"Die Musik ist unsere Dramaturgie"

Sophie Haydee Colindres Zühlke und Serhat "Saïd" Perhat kehren nach "GREY" mit ihrem neuen Tanzprojekt "Tide" zurück ans Volkstheater. Im Gespräch erzählen sie, was das Publikum dieses Mal erwartet und wie man urbanen Tanz auf der großen Bühne inszeniert.

Interview: Tobias Obermeier

"GREY", euer erstes Tanzprojekt und auch das erste überhaupt am Münchner Volkstheater, war ein großer Erfolg bei Publikum und Kritik. Wie hat euch dieser Erfolg verändert?
Perhat: Der Erfolg gab uns in erster Linie mehr Selbstbewusstsein und stärkte uns darin, weiterhin an unsere Vision zu glauben.
Colindres Zühlke: Er gibt uns das Vertrauen, weiterhin mit Tanzstilen zu arbeiten, die auf den Theaterbühnen in München oder Deutschland bisher nicht zu sehen waren. Das Interesse an Tanzproduktionen ist gerade sehr groß und es gibt noch nicht so viel Angebot. Das stärkt uns in dem, was wir machen.

Wie reagiert die Münchner Community darauf, dass urbaner Tanz mittlerweile an einem großen Theater wie hier inszeniert wird?
Perhat: Was ich immer wieder höre, ist dieser eine Satz: "Es wurde Zeit". Wir wurden bis dahin oft unterschätzt und als Tänzer*innen von der Straße beäugelt. Mit "GREY" bekamen wir eine Plattform an einem der großen Theater der Stadt. Viele haben gemerkt, dass unser Tanz auch auf der Bühne funktioniert.
Colindres Zühlke: Die Leute aus unserer Tanzcommunity fühlen sich endlich gesehen durch das, was wir auf der Bühne machen.

Das Choreografie- und Regieduo Sophie Haydee Colindres Zühlke und Serhat "Saïd" Perhat (c) Elisabeth Maslik

In der Musik gibt es das verflixte zweite Album nach dem erfolgreichen Debüt. Wie ist das bei euch und eurer zweiten Tanzproduktion "Tide"?
Colindres Zühlke: Wir versuchen nicht darüber nachzudenken, ob sie gut ankommen wird. Wir möchten die Chance nutzen, weiter zu experimentieren und unsere Fertigkeiten fortzuentwickeln.
Perhat: Ich bin weniger aufgeregt als letztes Jahr vor der Premiere von "GREY". Natürlich möchten wir ein großartiges Theaterstück entwickeln. Aber ich sehe das alles auch als Lernprozess. Es ist das zweite Mal, dass wir in diesem Umfang arbeiten. Deswegen möchten wir uns auch als Choreograf*innen weiterentwickeln und nicht an der einen Erfolgsformel festhalten. Wir sind in der Hinsicht risikobereit.

Es geht um dieses Gefühl, das man hat, wenn man in den Sternenhimmel oder auf das weite Meer blickt.

Was wird das Publikum dieses Mal auf der Bühne erwarten?
Perhat: Das Publikum wird mehr ein Gefühlszustand erwarten und weniger eine Geschichte. Die zentrale Metapher des Stücks sind die Gezeiten. Ebbe und Flut stehen nicht nur für das Wasser, sondern auch für Zustände des Lebens. Spannung und Entspannung, Isolation und Gemeinschaft. Es geht um diese Dualität in unserem Leben und eine zyklische Welt, die größer ist als wir. Eine Welt, auf die wir keinen Einfluss haben. Es geht um dieses Gefühl, das man hat, wenn man in den Sternenhimmel oder auf das weite Meer blickt. Das Gefühl, ein kleiner Teil von etwas sehr Großem zu sein.

"Das Gefühl, ein kleiner Teil von etwas sehr Großem zu sein." (c) Elisabeth Maslik

In der Musik gibt es ein Notenheft, im Film ein Drehbuch und im Sprechtheater ein Theaterstück. Wie geht man im Tanz vor? Verschriftlicht ihr eure Choreografien?
Perhat: Die Musik ist unsere Dramaturgie und unser Leitfaden. In ihr sind bereits alle Stimmungen enthalten. Ausgehend von der Musik sammeln wir verschiedene Konzepte für Bewegungen und versuchen sie in eine Reihenfolge zu bringen, die zu den Stimmungen passt. Das ist die grobe Vorgehensweise.
Colindres Zühlke: Wir beide haben das Stück komplett im Kopf. Aber wir haben zwei Regieassistent*innen, die während der Proben alle Szenen aufschreiben und ein Regiebuch anfertigen, das die Tänzer*innen verwenden können. 

Welche Musik kommt dieses Mal zum Einsatz?
Perhat: Wir arbeiten wieder mit unserem Sounddesigner Konstantin Hofmann zusammen, der bereits für "GREY" die Musik entworfen hat. Die Leitidee ist das Organische in der Natur. Wir haben viele Wassergeräusche gesampelt. Tropfen, Bäche, Flüsse, Meereswellen, alle möglichen Sounds aus der Natur. Die Musik funktioniert wie Ebbe und Flut. Es ist ein wiederholtes Auf- und Abbauen in verschiedenen Qualitäten.

In "GREY" habt ihr mit sehr viel Stoff auf der Bühne gearbeitet. Wie ist es dieses Mal?
Colindres Zühlke: Dieses Mal trauen wir uns, viel mehr Fläche auf der Bühne zu benutzen. Es gibt nur ein sehr minimalistisches Bühnenbild.
Perhat: Das Besondere ist, dass sich die Fläche auf der Bühne wie bei den Gezeiten auf- und abbaut. Wir haben bewegbare Bühnenelemente, die hoch- und runtergefahren werden. Die Bühne ist wie eine Landschaft, die sich verändert. Außerdem gibt es eine Live-Kamera, die das Geschehen in der Vogelperspektive zeigt.

Urbaner Tanz ist im Theater eigentlich nicht üblich.

"GREY" dauert ungefähr 75 Minuten. "Tide" wird eine ähnliche Länge haben. Hängt die geringere Spielzeit im Vergleich zum Sprechtheater mit der körperlichen Belastbarkeit im Tanz zusammen?
Perhat: Urbaner Tanz ist im Theater eigentlich nicht üblich. Wir sind Teil einer Szene, die ihre eigenen Codes und ihre eigene Art und Weise zu tanzen hat. Üblicherweise tanzen wir zwischen 45 und 60 Sekunden innerhalb eines Durchlaufs und das vielleicht zwei-, dreimal hintereinander. Das ist eine extrem kurze Form. Auf der Bühne ein über 60-minütiges Tanztheater zu entwickeln, ist schon eine Herausforderung. Wir müssen überlegen, welche Tools wir hier benutzen können, um unseren Tanz zu erweitern. Das macht die Arbeit sehr interessant.

Anne Schwarzelt und Brooklyn Odunsi Ifeacho tanzen und sind verantwortlich für Bühnen- und Kostümbild. (c) Elisabeth Maslik
Am Ende des Tages genießen wir es einfach, zu Musik zu tanzen.

Wie verhalten sich Breaking und Contemporary Dance zueinander?
Perhat: Zeitgenössischer Tanz kommt aus den Institutionen, Breaking von der Straße. Der eine Tanz ist stark strukturiert, der andere sehr freestyle. Diese zwei Welten müssen irgendwie zusammenkommen. Dabei können beide Tanzstile sehr stark voneinander profitieren.
Colindres Zühlke: Urbaner Tanz, darunter fällt Breaking, hat sich aus der Hip-Hop-Kultur entwickelt. Zeitgenössischer Tanz hingegen kommt aus dem Ballett und dem modernen Tanz. Das heißt, bei uns treffen sich komplett unterschiedliche Richtungen. Aber am Ende des Tages genießen wir es einfach, zu Musik zu tanzen.

"Tide" - Ein Tanztheaterstück von Sophie Haydee Colindres Zühlke und Serhat "Saïd" Perhat ist ab dem 11. April 2026 auf Bühne 2 des Münchner Volkstheaters zu sehen.

SCHON GEWUSST?

Breaking in München

Breaking (auch bekannt als Breakdance) ist ein urbaner Tanzstil, der in den 1970er Jahren im New Yorker Stadtteil Bronx entstand und aus der Hip-Hop-Kultur hervorgegangen ist. Ende der 1990er gründeten sich die ersten Breaking-Crews in München. Innerhalb der Community gibt es ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Das Wissen über das Tanzen und die dazugehörigen Werte und Codes werden von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Regelmäßig finden sogenannte Breaking Jams statt. Dabei treten Tänzer*innen aus der ganzen Welt gegeneinander an. In München gibt es ca. 100 aktive Tänzer*innen.

Einige Tänzer*innen des "Tide"-Ensembles gehören zur Sankofa Crew. Crews sind das Herzstück der Hip-Hop-Tanzkultur und bilden die Basis für die Entwicklung von individuellem Stil und Team-Performances. Die Crew trainiert gemeinsam, bestreitet Battles, entwickelt Shows und pflegt über den Tanzkontext hinaus meist auch eine starke persönliche Freundschaft.