"Das einzig Wahre sind meine Gefühle"

In dem Stück "Ein Volksfeind" dreht sich alles um die Suche nach der vermeintlichen Wahrheit. Ein Gespräch mit der Schauspielerin Carolin Hartmann über das Spiel mit den Extremen, die Rolle von KI und ob sie eigentlich gut lügen kann.

Interview: Julia Rothhaas

In "Ein Volksfeind" spielst du die Moderatorin einer Talkshow, die alle Wahrheiten und Unwahrheiten, die zuvor aufgetaucht sind, final diskutieren möchte. Diesen Teil hat die Regisseurin Sapir Heller dem ursprünglichen Stück von Henrik Ibsen aus dem Jahr 1882 hinzugefügt. Warum ist das für das Stück wichtig?
Carolin Hartmann: Es gibt einen Satz, mit dem wir während der Proben viel gearbeitet haben: "Es ist gar nicht so entscheidend, herauszufinden, was wahr oder nicht wahr ist – sondern welche Wahrheit wir überhaupt hören wollen". Denn Fakt ist ja, dass es zu jedem Thema gefühlt zig Wahrheiten gibt. Damit stellt sich auch die Frage: Wer entscheidet, welche davon tatsächlich wahr ist? Die Mehrheit? Aber ist die Mehrheit immer im Recht? Wohl kaum. Dieses Thema ist unendlich groß, deswegen versuchen wir im Rahmen dieser Talkshow das Spiel mit der Wahrheit ins Extreme zu ziehen.

Schauspielerin Carolin Hartmann (c) Gabriela Neeb

Wenn die Wahrheit das ist, was wir hören wollen: Ist sie dann im Grunde die Version, mit der wir am besten leben können?
Ich halte sie oftmals für eine Art Schutzmechanismus. Manchmal versucht man eine Wahrheit ja mit Wahrscheinlichkeiten für sich selbst "wahrer" zu machen. Das mag uns vielleicht kurzfristig beruhigen, aber dass somit eine These auch haltbar ist, zeigt sich oft nicht. Es bleibt mindestens ein Fragezeichen.

Haben wir es heute schwerer mit der Wahrheit als die Protagonist*innen im Stück von 1882?
Ich denke schon. Weil wir im Gegensatz zu ihnen unendlich viele Möglichkeiten haben, um an Informationen zu kommen. Früher kam einmal die Woche ein Brief mit der Postkutsche, heute wird mir alles fast schon hingeschüttet, ich werde binnen Sekunden überflutet mit Informationen. Ich kenne noch die Zeit ohne Internet und weiß, wie ich im Lexikon nachgeschlagen habe, wenn ich etwas wissen wollte. Heute schmeißt mir das Netz ein "Best of" vor die Füße. Das Problem ist allerdings: Viele haben vergessen oder gar nicht erst gelernt, sich anzugucken, woher die Informationen überhaupt kommen.

Einfach mal kurz selbst nachdenken, das machen viele gar nicht mehr, nicht einmal bei kleinsten Fragen im Alltag.
Eine Kostümfigurine für die Rolle der Moderatorin (Bühne und Kostüme: Anna van Leen)

Die Sache mit den Wahrheiten wird durch die künstliche Intelligenz zunehmend komplizierter. Macht dir das Sorgen?
Sogar große. Ich finde es wirklich krass, wie viele Menschen ganz selbstverständlich alle Fragen ihres Lebens mit ChatGPT klären. Einfach mal kurz selbst nachdenken, das machen viele gar nicht mehr, nicht einmal bei kleinsten Fragen im Alltag. Mich erschreckt das. Auch weil es meinen Beruf betrifft.

Was genau meinst du?
Ich arbeite auch als Synchronsprecherin und sage manche Anfragen inzwischen fast unbesehen ab, weil einige Unternehmen meine Stimme neben dem eigentlichen Auftrag auch für das Training ihrer KI benutzen möchten. Was im Grunde bedeutet: Ich schaffe mich selbst ab und habe darüber hinaus überhaupt keine Kontrolle mehr darüber, für was meine Stimme dann eingesetzt werden kann. Es könnte ja sein, dass "ich" zum Beispiel die Unwahrheit in einem Werbespot sage. Genau das möchte ich aber nicht.

Ich bin ein großer Bauchgefühl-Mensch und finde, dass man lernen muss, auf sich zu vertrauen.

Woran orientierst du dich auf der Suche nach deiner eigenen Wahrheit?
Diese Suche fängt ja schon bei den einfachsten Dingen an, zum Beispiel: Sind meine Eltern wirklich meine Eltern? Ich hoffe es und das glaube ich auch, aber beim Zeugungsakt war ich nicht dabei. Hundertprozentig kann ich es eigentlich erst wissen, wenn ich eine DNA-Analyse machen lasse. Weil ich also oft nicht weiß oder wissen kann, was wirklich wahr ist, sind für mich das einzig Wahre erst einmal meine Gefühle. Darauf kann ich mich immer verlassen.

Du bist Mutter einer Tochter. Versuchst du ihr das weiterzugeben: Dass die Wahrheit das ist, was sie fühlt?
Ja. Ich bin ohnehin ein großer Bauchgefühl-Mensch und finde, dass man lernen muss, auf sich zu vertrauen. Ich kann meinem Kind Ratschläge geben, aber im Endeffekt muss sie lernen, ihre eigene Wahrheit zu finden.

Bist du eigentlich eine gute Lügnerin?
Nein, überhaupt nicht. Auf der Bühne kann ich lügen ohne Ende, ich kann fies und eklig sein. Aber im Privaten ertappt man mich sofort, wenn ich die Unwahrheit sage: an meinen roten Ohren. Dagegen kann ich nichts machen. Außer beim Lügen eine Mütze aufzuziehen.

 

"Ein Volksfeind" von Henrik Ibsen in Regie von Sapir Heller ist ab dem 30. Oktober 2026 auf Bühne 1 des Münchner Volkstheaters zu sehen.