Haben wir nicht ohnehin alle ständig Angst?
Natürlich ängstigen wir uns, wenn wir die Nachrichten sehen. Dann werden wir meist aber sehr schnell wütend, weil wir gelernt haben, dass dies ein gesünderer Umgang damit ist als sich zu fürchten. Dabei hat Angst auch etwas Kathartisches. Ich glaube, dass wir uns dadurch offen und sensibel machen können. Angst zuzulassen, ist auch eine Chance zu fühlen.
Durch den kleinen Grusel verliert die große Angst doch nicht an Schrecken, oder?
Nein. Aber tatsächlich gibt es eine Reihe wissenschaftlicher Studien dazu, dass es einen insgesamt resilienter macht, wenn man sich erschreckt. Wem der Puls ab und zu mal in die Höhe schnellt, der fühlt sich befreit, bekommt das Gefühl von Kontrolle und lernt, mit ähnlichen Szenarien aus dem echten Leben anders umzugehen.
Fällt es uns heute schwerer als zu Oscar Wildes Zeiten, uns zu gruseln?
Ich glaube schon, denn es gibt einen Trend, sein Nervensystem vor und nach jeder Emotion zu regulieren. Für jede Emotion gibt es einen Selfcare-Trick, für jede Ungewissheit einen Wikipedia-Artikel, dabei kann so ein Schauder ja auch ein schönes Gefühl sein. Etwa wenn einem jemand Fremdes zulächelt, dann rührt sich etwas in uns. Eine Emotion wie Angst hat außerdem ein verbindendes Moment. Ich glaube sogar, Furcht wirklich zuzulassen ist mutiger als wütend zu werden. Das ist auch ein Grund, warum ich so gerne Gruselfilme gucke. Es hört sich vielleicht blöd an, aber dadurch fühle ich endlich mal wieder etwas.