Du machst auch viele Hörspiele und hast bereits zweimal den Deutschen Hörspielpreis der ARD gewonnen. Was kann das Hörspiel, was das Theater nicht kann?
Ich begreife meine Rolle im Theater und im Hörspiel ganz anders. Im Theater bin ich ein Gastgeber und lade die Leute zu mir ein. Sie sollen eine gute Zeit bei mir haben. Im Hörspiel versuche ich, das Gegenteil zu tun. Ich dringe in die Privatsphäre ein und versuche die Störung in einem Sendeplan eines Senders zu sein, in dem alles normalerweise sehr strukturiert ist. Das Hörspiel ist der Slot im Sendeprogramm, der wild ist. Man macht eine Stunde lang Chaos und ist wieder weg. Es sind zwei sehr unterschiedliche Rollen.
Weil man bei einem Hörspiel mit den Zuhörer*innen auch nicht in eine Interaktion kommt?
Ja, aber dafür kommt man den Leuten sehr nahe. Es ist ein wahnsinnig intimes Medium. Man braucht kein Publikum. Viele Leute hören mittlerweile mit Kopfhörern. Man kann sehr leise und sehr subtil mit Geräuschen arbeiten und mit der Wahrnehmung des Menschen. Und im Theater kann man auch subtil arbeiten, aber es geht immer um die Menge, den Raum und das Zusammensein. Um die Menschenversammlung, die uns nach Covid wieder sehr wichtig ist. Das gemeinsame Ritual.
Ist das Ritual ein Mittel, um uns zu retten?
Man braucht Sachen, an die man sich festhalten kann. Im Judentum finde ich es sehr schön, dass eine Beerdigung etwas sehr gemeinschaftliches ist. Es gibt eine Liturgie, die gesungen werden muss. In einem Moment, in dem allen die Worte fehlen, ist es ganz gut, dass es einen Text und ein Ritual gibt, an dem man sich festhalten kann. Was soll man in solchen Momenten machen, wenn man sonst nichts zu sagen hat?
Schafft es die Menschheit, mit der drohenden Klimakatastrophe umzugehen?
Nein, der Mensch macht immer dieselben Fehler und zieht keine Konsequenzen daraus.
Inwiefern denkst du, dass uns das Theater aber dabei helfen kann?
Das Theater ist ein Ort, in dem wir andere Realitäten erproben dürfen. Es ist zunächst ein Ort im Hier und Jetzt. Gleichzeitig sind wir dort aber auch in der Lage, uns etwas anderes vorzustellen. Und diese Vorstellung in diesem Moment ist dann auch existent. Sie ist nicht fake. Sie ist tatsächlich da. Und indem man das macht, zeigt man immer wieder, dass es eine Möglichkeit gibt, anders zu leben. Das Theater ist eine Probe. Wir erproben andere Realitäten.
"Arche Nova" von Noam Brusilovsky feiert am 19. Juni am Münchner Volkstheater seine Uraufführung.