"Die Meisterin der Grautöne"
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Interview: Tobias Obermeier
Herr Eibl, Sie veröffentlichen in ihrem Verlag "Das vergessene Buch" in Vergessenheit geratene Werke, vornehmlich von Autorinnen aus der Zwischenkriegs- und Exilliteratur. Wie viel Arbeit haben Sie noch vor sich?
Albert C. Eibl: Die Arbeit wird vermutlich (und hoffentlich) nie zu Ende sein. Sollte ich den Verlag noch 20 bis 30 Jahre weiterführen, würde ich andere Perioden abdecken. Das Vergessen, Wiederentdecken und Erinnern ist ein kontinuierlicher Prozess. Selbst wenn eine Rekanonisierung zunächst erfolgreich war, kann die Bekanntheit in der Folge schnell wieder verschwinden. Es gibt Autoren, die sogar zwei- bis dreimal im Laufe von 100 Jahren erfolgreich wiederentdeckt wurden.
Nach welchen Kriterien gehen Sie vor, wenn Sie ein Werk neu publizieren?
Die zentrale Frage lautet immer: Interessieren diese Werke ein heutiges Lesepublikum? Gibt es Parallelen zu unserer Zeit? Nur dann kann eine Wiederentdeckung glücken. Bei Maria Lazar ist das ohne Zweifel der Fall. Sie schrieb in den 1920er und 1930er Jahre über das Erstarken von Autoritarismus, die Abschaffung von Meinungsfreiheit und rassistische und ideologische Verfolgung. Themen, die in unserer Zeit wieder erschreckend relevant sind.
Maria Lazar war auch zu Lebzeiten kaum bekannt.
Warum geriet Maria Lazar so sehr in Vergessenheit?
Wir reden in diesem Fall immer vom Vergessen, aber als Buchautorin war sie de facto auch zu Lebzeiten kaum bekannt. Einen Großteil ihres Œuvres schrieb sie zwangsläufig für die Schublade. Das lag hauptsächlich an der unübersehbaren zeitkritischen Tendenz ihrer Schriften, aber auch an der Tatsache, dass ihr als Jüdin ab den frühen 1930er Jahren einschlägige Publikationsmöglichkeiten verwehrt waren. Ihr Debütroman "Die Vergiftung" war das einzige Buch, das zu Lebzeiten erschien. Es wurde 1920 in einer kleinen Auflage veröffentlicht und erhielt nur wenige Rezensionen. Immerhin provozierte die Veröffentlichung Äußerungen von Robert Musil und Thomas Mann. Abgesehen von zwei weiteren Werken, die nur als Fortsetzungsromane in Zeitschriften erschienen, wurde der Rest größerer Prosaarbeiten nie veröffentlicht. Das erste Buch, das nach ihrem Tod herauskam, war der Roman "Die Eingeborenen von Maria Blut". Ihre Schwester Auguste Lazar brachte ihn 1958 in der DDR heraus. Aber auch damals interessierte niemanden ein Buch über Antisemitismus und Nationalsozialismus. Es war schlichtweg zu früh für solche Themen und deren Aufarbeitung.
Maria Lazar ging 1933 mit Bertolt Brecht und Helene Weigel ins Exil nach Dänemark und später nach Schweden. Wie erging es ihr dort?
Als sie ins Exil ging, hat sie ihre Romane unter ihrem Klarnamen Verlagen in Deutschland, Österreich und der Schweiz angeboten. Aber die wollten sie nicht. In "Leben verboten!" geht es etwa um nationalsozialistische Umtriebe in Berlin und Wien. Ein deutschsprachiger Verleger konnte so etwas nach 1933 nicht publizieren, ohne selbst mit Repressalien zu rechnen. Immerhin erschien "Leben verboten!" in einer leicht gekürzten englischen Exilausgabe 1934 in London.
Ein Opfer ihrer Zeit.
Genau. Bei "Veritas verhext die Stadt" bediente sie sich jedoch eines Tricks. Sie gab vor, dass der Roman von einer dänischen Autorin namens Esther Grenen geschrieben worden sei, die zurückgezogen im dänischen Hochmoor lebe. Der Kiepenheuer Verlag fand die Geschichte interessant und veröffentlichte das Buch sehr erfolgreich als Fortsetzungsroman. Erst später kam heraus, dass Maria Lazar die wahre Autorin des Schelmenstücks ist und dass die Autorin Esther Grenen nur imaginiert war.
1938 schrieb Maria Lazar das Theaterstück "Der blinde Passagier". Worum geht es darin?
In dem Drama geht es um die Frage, was wir machen, wenn jemand unsere Hilfe braucht, den wir nicht kennen. Jemand, dem wir keine Verbindlichkeit gegenüber haben. Ebenso stellt Lazar die Frage, ob es überhaupt gefordert ist, dass jeder in einer Extremsituation zum Helden werden muss.
Versucht Maria Lazar eine Antwort darauf zu geben?
Das Stück ist nicht so einfach zu verstehen. Ich habe Maria Lazar in einem Interview einmal als Meisterin der Grautöne bezeichnet. Bei ihr gibt es kein Schwarz-Weiß. In "Der blinde Passagier" verhält sich zunächst der Sohn des Kapitäns am edelmütigsten, indem er den Fremden, einen jüdischen Arzt, rettet und auf dem Schiff versteckt, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Aber eigentlich ist es sein Vater, der sich am angemessensten verhält. Er betrachtet die Lage objektiv und sieht die Konsequenzen für seine Familie, die schnell im Gefängnis landen kann. Auch die Tochter agiert nicht so edelmütig und unbefangen heldenhaft, wie es zunächst den Anschein hat. Das Stück endet damit, dass sich der blinde Passagier erschießt. Warum er dies letztlich tut, ist die Frage, die unweigerlich unterschiedliche Interpretationen provoziert.
Es geht um die Frage, was wir machen, wenn jemand unsere Hilfe braucht, den wir nicht kennen.
Sie konnten 2022 den gesamten Nachlass von Maria Lazar sichten, der sich im Privatbesitz der Familie in Großbritannien befand. Warum blieb dieser so lange unveröffentlicht?
Es war bekannt, dass sich Manuskripte in Familienbesitz befanden. Aber man wusste nicht, um wie viele – und um was genau es sich dabei im Einzelnen handelte. Bevor Maria Lazar 1948 aufgrund einer schweren Erkrankung mit einem Föhn in der Badewanne Suizid beging, ordnete sie den kompletten Nachlass minutiös vor, den sie posthum bekannt wissen wollte.
Was passierte danach damit?
Maria Lazars einzige Tochter ging 1948 nach Südengland und nahm die Kisten mit dem Nachlass mit. Das waren zwei schwarze Metalltruhen, die dann, mit Alltagsgegenständen bedeckt, jahrzehntelang unberührt im Wohnzimmer der Familie in Northampton standen. Aber niemand durfte diese Truhen öffnen. Die Tochter wollte mit dem Nachlass nichts zu tun haben. Er war zu sehr mit den Traumata der Familie – zwei Tanten von Maria Lazar wurden im Holocaust ermordet – verbunden. Erst als die Tochter mit 92 Jahren starb, konnte sich die Enkelin mit den Kisten beschäftigen. Sie übergab den physischen Nachlass schließlich 2022 an die österreichische Exilbibliothek im Literaturhaus Wien.
Wie war der Moment für Sie, als Sie die Kisten erstmals sichten konnten? Für einen Verleger scheint das eine Sensation zu sein.
Es war ein großartiges Gefühl, als ich die Kisten das erste Mal öffnen durfte und sukzessive drei Tage in Nottingham als Gast von Kathleen alles durchgegangen bin. Die Reise zum Nachlass wurde von Kerstin Schütze übrigens in einem großartigen Radiofeature für den Ö1 festgehalten. Es war nicht ganz klar, was sich darin alles befinden würde. Von einigen ungedruckten Werken wusste man, von anderen wiederum nicht. Auch war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht klar, welche Typoskripte in welchem Zustand vorliegen würden.
Welche Bedeutung hat Maria Lazar mittlerweile?
Die Germanistik hat begonnen, über sie zu forschen. Gerade entstehen Doktorarbeiten über sie in Harvard und Stanford. Letzten Herbst gab es an der LMU München das erste Seminar zu Maria Lazar im deutschsprachigen Raum. In Wien fand im November der erste Internationale Maria-Lazar-Workshop statt. Ein erster wissenschaftlicher Sammelband ist in Planung. Ihr Roman "Viermal ICH" erscheint demnächst auf Englisch bei Seagull Books und auf Italienisch bei Adelphi. Und während wir sprechen, sind die "Zwei Soldaten" auf Dänisch im Druck. Es war ein langer Weg, bis sie im deutschsprachigen Raum so bekannt wurde. Mittlerweile kann man jedoch von einem großen Erfolg und einer geglückten Kanonisierung sprechen.
Infobox
Das vergessene Buch (DVB Verlag) ist ein unabhängiger Verlag aus Wien, der 2014 gegründet wurde und sich auf die Wiederentdeckung vergessener literarischer Werke, insbesondere aus der Zwischenkriegszeit spezialisiert hat. Werke von Maria Lazar, die zuletzt erschienen sind: "Gedankenstrahlen - Erzählungen & Short Stories", "Die vergessenen Theaterstücke" und "Zwei Soldaten"
"Der blinde Passagier" von Maria Lazar in Regie von Adrian Figueroa ist ab dem 21. Mai 2026 auf Bühne 1 des Münchner Volkstheaters zu sehen.