"Man wird nie fertig mit der Vergangenheit."
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Interview: Tobias Obermeier
Welcher Gedanke steckte hinter der Titelwahl für euer Stück?
Lorenz Nolting: Der Titel ist eigentlich die Zusammenfassung unseres Stücks. Darin bearbeiten wir die antike Tragödie "Elektra". Deren konkrete Fragestellung, was mit einer geerbten Schuld geschieht, übertragen wir auf die heutige Zeit. Und zwar sehr lokal auf die Stadt München und ihr größtes Unternehmen: BMW.
Sofie Boiten: Die 750 PS im Titel beziehen sich auf das leistungsstärkste Auto von BMW.
Und was meint ihr mit Vergangenheitsüberwältigung?
Nolting: Man wird nie fertig mit der Vergangenheit. Selbst, wenn man sich vornimmt, einen anderen Umgang als zuvor zu finden, landet man doch immer wieder in der Falle des Bewältigungsversuchs. Selbst wenn es unserem Stück gelingt, anders auf Unternehmen wie BMW zu blicken, kommen wir nur zu dem Schluss, dass auch dieser Umgang maximal nur ein Schritt hin zur Bewältigung ist, nicht die Bewältigung selbst. Dafür sind die geschehenen Verbrechen schlichtweg zu gewaltig.
Die BMW-Erben beziehungsweise die Familie Quandt beendeten das Schweigen über ihre belastete Vergangenheit mit einer Studie über die eigene Familiengeschichte und die Verstrickungen in die NS-Gewaltherrschaft, die 2011 erschien.
Nolting: Sie haben das Schweigen nicht gebrochen, das taten andere für sie, vor allem der Dokumentarfilm "Das Schweigen der Quandts" von 2007. Daraufhin haben sie ein Interview gegeben und 5 Millionen Euro von ihrem Gesamtvermögen von geschätzten 50 Milliarden Euro an die Gedenkstätte für Zwangsarbeiter in Berlin gespendet. Das muss man erstmal in ein Verhältnis setzen. Aber was ist eine gerechte Entschädigung dafür, dass Zwangsarbeiter*innen in den Tod geschickt wurden und die Quandts erheblich davon profitiert haben?
Boiten: Susanne Klatten und Stefan Quandt, die heutige Quandt-Generation, haben selbst keine Zwangsarbeiter*innen angestellt. Aber man muss sich fragen, wie eine umfassende Gerechtigkeit aussehen könnte. Man könnte argumentieren, dass eine Spende von 5 Millionen Euro nicht reicht.
Was ist eine gerechte Entschädigung dafür, dass Zwangsarbeiter*innen in den Tod geschickt wurden und die Quandts erheblich davon profitiert haben?
War diese Frage der Anlass für euer Stück?
Nolting: Der Ausgangspunkt war die Frage, was heute noch von den Verbrechen der Nazizeit übrig ist. Unsere Gesellschaft baut letztlich darauf auf, dass die Entnazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg ziemlich schnell aufgehört hat, da zu viele Prozesse hätten geführt werden müssen. Man hätte Unternehmen flächendeckend enteignen müssen. Stattdessen brauchte man aber schnellstmöglich einen funktionierenden Staatsapparat. Das ging nur durch das massenhafte Laufenlassen von Schuldigen. Es gab Gründe, warum man das nicht getan hat. Etwa, dass man Westdeutschland im Kalten Krieg als Bollwerk gegen den Kommunismus aufbauen wollte.
Was kann das Theater hier leisten?
Nolting: Wir als Theater können einen Denkraum öffnen, der mehr bietet, als nur ein bisschen Geld spenden. Alle Quandts, die heute noch leben, haben dieses Geld angenommen, das durch Verbrechen erwirtschaftet wurde. Dafür tragen sie Verantwortung für die geschehenen Verbrechen.
Boiten: Wir versuchen mit Hinblick auf die Erinnerungskultur in Deutschland eine theatrale Form für die Unmöglichkeit einer Vergangenheitsbewältigung zu finden. Ausgehend davon möchten wir eine Perspektive einnehmen, die sich viel grundlegender mit der Frage beschäftigt, was dieses Erbe, von dem immer gesprochen wird, eigentlich bedeutet.
Wir könnten 300 Stücke über 300 andere Industriellenfamilien wie Porsche oder Mercedes machen. Alle haben damals mitgemacht.
Wie verwebt ihr die antiken Figuren mit der Familie Quandt?
Nolting: Wir haben die BMW-Erbin Susanne Klatten und ihren Partner Andreas Slominski auf der Bühne. Das sind die einzigen zwei realen Personen. Ansonsten bewegen wir uns im antiken Figurenkabinett. Es geht auch nicht um Susanne Klatten als Person, sondern um das, was sie repräsentiert. Wir könnten 300 Stücke über 300 andere Industriellenfamilien wie Porsche oder Mercedes machen. Alle haben damals mitgemacht. Wir nehmen die Quandts, weil wir hier in München sind und es um BMW geht.
"ELEKTRA – 750 PS Vergangenheitsüberwältigung" ist eine Stückentwicklung. Das heißt, ihr habt das Stück während des Probenprozesses geschrieben. Wie kann man sich das konkret vorstellen?
Boiten: Unseren Arbeiten geht immer eine intensive Recherche voraus, bei der wir bereits Szenen eine grobe Form geben. Das war das Ausgangsmaterial, mit dem das Ensemble zum Proben angefangen hat. Wir schreiben meistens parallel zu den Proben, weil der Austausch mit den Schauspieler*innen immer sehr stark unser Denken vorantreibt.
Nolting: Das Ensemble und alle anderen Beteiligten im Raum sind immer Teil unserer Diskussion darüber, wie man gewisse Dinge szenisch löst. Das geht so lange, bis man als Gruppe das Gefühl hat, dass es passt. Das ist ein sehr schönes Gefühl, weil man dabei langsam wie eine Bande zusammenwächst.
Wie bearbeitet ihr das Thema inszenatorisch?
Nolting: Uns erwartet erstmal ein sehr überdrehter und witziger Abend mit klassischen Problemen einer deutschen Familie. Die Eltern wollen den Kindern das Erbe in Ruhe übergeben und freuen sich, dass man gemeinsam am Frühstückstich sitzt. Doch die Kinder stellen sehr unangenehme Fragen auf eine noch unangenehmere, pubertäre Art und Weise. Das ist erstmal sehr unterhaltsam. Der zweite Teil ist die echte Tragödie. Ich gehe eigentlich nicht in die Orestie und erwarte einen Gag nach dem anderen, sondern natürlich auch eine blutige Familiengeschichte. Dieses Bedürfnis wollen wir auch stillen.
Ich gehe eigentlich nicht in die Orestie und erwarte einen Gag nach dem anderen, sondern natürlich auch eine blutige Familiengeschichte.
Habt ihr die Familie Quandt eingeladen?
Boiten: Natürlich sind sie eingeladen, das Stück zu sehen. Aber wir erwarten, dass so ein kleines, unwichtiges Theaterstück sie nicht sonderlich interessieren wird.
Nolting: Die Quandts kennen ja alles, was auf der Bühne passiert. Das wäre auch langweilig für sie. Ich nehme an, sie haben die Studie, die sie selbst in Auftrag gegeben haben, auch gelesen.
"ELEKTRA – 750 PS Vergangenheitsüberwältigung" von Sofie Boiten und Lorenz Nolting frei nach Sophokles in Regie von Lorenz Nolting ist ab dem 26. Februar 2026 auf Bühne 2 des Münchner Volkstheaters zu sehen.