Interview: Tobias Obermeier
Wie radikal und jung ist das Theater im Jahr 2025?
HANNAH MEY: Radikales und junges Theater hat es momentan nicht unbedingt leicht: Die Zeiten sind ungewiss, die gesellschaftliche Grundstimmung, die sich auch im Theater niederschlägt, ist von Angespanntheit und Unsicherheit geprägt. Der Mut, sich etwas zu trauen und auch radikal zu scheitern, ist an den Theatern gerade nicht automatisch gegeben.
Liegt dieser fehlende Mut an den Kulturkürzungen?
MEY: Bestimmt auch! Durch die Kürzungen herrscht ein großer Druck auf das Theatermachen und die Theatermachenden. Dinge müssen sofort funktionieren – und zwar am besten direkt für eine große Masse. Zusätzlich gab es nach Corona große Einbrüche bei den Zuschauerzahlen. Beides ist ein schlechter Motor für radikales Theater.
LEON FRISCH: Das hängt auch damit zusammen, wie das System für Regieanfänger*innen angelegt ist. Viele junge Regisseur*innen sagen zu sich selbst, sie müssten bestimmte Kriterien erfüllen oder dürften nur bestimmte Stoffe bearbeiten, um einen gewissen Stil herauszuarbeiten. Die Institutionen geben dem Nachwuchs weniger die Freiheit, einfach mal etwas zu riskieren. Es gab vor ein paar Jahren einen Trend, dass viele aus der freien Szene in die Stadttheater gekommen sind. Dabei ist aber keine neue Theaterform entstanden. Es wurden einfach ein paar Talente abgegriffen und in das funktionierende Stadttheatersystem integriert.