrennen und moralische Forderungen stellen.

Wahl: Empfinden Sie den Betrieb so?

Park: Zum Glück sind die meisten Künstler und Theater nicht so, aber die verlieren ihre Sichtbarkeit nach den Regeln des Marktes.

Der Text sagt das eine – und die Musik etwas ganz anderes. So kommt man, finde ich, näher an ein Lebensgefühl heran, wo Empfindungen ja auch komplexer sind als 'entweder – oder'
Bonn Park
Komponist Ben Roessler

Wahl: In "Gymnasium" arbeiten Sie erneut mit dem Komponisten Ben Roessler zusammen, mit dem Sie, angefangen von "Drei Milliarden Schwestern" 2018 an der Berliner Volksbühne,  bereits mehrere Theaterhits gelandet haben. Haben Sie in diesem Format und in dieser Zusammenarbeit jetzt Ihre ideale Form gefunden?

Park: Ich bin eigentlich immer daran interessiert, Sachen neu und anders zu machen, nicht zu fest zu werden, aber die Form macht nach wie vor total Spaß. Sie ist aber für die Theater relativ aufwendig, deshalb kann man das nicht überall machen. Da muss immer auch ein großes Commitment vom Haus dabei sein.

Wahl: Die Musik hat zurzeit Konjunktur im Sprechtheater, in mehreren tollen Arbeiten der gerade zu Ende gegangenen Saison – etwa Yael Ronens "Slippery Slope" am Berliner Maxim Gorki Theater – spielt sie ebenfalls eine handlungstragende Rolle. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Park: So generell kann ich das nicht sagen, aber für mich habe ich eine Erklärung: weil das voll Spaß macht! Musik hat ja eine hohe emotional manipulative Kraft – also gar nicht im negativen Sinn, sondern insofern, als sie eben beeinflusst, was wir fühlen. Deswegen hören wir ja auch gern Musik: weil sie Stimmungen erzeugt oder trägt. Mit der Bild- und der Textsprache kann man dann etwas anderes erzählen, also verschiedene Ebenen gleichzeitig haben: Der Text sagt das eine – und die Musik etwas ganz anderes. So kommt man, finde ich, näher an ein Lebensgefühl heran, wo Empfindungen ja auch komplexer sind als 'entweder – oder'. Deshalb ist das einfach ein total gutes Mittel.

Wahl: Wie arbeiten Sie? Entstehen Ihre Inszenierungen gemeinsam mit dem Team und dem Ensemble während der Proben?

Park: Als wir uns auf "Gymnasium" vorbereitet haben, haben wir drei Wochen lang Musik gemacht, Texte gelesen und Highschool-Filme geschaut, jeden Tag einen. Aber den Text schreibe ich dann allein, ich bin ein Fan von Kompetenzverteilung. Dafür werde ich ja auch bezahlt, und dafür übernehme ich gern die Verantwortung. Aber dadurch, dass wir vorher gemeinsam über das Thema reden, dass wir von allen ähnliche Fragen und Gedanken hören und diese Zeit zusammen erleben, ist man, wenn der Text da ist, schon so wie on the same page. Man hat dann immer das Gefühl: Ah ja, darüber haben wir gesprochen und darüber haben wir gesprochen und darüber haben wir gesprochen – und nicht: Das hab' ich geschrieben, das war meine Idee. Da entsteht, glaube ich, die Kollektivität: nicht im Wort an sich, aber in der Seele.

Wahl: Sie stecken schon wieder mitten in neuen Proben: Am Theater Basel hat im September Ihre Arbeit "Der Phönix aus der Währung" Premiere. Was erwartet uns dort?

Park: Wir wollten eigentlich einen Finanzthriller machen und haben dann zu Beginn der Arbeit festgestellt, dass es gar nicht so viele Finanzthriller gibt. Also haben wir allgemein über Geld gesprochen: Was ist diese housing bubble gewesen, was ist Kryptowährung, was sind NTFs und so weiter. Und egal, worüber man redet: Man scheitert immer daran, dass man es nicht ganz versteht. Das war total spannend in dieser Recherchephase: Herauszufinden, dass man eigentlich nicht weiß, was Geld ist, dass nicht mal die ausgewiesensten Experten es verstehen, dass es aber gleichzeitig nichts gibt, woran wir Menschen mehr glauben oder worauf wir mehr vertrauen. Das ist eigentlich wie eine Pyjamaparty von Kindern, die die Augen zumachen und sich eine Geschichte erzählen, von Feenwesen oder so: Geld entsteht nur aus unserer Vorstellungskraft heraus, dass es existiert und echt ist.

 

Das war total spannend in dieser Recherchephase: Herauszufinden, dass man eigentlich nicht weiß, was Geld ist, dass nicht mal die ausgewiesensten Experten es verstehen, dass es aber gleichzeitig nichts gibt, woran wir Menschen mehr glauben oder worauf wir mehr vertrauen.
Bonn Park

Wahl: Können Sie das konkretisieren?

Park: Früher hat man Ziegen gegen Katzen getauscht, dann war das unpraktisch und man hat gesagt: Komm, wir nehmen Goldmünzen, die haben einen Wert, die gibt’s nicht so oft, die sehen gut aus. Dann hat irgendwann ein schlauer Typ, als Frankreich bankrott war, gesagt: Komm, wir schreiben einfach Schuldscheine, schreiben hundert drauf und sagen: Der Staat bürgt dafür – und dann gab's Papiergeld. Schließlich kamen elektronische Bankkonten, wo das Geld nicht mal mehr haptisch ist, und jetzt gibt es Kryptowährung – es wird, im Wortsinne, immer fiktiver. Sich damit zu beschäftigen, war wirklich wie so ein Matrix-Moment bei den Proben!  

Wahl: "Der Phönix aus der Währung" wird wieder ein Musiktheaterabend mit dem Komponisten Ben Roessler – namentlich eine Barockoper. Wo ist für Sie der Link zum Finanzwesen?

Park: Zunächst einmal haben wir uns für Barock entschieden, weil es wahnsinnig schön ist – und etwas Neues, was wir noch nicht gemacht haben. Außerdem war der Barock natürlich auch eine Endzeit von etwas – ein Höhepunkt, nach dem es wieder bergab ging. Und das ist ja ähnlich zu der Zeit, in der wir leben, und zur heutigen Finanzwelt: Der Höhepunkt liegt wahrscheinlich so zehn Jahre zurück, und irgendwann kommt die Katastrophe. Das ist eigentlich so der Zusammenhang zwischen Barock und Finanzthriller, der sich bei den Proben gerade herauskristallisiert: Dass es so schön ist, dass es gleich alles platzt.

Mehr zur Autorin

Kuratorin und Autorin Christine Wahl

Christine Wahl ist Theaterkritikerin und Mitglied der "Radikal-Jung"-Jury. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Soziologie in Freiburg und Berlin und arbeitet seit 1995 als freie Autorin u. a. für den Tagesspiegel, Theater heute und den Spiegel. Von 2020 bis 2021 war sie Redakteurin bei "Theater der Zeit", seit 2022 ist sie Mitglied der nachtkritik-Redaktion. Als Jurorin war sie u. a. für das Berliner Theatertreffen, den Hauptstadtkulturfonds, den Kranichsteiner Literaturpreis, den Berliner Senat und das Festival "Impulse" tätig und gehört aktuell dem Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage "Stücke" an.