"Wenn ich losgelassen habe, vergesse ich voll, dass es mein Stück ist."
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Interview: Anne Fritsch & Elisabeth Maslik vom Podcast "Alles nur Theater?" – Die ganze Folge gibt es hier zu hören.
Wie ist dein Stück "Fischer Fritz" entstanden?
Raphaela Bardutzky: Das war während des Lockdowns. Eigentlich wollte ich was über viele Zungenbrecher machen. Dann habe ich mich für "Fischers Fritz fischt frische Fische" entschieden. Ich hab mich gefragt: Wer ist eigentlich dieser Fritz aus "Fischers Fritz"? Zungenbrecher klingen immer ein bisschen altbacken. Nach altem Sprachmaterial. Also dachte ich, dieser Fritz ist inzwischen sehr alt. Und weil wir beim Zungenbrecher sind, kann er womöglich nicht mehr so gut sprechen. Wahrscheinlich, weil er einen Schlaganfall hatte. Was passiert mit einem, der nicht mehr sprechen kann und einen Schlaganfall hatte? Entweder muss er ins Pflegeheim oder er kriegt häusliche Pflege, oder? Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, so ein alter bayerischer Fischer, der will nicht ins Pflegeheim und der setzt durch, dass er eine Pflegekraft bekommt. Da habe ich die polnische Pflegekraft Piotra erfunden und so hatte ich eine polnisch sprechende und eine bayerische Figur.
Und weiter gings: Was ist mit Fritz seiner Familie, warum kümmert sich niemand um den? Ich dachte: Wahrscheinlich hat er halt nur einen Sohn. Wenn der Vater Fritz heißt, dann heißt der Sohn halt Franz. Aus der Zungenbrecher-Logik heraus gedacht. Und Franz könnte dann sein: Französischlehrer, Fahrlehrer oder Friseur. Einfach nur wegen dem F. Und mir gefiel Friseur am besten. Und wenn der Vater ein leidenschaftlicher Fischer ist, in einer Familie, in der seit Generationen gefischt wird, aber der Sohn Friseur, dann haben wir da bestimmt einen Konflikt. And that's the whole story. Außerdem geht es noch darum, wie es der polnischen Pflegekraft Piotra bei dem Fischer geht und wie sie mit dessen Sohn klarkommt. Wie diese Figuren miteinander kommunizieren mit all ihren Sprachbarrieren, den verschiedenen Sprachen, ihrem Nichtsprechenkönnen.
Eine Konstellation, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnte.
Was mich halt immer interessiert, sind zwischenmenschliche Beziehungen, über die nicht so viel gesprochen wird. Ich glaube, wir diskutieren gesamtgesellschaftlich viel, wie romantische Beziehungen funktionieren oder Familienbeziehungen. Mich interessieren oft Beziehungen, bei denen es weniger Erwartungshaltung gibt, die aber möglicherweise sehr emotional sind. Zum Beispiel zwischen einer Pflegerin und einem Gepflegten. Oder auch zwischen Nachbar*innen oder Kolleg*innen. Was man da für einander ist, wird oft nicht benannt.
Eine urmenschliche Erfahrung: unausgesprochene Gefühle.
Ja. Und solche Beziehungen können ja voll schräg sein. Oder schwierig. Und manchmal bedeutet man sich die Welt und hat es nie gesagt. Wir leben ja gerade in einer extrem schwierigen Welt und es gibt so viel Hass. Aber es gibt auch wahnsinnig viel Zärtlichkeit und Zuneigung, die manchmal ganz überraschend um die Ecke kommt. Das sind Momente, denen ich in meinen Stücken auch Raum geben will, weil sie für mich genauso zur Lebenserfahrung gehören.
Du begegnest deinen Figuren erstmal mit einer ungewöhnlich großen Offenheit und Sympathie und bedienst eben nicht Klischees, sondern hast eine große Zuneigung, auch zu den Figuren, die auf den ersten Blick vielleicht nicht die ganz großen Sympathieträger sind.
Ja. Bei "Fischer Fritz" sind alle drei Figuren sympathische Menschen. Die sind nicht ungut, die haben ihre Macken, aber eigentlich könnten die alle drei eine super Zeit haben. Leider schaffen sie es nicht, einander zu sehen oder zu erkennen. Das ist das Tragische in diesem oft recht lustigen Stück. Aber vielleicht erkennen wir das ja beim Zuschauen. Dass die schon zusammenkommen könnten, wenn sie sich ein bisschen anstrengen würden. Dass wir zusammenkommen könnten, wenn wir uns bemühen würden. Ich glaube, es ist nicht immer leicht, wir sind oft sehr verschieden, aber im Grunde hoffe ich doch, dass Freundschaft möglich ist. Vielleicht ist das in Wahrheit die Utopie, über die ich die ganze Zeit schreibe.
Wie ist das für dich, einen Text dann loszulassen?
Das fällt mir nicht immer leicht. Aber wenn ich losgelassen habe, vergesse ich voll, dass es mein Stück ist. "Fischer Fritz" – das habe ich neunmal in unterschiedlichen Inszenierungen gesehen, das gehört anderen Spieler*innen und Regisseur*innen längst genauso, das betrachte ich nicht mehr als meinen Besitz. Außerdem sind die Figuren in meinem Kopf so real und leben ihr eigenes Leben, dass ich mich gar nicht mehr als deren Erschafferin verstehe. Und dann kommen die Leute und sagen: "Das ist ein gutes Stück." Und dann sage ich: "Das finde ich auch." Weil ich völlig vergessen hab, dass es in irgendeiner Hinsicht was mit mir zu tun hat und ich mich bedanken muss.
Wie Kinder, die irgendwann ihren eigenen Beruf haben.
Ja, genau so ist es. Das sind Kinder, die sind groß geworden. Und dann fährt man manchmal in eine andere Stadt, um nachzuschauen, wie es ihnen so geht.
"Fischer Fritz" von Raphaela Bardutzky in Regie von Asena Yeşim Lappas ist ab dem 29. Januar 2026 auf Bühne 3 des Münchner Volkstheaters zu sehen.