In LANDS von 2016/18, das auf einer Mini-Bühne spielt, sitzt eine der beiden Spielerinnen an einem Tisch mit einem enormen Puzzle und bespricht ihre Umwelt mit detailreichen wie spekulativen Beschreibungen der durchnummerierten Puzzle-Teile vor ihr und dem möglichen Szenarium, das sie am Ende ergeben. Neben ihr wippt eine zweite Spielerin auf einem Trampolin, von dem sie das ganze Stück über nicht herunter kommt, fast nicht. Natürlich ist es die Puzzle-Spielerin Leah, die als erste die Balance verliert, und zwar schon bei Minute drei des Abends, als die Trampolin-Springerin Sophie Obstschalen auf den Boden fallen lässt und nicht wieder aufhebt. Denn das kann sie nicht. Sie kann nicht runter vom Trampolin. Sie kann nicht aufhören, zu wippen. Das Trampolin bestimmt alles, was sie tut. Es ist das Fundament ihres Seins. Und obwohl es dafür nicht die geringste Erklärung gibt, versteht man, dass es genau so ist. Und dass genau das der Ausgangspunkt ist für einen psychologischen Ringkampf zwischen zwei Menschen, dem man als Publikum in einer absurden Mischung aus Atemlosigkeit, suchtgefährdender Schaulust und Schuldgefühlen folgt, je nachdem auf welche Seite man sich schlägt und ob man sich danach sehnt, dass sich die Spannung löst, oder eben nicht.
In der Performance SOMETHING NEW, entstanden 2019 im Rahmen eines Workshops des Performance Laboratory am Mozarteum Salzburg, schleudert eine Tänzerin ihre beiden Schauspieler-Kollegen jedes Mal, wenn sie eine Schrittfolge nicht so ausführen, wie sie es haben will, gegen eine große blaue Turnmatte. Auf der markieren gelbe im Kreis angeordnete Kreuzchen den Sternen-Kranz der Europäischen Union. Die Metapher ist klar: Die Interessengemeinschaft, in der die Interessen immer wieder aufs Neue und unter wechselnden Vorzeichen ausgehandelt werden, ist ein Dominanz-Geschäft, bei dem alle darum bemüht sind, möglichst schnell von den Strategien ihrer Gegner zu lernen. Also finden in dieser vermeintlich binär konstruierten Situation die Männer/Schauspieler mit der Zeit einen Weg "das Spiel" der Frau/Tänzerin umzudrehen und ihr die selben Sanktionen angedeihen zu lassen, solange bis sie es wieder schafft, die Allianz der Männer zu zerlegen und erneut Oberwasser zu gewinnen. Die binär oppositionellen Rollenmodelle werden hier mit der Opposition von Schauspiel und Tanz gedoppelt, als einer Übersetzung der Kompetenz- und Machtfrage. Das politische Vorzeichen Europa springt über auf den Kunstprozess und wieder zurück. Der Umgang miteinander ist Teil einer Dominanz-Praxis: der Politik, der Geschichte, der Kultur. Es geht darum, jemandem seinen Standpunkt aufzuzwingen. Gleichzeitig lässt einen die Inszenierung mit einer beunruhigenden Ambivalenz im Verhältnis der Beteiligten zurück. Von den drei Performer*innen geht eine diffuse und doch spürbar aufgeladenen Mischung aus Lust, Ehrgeiz, Herrschsucht, Spieltrieb, Revanchismus, Unberechenbarkeit aus, verbunden mit dem Gefühl, dass das ewig so weiter gehen wird. Jaz Woodcok-Stewart dringt in SOMETHING NEW mit einer vermeintlich simplen Versuchsanordnung in die Tiefenstruktur sich reproduzierender Gewaltverhältnisses vor. Und das so geschickt, so wahrhaftig, so dermaßen "mit Haut und Haar", dass sie es schafft, in der klassischen Theatersituation einen Raum zu öffnen, in dem eine komplexe Erfahrung geteilt wird. Die Inszenierung zielt auch auf den Körper des Publikums und auf einen Wahrnehmungsapparat, mit dem gleichzeitig gefühlt und gedacht werden kann.