In Schräglage
Datum
Interview: Julia Rothhaas
Jessica, als Bühnenbildnerin des Stücks "Pioniere in Ingolstadt" hast du dich für ein einziges Element auf der Bühne entschieden: eine gelbe Rampe, die im Laufe des Abends immer schräger wird. Was hat es damit auf sich?
Jessica Rockstroh: Wenn ich eine Bühne entwerfe, überlege ich zuerst, in was für einer Welt das Stück spielt und worauf der Schwerpunkt liegt. Dafür suche ich dann nach einer Übersetzung. "Pioniere in Ingolstadt" spielt in der bayerischen Provinz kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Es geht um Machtverhältnisse, Geschlechterrollen und um die Unmöglichkeit von Kommunikation. Gemeinsam mit der Regisseurin Lucia Bihler haben wir uns dafür entschieden, den Fokus durch das Bühnenbild ganz auf die Figuren und ihre Beziehungen untereinander zu legen. Auf der leeren Fläche gibt es keinen Rückzugsort, sie funktioniert wie ein Vergrößerungsglas, alles ist ausgestellt und ungeschützt.
Aus diesem Grund stellt sich diese Wand immer weiter auf?
Jessica Rockstroh: Ja, im Sinne einer Haltlosigkeit, die sich breitmacht bei den Pionieren, also den jungen Männern im Stück, aber auch bei den Frauen, deren Leben von den Pionieren plötzlich so beeinflusst wird.
Ich freue mich, wie toll diese Bühne jetzt bespielt wird.
Wie haben die Schauspieler*innen reagiert, als sie von dieser zusätzlichen körperlichen Herausforderung gehört haben?
Jessica Rockstroh: Ich glaube, inhaltlich sind wir alle damit einverstanden. Es ist sehr anstrengend für die Gelenke, auf einer steilen Schräge zu spielen. Deshalb haben wir auf der Probebühne mit einer flacheren Schrägstellung gearbeitet und uns langsam herangetastet. Ich freue mich, wie toll diese Bühne jetzt bespielt wird.
Welche technischen Herausforderungen gab es bei der Umsetzung?
Jessica Rockstroh: Das Hoch- und Herunterfahren der Rampe lösen wir über ein vorhandenes Hubpodium und ein extra dafür konstruiertes Gestell mit Rollen, auf denen die Schräge aufliegt. Damit können wir stufen- und lautlos hochfahren. Eine weitere Herausforderung waren die unsichtbaren Umbauten der Zugänge hinter der Spielfläche, die Auf- und Abstiege in unterschiedlichen Schrägstellungen ermöglichen.
Laura, du wiederum hast die Kostüme für dieses Stück gestaltet. Welche Auswirkungen hatte das Bühnenbild auf deine Ideen?
Laura Kirst: Große Auswirkungen! Weil es eben so rutschig ist auf dieser Schräge aus Holz, die mit Tanzboden beklebt wurde, musste ich dafür sorgen, dass die Spielenden dort auch Halt finden. Also haben wir Schuhe mit ganz speziellen Gummisohlen benötigt, deren Profile wie Saugnäpfe funktionieren. Das geht nicht mit jedem Profil, auch muss der Gummi eine bestimmte Weichheit haben, damit er wirklich Halt bietet. Und weil der Boden hell ist und sehr schmutzempfindlich, müssen auch die Sohlen hell sein. Wir haben sehr viele verschiedene Schuhe ausprobiert und waren unzählige Male beim Schuster, das war schon aufwendig.
Es ist vermutlich gar nicht so einfach, die Waage zu finden zwischen ausreichend Halt und der Möglichkeit, sich ohne viel Mühen auch fortbewegen zu können, oder?
Laura Kirst: Die Knöchel der Pioniere in ihren Militärstiefeln müssen auf einer Schräge beweglich bleiben und gleichzeitig Schutz bieten. Darüberhinaus tragen einige Handschuhe, die ebenfalls haften bleiben. Gefragt waren aber nicht nur Halt gebende Materialien, sie sollen auch rutschen können.
Deswegen ist die Kleidung aus Filz?
Laura Kirst: Richtig. Dieses Material ist sehr rutschig, aber vor allem robust. Andere Stoffe würden in so einer Inszenierung schnell reißen oder löchrig werden.
Was der Filz mit den Entwürfen macht, finde ich total schön. Dieser Stoff bietet Standhaftigkeit und eine starke Form.
Hat dieser Stoff wiederum Einfluss auf deine ursprünglichen Kostümideen gehabt?
Laura Kirst: Ja, aber was der Filz mit den Entwürfen macht, finde ich total schön. Dieser Stoff bietet Standhaftigkeit und eine starke Form, außerdem lässt er sich sehr gut verarbeiten. Allerdings ist das Material sehr schmutzanfällig: Die Kostüme zu reinigen, wird nicht ganz einfach. Für die Spielenden bedeutet der eher starre Filz eine große körperliche Einschränkung, dazu kommt die Wärme der Wolle. Das Naturmaterial ist zwar atmungsaktiv, aber eben nicht so leicht wie beispielsweise dünne Baumwolle. Dafür bietet der Filz eine Art Polster: Würde man die Rampe auf einem dünnen Stoff herunterrutschen, könnte das schmerzhaft sein.
Ist es das erste Mal, dass ihr mit der Regisseurin Lucia Bihler zusammengearbeitet habt?
Jessica Rockstroh: Nein, wir haben beide schon mit Lucia gearbeitet, aber in unterschiedlichen Teams. Ich habe mit ihr hier am Haus "Die Zofen" und "The Lobster" gemacht.
Laura Kirst: Und ich kenne Lucia noch aus der Uni, am Münchner Volkstheater habe ich mit ihr "Hedda Gabler" umgesetzt.
"Pioniere in Ingolstadt" von Marieluise Fleißer in Regie von Lucia Bihler ist ab dem 22. Januar 2026 auf Bühne 1 des Münchner Volkstheaters zu sehen.