"Ich wage es, mich in das Unbekannte zu verlieben."

Was passiert, wenn Science-Fiction, Cruising und die Angst vor der Liebe aufeinandertreffen? Regisseur Heiki Riipinen öffnet mit "Philophobia" im Volkstheater einen Raum für Begegnung, Begehren und das Unbekannte.

Interview: Tobias Obermeier
Probenfotos: Elisabeth Maslik

Heiki, mit "Philophobia" bist du zum ersten Mal am Münchner Volkstheater zu Gast. Außerdem ist deine neue Inszenierung eine Zusammenarbeit zwischen dir und dem Ensemble des Theaters. Wie kam es dazu?
Heiki Riipinen: Ich glaube, es war so ein Moment, in dem alle Sterne richtig standen. Der Dramaturg, mit dem ich am Berliner Ensemble zusammengearbeitet habe, kennt einen der Dramaturgen hier. Mein Agent kennt jemanden hier. Und der Dramaturg von "Philophobia" und ich haben vor vielen, vielen Jahren dieselbe Theaterakademie in Norwegen besucht. Es war dieser Moment, in dem alle gleichzeitig meinen Namen ins Spiel brachten.

War von Anfang an klar, dass du mit dem Ensemble kooperativ zusammenarbeiten wolltest?
Nein, das war nicht von Anfang an so geplant. Ursprünglich hatte ich dem Theater einen Text von Henrik Ibsen vorgeschlagen: "Wenn wir Toten erwachen".

Regisseur Heiki Riipinen bei der Probe

Sehr klassisch.
Sehr klassisch. Aber niemand will, dass ein schwuler Mann aus Norwegen nach München kommt und klassisch ist, oder? Sie wollten etwas anderes. Ich habe auch eine Vergangenheit darin, schlechte Filme zu inszenieren und Vorstellungen von Qualität und Wert in Frage zu stellen. Wenn man das Theater als Hüter von Werten im Sinne der literarischen Tradition betrachtet – was passiert dann, wenn ich einen schlechten Film im Theater inszeniere? Ich habe "Contact" aus den 90er-Jahren vorgeschlagen, aber wir haben die Rechte nicht bekommen.

Ein Science-Fiction-Film über die Suche nach außerirdischem Leben mit Jodie Foster in der Hauptrolle.
Ich persönlich finde ihn überhaupt nicht schlecht. Jodie Foster ist die größte Schauspielerin ihrer Generation, und die Prämisse ist sehr interessant. Die Ästhetik mag vielleicht etwas kitschig sein. Aber kitschig ist nicht schlecht. Also schlug ich erst ein Drama von Ibsen vor, dann einen schlechten Film. Beides funktionierte nicht. Schließlich dachte ich, vielleicht sollten wir nach einem kollektiven Raum des Zusammenseins suchen, in dem alle vorgeschlagenen Dinge gleichzeitig existieren können. Wo Figuren wie Faust neben Außerirdischen oder Vampiren aus B-Movies der 50er Jahre leben können. "Philophobia" ist auch eine Inszenierung, die sehr mutig vorschlägt, dass wir die Liebe ernst nehmen und sie als etwas Politisches betrachten sollten.

Wo sind in all dem die chaotischen Räume? Wo ist der Schmutz? Wo sind die Körperflüssigkeiten?

Der Begriff "Philophobie" bezieht sich auf die Angst vor der Liebe. Was bedeutet das für dich?
Philophobie tritt auf vielen Ebenen auf. Als schwuler Mann ist natürlich eine Form der Philophobie die Homophobie. Das ist die Angst anderer Menschen vor meiner Liebe. Ich glaube, etwas, das wir derzeit sehr stark erleben, ist Heteropessimismus, die Angst vor heterosexuellen Beziehungen. Und es gibt eine junge Generation, die bereit ist, länger mit dem Trinken und dem ersten Sex zu warten, um ihre "Unschuld" in einer hoffnungslosen Welt zu bewahren. Aber wo sind in all dem die chaotischen Räume? In denen die Grenze zwischen dir und mir fragil und durchdringbar ist? Wo ist der Schmutz? Wo sind die Körperflüssigkeiten? Was passiert mit dem Wert dieser Räume? Das sind die Fragen, die ich mir stelle.

Welche Rolle spielen soziale Medien in unserer philophobischen Welt?
Wir alle wissen, dass das ein Problem ist. Ich muss dem Publikum nicht sagen: "Legt eure Handys weg." Das wissen sie bereits. Stattdessen arbeiten wir in der Show sehr aktiv mit sozialen Medien und stellen die Frage: Was wäre, wenn wir sie für etwas anderes nutzen könnten? Was wäre, wenn es kulturell ganz normal wäre, dass man jedes Mal, wenn man im Bus sitzt, auf dem Handy scrollt und ein richtig lustiges Reel sieht, es unbedingt jemand anderem zeigen muss? Und genau das tun wir in der gesamten Show immer wieder: Wir nutzen das, was wir haben, aber auf eine andere Art und Weise, und versuchen, Berührungspunkte zu schaffen.

Die Inszenierung wird gemeinsam mit dem Ensemble erarbeitet.

"Philophobia" trägt den Untertitel "Intergalaktisches Cruisen im dunklen Wald". Der Begriff "Cruising" stammt aus der Schwulenszene und beschreibt die Praxis, in öffentlichen Räumen nach einem ungezwungenen, anonymen Sexpartner zu suchen. Was kann die Gesellschaft daraus lernen?
Cruising ist eine superinteressante Praxis. Ich habe in München mit meinem Partner ein wenig recherchiert. Und ich finde es wirklich schön, wie der Wald zu einer Grenze wird. Direkt gegenüber fließt ein Fluss und auf der anderen Seite des Flusses gibt es eine andere Gesellschaft. Aber diese Grenze ist durchlässig, richtig? Man kann einfach den Fluss überqueren und durch den Wald hineingehen. Aber man trifft diese Entscheidung selbst. Man kann mitmachen oder Voyeur sein, und beide Rollen sind gleichermaßen wertvoll und willkommen. Es ist ein Ort, an dem man sich immer wieder begegnet. Vielleicht habe ich einen Mann dreimal abgelehnt, aber beim vierten Mal hat sich mein Begehren vielleicht geändert. Und jetzt will ich dich.

Warum haben wir solche Angst vor dem Anderen und vor dem Kontakt?

Warum sollte man seine Meinung ändern, nachdem man eine Person mehrmals gesehen hat?
In unserer Gesellschaft sage ich sehr schnell: Ich weiß, wer du bist. Ich sehe, was du trägst. Ich weiß genau, was du für mich bist. Aber im dunklen Wald, wenn wir auf der Suche sind und nackt sind, sind viele dieser Zeichen verschwunden. Eigentlich weiß ich nur sehr wenig darüber, wer du bist. Wenn ich auf der Suche bin, lasse ich mich auch nicht von meinen vorgefassten intellektuellen Vorstellungen leiten. Ich lasse mich von meinem Begehren leiten. Und ich glaube fest daran, dass sich dieses Begehren ändern kann.

Wie nutzt du das Cruising und den dunklen Wald auf dramatische Weise?
Der dunkle Wald ist auch eine Metapher für eine Theorie über Menschen und Außerirdische. Warum haben wir solche Angst vor dem Anderen und vor dem Kontakt? Weil wir uns das Universum als einen dunklen Wald vorstellen, in dem jeder gleichzeitig Jäger und Beute ist. Am sichersten ist es, sich nicht zu offenbaren. Aber wenn wir im dunklen Wald auf Entdeckungstour gehen, versuchen wir ständig, uns zu offenbaren und gesehen zu werden. Was wäre also, wenn wir diese Konzepte miteinander verbinden könnten?

Eine Einladung, sich zu begegnen.
Ich vermeide es, Dinge als zu romantisch, zu süß oder zu naiv abzulehnen.

Ich kann mir vorstellen, dass es sehr herausfordernd sein kann, ein solches Konzept in einem Kollektiv zu entwickeln. Wie ist das gelaufen?
Es ist eine riesige Herausforderung. Unsere Arbeit ist verwirrend und fließend und geht in viele Richtungen. Sie kann vieles fassen, aber nicht alles. Das bedeutet auch, nicht jedes Thema in den Mittelpunkt zu stellen, sondern den Raum zwischen den Themen zu zentralisieren. Wenn zwei Figuren ihre Weltanschauungen zum Ausdruck bringen, steht keine dieser Weltanschauungen im Mittelpunkt der Szene. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie diese beiden zueinanderfinden werden. Und ich denke, das ist die Strategie, die wir zu nutzen versuchen. Ich wage es, mich in das Unbekannte zu verlieben. Und ich vermeide es, Dinge als zu romantisch, zu süß oder zu naiv abzulehnen. Denn dann wäre ich einfach nur philophob.

 

"Philophobia – Intergalaktisches Cruisen im dunklen Wald" von Heiki Riipinen und Ensemble in Regie von Heiki Riipinen ist ab dem 25. September 2026 als Uraufführung auf Bühne 2 des Münchner Volkstheaters zu sehen.