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Interview: Julia Rothhaas
Katharina, du feierst in Kürze Premiere mit "I WANNA CONTACT THE LIVING - Das Gespenstische von Canterville". Werden sich die Besucher*innen gruseln in deinem Stück?
Katharina Grosch: Es wird schon einen kleinen Schauder geben, aber nicht auf die klassische Horrorfilm-Art. Ich glaube nicht, dass das auf einer Theaterbühne funktioniert. Außerdem wird es auch sehr lustig.
Ein Gespenst, das Angst verbreiten will, aber nicht mehr ernst genommen wird: Oscar Wilde hat diese Erzählung 1887 geschrieben. Warum hast du dich für dieses Stück entschieden?
Ich arbeite eng mit Hanna Rode zusammen, die für Bühne und Kostüm verantwortlich ist. Die Idee, etwas mit Geistern zu machen, hat uns fast magisch angezogen. Außerdem ist ein schauriges Stück eine gute Gelegenheit, das Gefühl der Angst zu untersuchen.
Haben wir nicht ohnehin alle ständig Angst?
Natürlich ängstigen wir uns, wenn wir die Nachrichten sehen. Dann werden wir meist aber sehr schnell wütend, weil wir gelernt haben, dass dies ein gesünderer Umgang damit ist als sich zu fürchten. Dabei hat Angst auch etwas Kathartisches. Ich glaube, dass wir uns dadurch offen und sensibel machen können. Angst zuzulassen, ist auch eine Chance zu fühlen.
Durch den kleinen Grusel verliert die große Angst doch nicht an Schrecken, oder?
Nein. Aber tatsächlich gibt es eine Reihe wissenschaftlicher Studien dazu, dass es einen insgesamt resilienter macht, wenn man sich erschreckt. Wem der Puls ab und zu mal in die Höhe schnellt, der fühlt sich befreit, bekommt das Gefühl von Kontrolle und lernt, mit ähnlichen Szenarien aus dem echten Leben anders umzugehen.
Fällt es uns heute schwerer als zu Oscar Wildes Zeiten, uns zu gruseln?
Ich glaube schon, denn es gibt einen Trend, sein Nervensystem vor und nach jeder Emotion zu regulieren. Für jede Emotion gibt es einen Selfcare-Trick, für jede Ungewissheit einen Wikipedia-Artikel, dabei kann so ein Schauder ja auch ein schönes Gefühl sein. Etwa wenn einem jemand Fremdes zulächelt, dann rührt sich etwas in uns. Eine Emotion wie Angst hat außerdem ein verbindendes Moment. Ich glaube sogar, Furcht wirklich zuzulassen ist mutiger als wütend zu werden. Das ist auch ein Grund, warum ich so gerne Gruselfilme gucke. Es hört sich vielleicht blöd an, aber dadurch fühle ich endlich mal wieder etwas.
Angst zuzulassen, ist auch eine Chance zu fühlen.
Ohne zu persönlich werden zu wollen: Weil du dir sonst mit dem Fühlen schwer tust?
Nein, damit tue ich mir an sich nicht schwer. Vielmehr bin ich wegen einer Angststörung in Therapie. Dabei geht es darum, wie Gefühle weniger überwältigender werden, selbst negativ konnotierte Emotionen im Alltag ihren Platz finden und wie man Gefühle aller Art zulassen kann.
Wann hast du dich das letzte Mal so richtig gegruselt?
Neulich, in meiner Wohnung. Irgendwann nachts, natürlich zur Geisterstunde, brummte es plötzlich furchtbar laut in der ganzen Wohnung. Ich wurde aus dem Tiefschlaf gerissen, habe mich furchtbar erschrocken, der Hund begann zu Heulen. Ich hatte das Gefühl, meine Wohnung würde gleich wegfliegen. Bis ich verstand, dass es meine defekte Klospülung war. Am meisten Angst habe ich aber davor, dass mein kleiner Hund sterben könnte.
Furcht wirklich zuzulassen ist mutiger als wütend zu werden.
Hast du einen Lieblings-Gruselfilm?
Tatsächlich gucken wir zur Vorbereitung viele solche Filme. Meist bringe ich welche mit, die ich als Teenagerin gesehen habe.
Und: Sind die immer noch so schlimm wie früher?
Nein, bei weitem nicht. Ein gutes Beispiel: "Insidious". Dieser Film aus dem Jahr 2010 gilt als einer der gruseligsten modernen Horrorfilme. Und ja, es gibt da gute Schockmomente, aber so wirklich arg ist es nicht. Mir gefallen inzwischen eher Filme wie "Midsommar" von Ari Aster. Doch die mit Abstand unheimlichste Sendung bleibt die "Tagesschau".
"I WANNA CONTACT THE LIVING - Das Gespenstische von Canterville" von Katharina Grosch frei nach Oscar Wilde in Regie von Katharina Grosch ist ab dem 11. Juni 2026 auf Bühne 2 des Münchner Volkstheaters zu sehen.