Welchen Anspruch hat Radikal jung an sein Publikum?
Radikal jung ist zusammen mit dem Volkstheater sehr darauf ausgerichtet, sein Publikum mit den gegenwärtigen Realitäten neugierig zu machen und es in eine Konfrontation mit der Kunst und der Wirklichkeit zu bringen. Da wäre zum Beispiel "Gondelgeschichten" zu nennen. Ein dokumentarisches Theaterprojekt vom Institut für Medien, Politik & Theater am Tiroler Landestheater, das sich mit dem Ischgl-Skandal auseinandersetzt und eine Wirklichkeit verhandelt, die sehr nahe an dem Münchner Publikum ist. Also die Alpen, der Wintersport und das Skifahren als ein wichtiger Teil der eigenen kulturellen Identität. Die Inszenierung hinterfragt die politischen Realitäten radikal und mit sehr viel bösem Humor und weitet das zu einer Reflexion über die Lebens- und Arbeitswelten aus, die gerade untergehen. Plötzlich handelt das Stück von der Klimakatastrophe und den Skigebieten als Orte, die es bald nicht mehr geben wird. Und von den Skandalen, die es bald nicht mehr geben wird, weil man nicht mehr Skifahren kann. Das ist sozusagen eine Form von einem neuen und anderem Volkstheater, das sehr nahe an den Menschen ist und innerhalb deren Lebensrealität recherchiert.
Welche Arbeit fordert das Publikum noch heraus?
In der "Dan Daw Show" geht es um Menschen mit und ohne Behinderung, also mit verschiedenen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Und es ist die Begegnung von zwei Männern auf der Bühne. Eigentlich eine Choreographie, in der es zu einer Situation von Herr und Knecht, von Herrschaft und Ausübung kommt. Es entsteht auf der Bühne ein komplexes und kompliziertes Verhältnis, das die Zuschauer*innen in Momente von echtem Dilemma bringt. Kann man das wirklich machen? Will ich das überhaupt sehen? Darf ich das sehen? Für das Publikum ist es ein sehr herausfordernder Abend. Aber die Inszenierung hat das schönste Ende des ganzen Festivals. Da lohnt sich wirklich die Reise, die man gemeinsam mit der Show als Zuschauer*in gemacht hat. Man geht mit einer Erfahrung aus diesem Theaterabend, die man so nirgendwo anders hätte machen können.
Ein Theater der Konfrontation und ein Theater der Reise also, das auch mit einer Katharsis für das Publikum endet?
Das ist ein schöner Gedanke. Es sind viele sehr spannende, anspruchsvolle, aber auch äußerst unterhaltsame Reisen durch neue, imaginäre Welten dabei, die uns helfen, die neuen Wirklichkeiten besser zu verstehen.