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Interview: Tobias Obermeier
Jan, warum möchte Till, die Hauptfigur in "Echtzeitalter", ausgerechnet Profi in dem Strategiespiel "Age of Empires 2" werden?
Jan Friedrich: Am Ende des Buchs gibt es eine Stelle, in der erklärt wird, dass er sich schon sein ganzes Leben nach einer Simulation von Krieg gesehnt hat, die gleichzeitig unschuldig, aber in ihrer Mechanik gnadenlos ist. Das Computerspiel wird genauso beschrieben. Es gibt einem ein heroisches Gefühl, setzt aber nicht auf krasse Kriegs- und Männlichkeitsbilder. Es ist kein blutrünstiges oder gewaltverherrlichendes Spiel.
Was für ein Mensch ist Till?
Er ist ein weißer, heterosexueller, junger Mann, der zockt und alle Privilegien besitzt, die man sich vorstellen kann. Deswegen ist er ein sehr untypischer Protagonist. Ich fand es spannend, dass sich Tonio Schachinger für so eine Figur in einer Zeit entschieden hat, in der gerade alle anderen Geschichten relevanter und spannender erscheinen. Er ist keine offensichtliche Problemfigur.
Diese Kinder gehen relativ sorgenfrei durch ihren Schulalltag. Es gibt keine existentiellen Probleme.
Till geht auf eine Wiener Eliteschule. Wie tritt er dort auf?
Er ist sehr unscheinbar. Es gibt diese Stelle im Buch, in der es heißt, er wäre in "Harry Potter" nicht Harry, Ron oder Hermine, sondern einer, der mal eben auf der Treppe vorbeiläuft, aber keinen Text hat. Das ist seine Fantasie von sich selbst in diesem sozialen Gefüge der Schule.
"Echtzeitalter" gewann den Deutschen Buchpreis 2023. Warum hatte ausgerechnet ein Buch mit so einer Geschichte einen so großen Erfolg?
Ich denke, es ist genau deswegen spannend, weil es in einer heilen Welt spielt, in der ganz kleine, private Probleme sehr groß werden. Diese Kinder gehen relativ sorgenfrei durch ihren Schulalltag. Es gibt keine existentiellen Probleme.
Er kann es sich auch leisten, professioneller Gamer zu werden. Wenn er damit scheitert, passiert ihm nichts.
Genau, das ist auch eine sehr originelle Herangehensweise. Darüber schreibt eigentlich niemand, weil es auf den ersten Blick ein völlig konfliktfreies Sujet ist. Tonio Schachinger hat etwas sehr Originelles geschaffen, indem er einfach sagt, das ist erzählenswert.
Wie gehst du auf der Bühne mit dem Aspekt um, dass sich die Geschichte über mehrere Jahre erstreckt?
Wir werden mit Masken arbeiten, die sehr kindlich aussehen. Es wird eine Art Metamorphose geben. Aus relativ identisch aussehenden kleinen Kindern werden im Laufe der Geschichte erwachsene, differenzierte Menschen. Die Schauspieler*innen wechseln sich auch ständig ab. Alle spielen Till und alle anderen.
Du hast die Bühnenfassung selbst geschrieben. Wie bist du vorgegangen?
Sehr intuitiv, so wie ich immer vorgehe. Ich schaue erst, was mich beim ersten Lesen am meisten berührt. Ich bin weniger handlungsorientiert und arbeite viel über die Emotionen. Natürlich muss es am Ende einen Sinn machen und einen Bogen haben, aber ich schaue schon, dass die Sachen, die mich beim Lesen berühren, irgendwie ihren Weg auf die Bühne schaffen.
Im Hintergrund geht es um die Unbeschwertheit dieser Jahre vor der Pandemie.
Was fasziniert dich selbst an dem Buch so sehr, dass du es für die Bühne adaptierst?
Ich finde die Zeit sehr spannend, in der es spielt. Denn im Hintergrund geht es um die Unbeschwertheit dieser Jahre vor der Pandemie. Es ist eine Art Zeugnis einer Zeit, in der viele dachten, linke Werte würden sich durchsetzen und die Welt würde allgemein gerechter werden. Es herrschte ein positiver Blick in die Zukunft. Natürlich gab es schon Vorboten, wie die Annexion der Krim. Aber niemand hat damit gerechnet, dass eine Pandemie ausbricht, Russland einen Angriffskrieg startet und Trump ein zweites Mal gewählt wird. All diese Horrorszenarien, mit denen wir täglich konfrontiert sind, waren in weiter Ferne. Es herrschte eine gewisse Unbedarftheit und Naivität vor, was die Welt angeht. Das passt auch zum Stoff dieses Coming-of-Age-Romans.
Ist das Buch in dieser Hinsicht nostalgisch?
Es ist für mich kein nostalgisches Gefühl. Das Ganze ist erst zehn Jahre her und trotzdem fühlt sich alles wahnsinnig weit weg an. Das Buch zeigt, wie schnell sich Dinge ändern können. Hinzu kommt, dass Tonio Schachinger ein sehr lustiges Buch mit vielen Anekdoten geschrieben hat, die einem aus der eigenen Schulzeit sehr bekannt vorkommen.
"Echtzeitalter" nach dem Roman von Tonio Schachinger in Regie von Jan Friedrich ist ab dem 19. April 2026 als Deutsche Erstaufführung auf Bühne 1 des Münchner Volkstheaters zu sehen.