Wie sind Sie mit der sehr persönlichen Verbindung der Darsteller*innen zum Stück umgegangen?
Bei solchen Projekten ist es wichtig, eine emotionale Grenze zu ziehen. Das kann man sich so vorstellen: Wir alle haben einen inneren Pool an Emotionen in uns und jeder ist an einen anderen Wasserstand gewöhnt. Ist es okay, wenn dir das Wasser bis zur Schulter steht? Oder bis zum Kinn? Oder gar bis unter die Nase? Manche sagen: Okay, bis hierhin und nicht weiter. Andere können ein wenig mehr verkraften. Das ist eine sehr persönliche Sache. Als Regisseur ist es meine Aufgabe, bei jeder einzelnen Person zu prüfen, mit welchem emotionalen Wasserstand sie arbeiten können. Ich habe allen Darsteller*innen geraten: Wenn ihr es aussprechen wollt, sagt es. Wenn es zu schwierig oder schmerzhaft ist, schweigt. Das ist allein eure Entscheidung.
Die "Odyssee" ist dieses Jahr Teil des Radikal-Jung-Festivals. Was macht das Stück radikal für dich?
Das ist eine lustige Frage, weil ich sie nicht wirklich beantworten kann. Was bedeutet radikal überhaupt in der heutigen Zeit? Bedeutet es, direkte politische Aussagen auf der Bühne zu treffen? Bedeutet es, zu den Wurzeln des Theaters zurückzugehen und sich gegen den Fortschritt zu stellen? Ich habe das Gefühl, dass die Theater heute alle radikal, cool und dynamisch sein wollen. Vielleicht ist aber für ein Publikum, das mit solchen Erwartungen ins Theater kommt, etwas ganz anderes radikal. Das ist eine Frage, die nur das Publikum beantworten kann. Ist es radikal zu sagen, wer gut und böse ist? Vielleicht.