"Das Gefährliche an Arturo Ui: Er hat nichts zu verlieren."

Anton Nürnberg spielt die Hauptrolle in dem Stück "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" von Bertolt Brecht. Ein Gespräch über die Figur des Arturo Ui, die Analogie zu Adolf Hitler und die Parallelen zu unserer Gegenwart.

Interview: Julia Rothhaas

Anton, du spielst die Hauptrolle in "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui". Kannst du kurz erklären, um was es in dem Stück geht?
Anton Nürnberg: Um den Aufstieg eines Mannes, der aus dem Nichts kommt, und innerhalb eines Jahres die Macht und Kontrolle über Gesellschaft und Politik an sich zieht. Arturo Ui nutzt die Wirtschaftskrise und die Situation der korrupten Machthabenden zu seinem Vorteil, und begibt sich mehr und mehr in dieses System hinein, um es von innen zu zersetzen. Es geht aber auch um die Gesellschaft, in der so etwas passieren kann. Denn niemand hält ihn auf – obwohl sein Aufstieg, wie der Titel ja besagt, durchaus "aufhaltsam" wäre. Brechts Stück ist eine Analogie zu Hitlers Machtergreifung und die Frage: Wer hätte was tun können?

Anton Nürnberg (c) Gabriela Neeb

Was für ein Typ ist Arturo Ui?
Er ist nicht nur ein Gangster im Stile eines Al Capone, sondern auch ein Stratege, selbst wenn es zunächst um scheinbar absurde Dinge wie den Handel von Blumenkohl geht. Als narzisstischer, herzloser Mensch weiß er genau, wie man andere manipuliert und ihre Schwächen erkennt. Er nutzt seine Intelligenz und lässt seinen Charme spielen, um zu bekommen, was er erreichen möchte. Selbst etwas, das im Grunde nicht überzeugt, kann er in seinen Reden so vermitteln, dass es schlüssig wirkt. Das Gefährliche an ihm: Es gibt kaum etwas, das ihm wichtig ist. Er ist nicht fähig, zu lieben. Und hat damit nichts zu verlieren.

Es geht ihm nur um sich selbst, dafür geht er über Leichen.

Was genau möchte er erreichen?
Diese Frage stelle ich mir seit Beginn der Proben. Bei den meisten Rollen, die ich spiele, erkenne ich eine Sehnsucht, eine Liebe. Die finde ich bei ihm nicht. Ui liebt das Chaos, die Zerstörung. Anfangs wird er von einem mächtigen Politiker gefragt: "Was wollen Sie?". Da antwortet er: "Ich will nicht verkannt sein". Da ist er zumindest einmal ehrlich: Es geht ihm nur um sich selbst, dafür geht er über Leichen und lügt ohne Ende, obwohl er sein Gangster-Dasein ablegen möchte. Denn er will ein Mann der Mitte werden, einer, der wählbar ist, und daher versucht er mit aller Macht, die kleinen Leute auf seine Seite zu ziehen. Die Oberschicht ist ihm scheißegal.

Anton Nürnberg (c) Gabriela Neeb

Wie hast du die Figur deines eigenen Arturo entwickelt?
Ich verlasse mich da sehr auf Brecht, der Text ist mir die größte Hilfe. Dadurch entsteht beim Publikum die Illusion einer Figur, die zu dem wird, was er ist, durch das, was er tut, – und nicht durch das, was ich fühle.

Brecht sagte über dieses Stück: "Die großen politischen Verbrecher müssen durchaus preisgegeben werden und vorzüglich der Lächerlichkeit". War es für dich je eine Option, den Arturo als lächerliche Figur darzustellen?
Über diesen Satz von Brecht habe ich viel nachgedacht. Aber ich versuche, Arturo Ui wirklich ernst zu nehmen. Ich bin nicht derjenige, der ihn bewertet; viel eher muss ich ihn verteidigen wollen, wenn ich ihn spiele. Schließlich ist das, was er behauptet, in seiner Welt wahr.

Ich will keinen Trump spielen und auch keine Alice Weidel.

Brechts Vorbild für die Figur des Arturo Ui ist Adolf Hitler. Welche Rolle hat das für dich bei der Vorbereitung gespielt?
Ich habe viel über Hitler gelesen, aber ich glaube, er spielt keine Rolle. Denn Hitler ist nur eine Parabel, es gibt genug aktuelle Beispiele weltweit, die ähnlich wie Arturo Ui agieren. Auch die habe ich mir anfangs sehr genau angesehen. Aber ich will keinen Trump spielen und auch keine Alice Weidel. Anstatt mich nur auf eine einzelne Person zu fokussieren, ist es mir wichtiger, auf all diejenigen zu zeigen, die nur zugucken und den Aufstieg eines solchen Menschen zulassen.

Geschrieben hat Bertolt Brecht dieses Stück 1941 im finnischen Exil, kurz darauf machte er sich auf den Weg in die USA. Dennoch wirkt es sehr aktuell und lässt Parallelen zur Gegenwart erkennen.
Brecht hätte das Stück genauso gut heute schreiben können, wenn vielleicht auch in leicht abgewandelter Form. Er sagte: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral". Und die sinkt dramatisch ab, je größer die eigene Not wird. Das erleben wir derzeit auch. In einer Wirtschaftskrise öffnen Menschen ihre Arme für diejenigen, die in so einer konfusen Zeit vermeintliche schnelle Lösungen bieten. Auch deshalb muss man das Stück nicht mühevoll ins Heute ziehen, die Aktualität springt einen beim Zugucken von alleine immer wieder an.

 

"Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" von Bertolt Brecht in Regie von Christian Stückl ist ab dem 19. März 2026 auf Bühne 1 des Münchner Volkstheaters zu sehen.