"Das Festival ist ein Ort, an den verrückte Menschen geholt werden."
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Interview: Tobias Obermeier
Bernd, das diesjährige "Radikal jung" ist nach 20 Jahren deine letzte Festivalausgabe. Was muss nach so vielen Jahren junges Theater leisten, damit du noch überrascht wirst?
Bernd: Ich möchte etwas erleben, das ich so noch nicht gesehen habe. Auch wenn es unfertig ist, auch wenn es nicht perfekt ist, auch wenn es völlig meschugge ist. All das muss passieren. Es muss etwas sein, das ich nicht vergleichen möchte mit etwas anderem.
Isabelle, du bist dieses Jahr zum ersten Mal Teil der Jury. Wie kam es dazu?
Isabelle: Ich komme aus München und bin früher oft ins Volkstheater gegangen. Christian Stückl und ich haben uns einmal sehr lange über Theater unterhalten. Er hat sich das wohl gemerkt. Letztes Jahr, als ich bei "Radikal jung" war, kam er nach der Vorstellung zu mir und hat mich gefragt, ob ich nicht Lust auf die Arbeit hätte. So kam das zustande.
Dieses Jahr sind wieder Produktionen aus der freien Szene dabei. War das von vorneherein euer Anspruch?
Isabelle: Von meiner Seite her, ja! Ich arbeite in der freien Szene und für mich war die zweimalige Einladung zu "Radikal jung" ein großer Karriereschub. Die Arbeitsbedingungen in der freien Szene lassen es meist nicht zu, die Sachen öfters zu zeigen. So ein Festival bringt daher nochmal andere Möglichkeiten der Sichtbarkeit.
Welche Produktionen sind das?
Isabelle: Da wäre "Opera of Hope" von Mable Preach zu nennen. Die Produktion stammt vom Theater Kampnagel Hamburg und wäre an einem Staatstheater gar nicht möglich. Mit den Kulturkürzungen wird so etwas auch in der freien Szene in den nächsten Jahren nicht mehr umsetzbar sein. Deswegen fand ich es wichtig, dass wir diese Inszenierung nach München holen.
Warum wäre so eine Produktion an einem großen Haus nicht möglich?
Isabelle: Weil der ganze Cast, bestehend aus über 20 Schauspieler*innen, nicht-weiß ist. Kein Haus hat mehr als ein paar BIPoC im Ensemble. Es wäre einfach nicht umsetzbar, so viele Gastschauspieler*innen zu engagieren. Das Gleiche gilt für Olivia Hyunsin Kims "Hello" aus den Sophiensælen Berlin. In der Performance spielen ausschließlich koreanische Frauen mit. Hinzu kommt, dass das Ganze in mehreren Räumen stattfindet und spartenübergreifend Tänzerinnen und Schauspielerinnen auftreten. Ein Konzept, das so im Staatstheater auch nicht vorstellbar wäre.
Das Volkstheater hat wie viele andere Häuser mit Budgetkürzungen zu kämpfen. Wie hat das eure Arbeit beeinflusst?
Bernd: Gar nicht. Das Schöne an der Juryarbeit für "Radikal jung" war seit Beginn, dass wir nie auf das Geld schauen mussten. Wir haben bei der Auswahl nie überlegt, wie viel welche Inszenierungen kosten. In der Hinsicht gibt es keinen Einfluss seitens der Intendanz des Volkstheaters.
Wobei es finanziell einen großen Unterschied machen kann, ob eine Produktion aus der freien Szene eingeladen wird, oder von einem Staatstheater.
Bernd: Zu Beginn von "Radikal jung" hatten wir vor allem die großen Häuser. Die kamen mit richtigen Stücken, also Dramen von Schiller oder Goethe. Das hat sich völlig geändert. Die großen Häuser sind mehr oder minder nicht mehr dabei. Nicht, weil wir sie nicht hier haben möchten, sondern weil das Spannende einfach woanders stattfindet.
Isabelle: Es stellt sich auch die Frage, welche großen Häuser Regisseur*innen unter 35 die große Bühne geben. Oder anders gesagt: Wer unter 35 ist, wird oft für innovative Projekte angefragt und nicht für die großen Klassiker. Das bedingt sich gegenseitig.
Das Spannende findet nicht an den großen Häusern statt.
Welchen Stellenwert hat "Radikal jung" mittlerweile im deutschsprachigen Raum?
Isabelle: Das Festival ist ein Gradmesser dafür, wer in den nächsten zwei bis drei Jahren an die großen Häuser kommen wird.
Bernd: Die Namen, die an den großen Häusern gehandelt werden, sind alle bei Radikal jung gewesen. Wir haben sie nicht übersehen. Mir war es immer wichtig, Menschen einzuladen, die völlig verrückt sind. Die auf nichts Rücksicht nehmen und so daneben sind, dass man sie haben muss. Diese Rücksichtslosigkeit gehört zum Künstlerdasein dazu. Das Festival ist ein Ort, an den diese verrückten Menschen geholt werden.
Welche Inszenierungen sind das dieses Jahr?
Bernd: "Heidi" von Lena Reißner ist so ein Fall. Dass jemand diese Vorlage nimmt und daraus eine Geschichte über Ausgrenzung, Fremdheit und Sehnsucht nach Gemeinschaft macht und das Ganze auch noch mit sehr einfachen Mitteln und einer ganz schrägen Musik inszeniert, ist schon beeindruckend.
Isabelle: Was mich sehr fasziniert hat, war "Der Zauberer von Öz - Eine Fußballtragödie" über das Leben von Mesut Özil. Das ist ein völlig wilder Ritt durch verschiedene Ästhetiken.
Bernd, blickst du wehmütig auf deine langjährige Arbeit für das "Radikal jung" zurück?
Bernd: Überhaupt nicht. Es hat niemand gesagt, dass es mal Zeit wird aufzuhören. Das habe ich selbst entschieden. Ich habe immer darauf gewartet, dass sich jemand beschwert und sagt, das Festival heißt "Radikal jung" und Sucher macht das schon seit 21 Jahren. Das es nie dazu kam, beweist immerhin, dass ich meine Arbeit nicht schlecht gemacht habe. Da ich mittlerweile Romane schreibe und Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde in München bin, habe ich genug zu tun. Das "Radikal jung" kann ich nicht mehr besser machen.