Sie konnten 2022 den gesamten Nachlass von Maria Lazar sichten, der sich im Privatbesitz der Familie in Großbritannien befand. Warum blieb dieser so lange unveröffentlicht?
Es war bekannt, dass sich Manuskripte in Familienbesitz befanden. Aber man wusste nicht, um wie viele – und um was genau es sich dabei im Einzelnen handelte. Bevor Maria Lazar 1948 aufgrund einer schweren Erkrankung mit einem Föhn in der Badewanne Suizid beging, ordnete sie den kompletten Nachlass minutiös vor, den sie posthum bekannt wissen wollte.
Was passierte danach damit?
Maria Lazars einzige Tochter ging 1948 nach Südengland und nahm die Kisten mit dem Nachlass mit. Das waren zwei schwarze Metalltruhen, die dann, mit Alltagsgegenständen bedeckt, jahrzehntelang unberührt im Wohnzimmer der Familie in Northampton standen. Aber niemand durfte diese Truhen öffnen. Die Tochter wollte mit dem Nachlass nichts zu tun haben. Er war zu sehr mit den Traumata der Familie – zwei Tanten von Maria Lazar wurden im Holocaust ermordet – verbunden. Erst als die Tochter mit 92 Jahren starb, konnte sich die Enkelin mit den Kisten beschäftigen. Sie übergab den physischen Nachlass schließlich 2022 an die österreichische Exilbibliothek im Literaturhaus Wien.
Wie war der Moment für Sie, als Sie die Kisten erstmals sichten konnten? Für einen Verleger scheint das eine Sensation zu sein.
Es war ein großartiges Gefühl, als ich die Kisten das erste Mal öffnen durfte und sukzessive drei Tage in Nottingham als Gast von Kathleen alles durchgegangen bin. Die Reise zum Nachlass wurde von Kerstin Schütze übrigens in einem großartigen Radiofeature für den Ö1 festgehalten. Es war nicht ganz klar, was sich darin alles befinden würde. Von einigen ungedruckten Werken wusste man, von anderen wiederum nicht. Auch war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht klar, welche Typoskripte in welchem Zustand vorliegen würden.