"Ich kenne wenige Frauenfiguren aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die so stark und emanzipiert sind."

Marlene Markt spielt die Hauptrolle in der Inszenierung "DIE GEIERWALLY" von Julia Prechsl. Im Gespräch erzählt sie, was die Figur der Geierwally so interessant macht und warum sie sich auf die Rolle eigentlich nicht vorbereiten musste.

Interview: Tobias Obermeier

Marlene, du spielst die titelgebende Hauptfigur in "Die Geierwally". Worum geht es?
Marlene Markt: Die Geschichte dreht sich um Walburga Stromminger, die Tochter vom reichsten Bauern im Tal. Ihre Mutter ist bei der Geburt verstorben. Als Kind wurde sie von ihrem Vater zu einem Geiernest in den Bergen geschickt, da sich keiner der jungen Männer im Dorf traute. An einem Felsvorsprung ließ sie sich abseilen und räumte das Nest aus. Den kleinen Geier darin nahm sie mit. Für ihre Tat wurde sie als Heldin gefeiert. Seitdem trägt sie den Namen Geierwally. Jahre später möchte ihr strenger Vater sie an einen Mann verheiraten, den sie nicht mag. Es kommt zum Streit und sie wird von ihm in die Berge verbannt, wo sie der Natur völlig ausgesetzt ist.

Was erhofft sich ihr Vater davon?
Dass er damit ihren Willen brechen kann. Diese Erfahrung stärkt sie allerdings nur und macht sie noch willensstärker und letztlich unabhängiger. Ihre Unangepasstheit und ihre Weigerung, dem konventionellen Lebensentwurf, den ihr Vater für sie vorgesehen hat, zuzustimmen, machen sie zu einer Außenseiterin in einer patriarchalen Gesellschaft.

Marlene Markt spielt die Geierwally. (c) Gabriela Neeb

"Die Geierwally" basiert auf einem Roman von Wilhelmine von Hillern, der 1873 erschien. Es gibt diverse Verfilmungen und Theateradaptionen, 1892 wurde mit "La Wally" sogar eine Oper des italienischen Komponisten Alfredo Catalani uraufgeführt. Was macht gerade diese Geschichte so erzählenswert?
Dass eine Frauenfigur mit so viel Wut auf eine Gesellschaft reagiert und nach Freiheit strebt, ist ungewöhnlich. Ich kenne wenige Frauenfiguren aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die so stark und emanzipiert sind. Blickt man auf die klassischen Dramen, sind es meist sehr devote Frauen, wie Amalia in Friedrich Schillers "Die Räuber". Also Frauen, die ihr fremdbestimmtes Schicksal annehmen. Wally ist das Gegenteil. Sie kämpft sehr für ihre Selbstbestimmung. Sie weiß, wie sie leben will, und ist nicht bereit, dafür Kompromisse einzugehen. Dahingehend ist es ein sehr moderner Konflikt.

Ich musste nicht viel recherchieren. Ich kenne das Milieu sehr gut.
Probeneinblick: Wally und ihr Geier, gespielt von Chris-Pascal Englund Braun. (c) Elisabeth Maslik

Wie hast du dich auf deine Rolle vorbereitet?
Gar nicht. Ich komme aus Tirol und meine Familie stammt von einem Hof. Da musste ich nicht viel recherchieren. Ich kenne das Milieu sehr gut.

Inwiefern?
Es ist nach wie vor so, dass der Hof nicht an Frauen übergeben wird, sondern an den ältest geborenen Sohn. Aber es gibt auch das Gegenteil. Den Traktor darf zum Beispiel jeder fahren. Auch in der Kindheit macht es wenig Unterschied, ob du ein Mädchen oder ein Junge bist. Alle müssen mithelfen. Aber je älter ich wurde, desto weniger hatte ich mit dem Leben auf dem Hof zu tun. Ich ging in der Stadt zur Schule. Dadurch wurde mir das Dorfleben immer fremder. Ich hatte auch eine sehr emanzipierte Mutter, die mit dem Bauernhof nichts am Hut haben wollte. 

Und der Rest der Familie? 
Meine Tante unterliegt nach wie vor den bäuerlichen Strukturen. Die Frauen im Dorf sind alle von ihren Männern abhängig. Meine Großtante meinte einmal zu mir, sie wäre gerne nach Südtirol in den Urlaub gefahren. Aber das blieb ihr verwehrt, weil die Männer das Sagen hatten. Sie musste putzen, kochen und bügeln. Für etwas anderes blieb keine Zeit.

Ich musste mich zunächst an die Sprache und die besondere Erzählweise gewöhnen.

War denn deine Herkunft ausschlaggebend für die Besetzung der Geierwally?
Die Regisseurin Julia Prechsl hat mich in den Inszenierungen hier am Haus gesehen und gemeint, die Rolle der Geierwally würde gut zu mir passen. Ich denke, die Besetzung hat auch damit zu tun, dass ich aus Tirol komme. Dadurch kenne ich die Sprache, also den Dialekt, und bringe damit auch einen persönlichen Zugang zu der Figur und ihrer Lebenswelt mit.

Hast du für deine Vorbereitung die Romanvorlage gelesen?
Ja. Die Geschichte finde ich großartig, ich musste mich aber zunächst an die Sprache und die besondere Erzählweise gewöhnen. Vielleicht liegt das auch daran, dass es sich um einen Fortsetzungsroman handelt: Die Kapitel bauen sich jeweils neu auf, stehen daher stark für sich und enden häufig mit einer Art Cliffhanger.

Das Ensemble bei der Probe mit Live-Musiker Fiete Wachholtz im Geiernest. (c) Elisabeth Maslik

Wilhelmine von Hillern sagte selbst, dass es nicht ihr bestes Buch sei. Aber es ist bei weitem ihr bekanntestes.
Sie wollte auch einen ganz anderen Schluss für ihre Geschichte, musste ihn aber ändern, da ihr Herausgeber darauf drängte.

Wie ist der Schluss?
Es gibt ein großes Liebes-Happy End. Alle kommen zusammen und kriegen genau das, was sie wollen.

Wird das bei euch auch der Fall sein?
Das wird definitiv nicht der Fall sein. So viel kann ich sagen.

Wie würde die Geierwally in unserer heutigen Gesellschaft leben?
Allein auf dem Berg.

Warum?
Ich glaube, es hat nicht nur was mit patriarchalen Strukturen zu tun, vor denen sie flieht. Sie hat auch eine starke Verbundenheit zur Natur, eine gewisse Wildheit, eine Eigensinnigkeit und auch eine sehr große Kompromisslosigkeit. Das alles macht sie nicht gerade gesellschaftsfähig.

"DIE GEIERWALLY" nach dem Roman von Wilhelmine von Hillern für die Bühne bearbeitet und in Regie von Julia Prechsl ist ab dem 24. September 2026 auf Bühne 1 des Münchner Volkstheaters zu sehen.