Eine Person mit gruseliger Maske zeigt mit ihrem Finger auf eine Person, die Mickey Mouse Ohren trägt.

Der Horror wohnt im Alltag

In "Minihorror" lauert das Grauen nicht im Dunkeln, sondern im Alltag. Mit viel Tempo und groteskem Humor bringt Regisseurin Alina Fluck "Minihorror" von Barbi Marković auf die Bühne – eine Inszenierung zwischen Slapstick und leiser Gesellschaftskritik.

Text: Anna Shires

Der Alltag ist ein seltsames Konstrukt. Man geht einkaufen, wartet auf eine Lieferung, fährt in den Urlaub – und plötzlich scheint alles zu kippen. In "Minihorror", dem Text von Barbi Marković, sind es genau diese unscheinbaren Momente, aus denen sich das Unheimliche schält. Regisseurin Alina Fluck versucht, diesen Schwebezustand zwischen Alltag und Albtraum auf die Bühne zu bringen.

Der von dem Kollektiv MOTHER (bestehend aus Camilla Lønbirk und Olivia Schrøder von Lüttichau) gestaltete Bühnenraum lässt bereits vermuten, dass hier etwas nicht ganz stimmen kann, obwohl alles anfangs so friedlich erscheint. Alles wirkt künstlich und karg eingerichtet, beinahe wie ein Dauerprovisorium. Der Raum erinnert eher an ein Möbelhaus als an ein Zuhause. Eine leichte, komödiantische Melodie erfüllt den Raum und suggeriert eine heile Welt. Der Musiker Oskar Smolly schafft es immer wieder, die wechselnden Episoden mit Musik zu untermalen, die das Publikum in die passende Stimmung versetzt.

Minihorror (c) Katrin Ribbe

Im Zentrum der Erzählung stehen Mini und Miki. Sie putzen, lachen und geben sich immer wieder einen kleinen Kuss. Ein Alltag, in dem alles machbar erscheint. Kaum ist diese Ausgangssituation etabliert, kippt die Handlung zum ersten Mal. Der Kauf einer Küchenplatte entwickelt sich zur kafkaesken Erfahrung. "Man braucht einen Termin, um einen Termin zu machen", heißt es. Warteschleifenmusik, Auswahlmenüs, unfreundliches Personal. Was zunächst wie eine comichafte Szene wirkt, steigert sich zunehmend ins Absurde. Der wahre Horror zeigt sich, als der Monteur trotz fehlender Küchenplatte vor der Tür erscheint. Er klopft. Hört nicht auf. Schließlich bricht er durch die Wand ein und beginnt seine Montage. Das System läuft weiter, unabhängig von jeglichem Realitätsbezug.

Obwohl sich in jeder Ecke des Bühnenbilds Verweise auf das bekannte Mickey-Maus-Logo finden lassen, geht es hier nicht um die bekannten Disney-Figuren. Vielmehr geht es um die zugrundeliegende Ästhetik, die auf Horror trifft. Mini und Miki fungieren hier als Projektionsfläche für das Publikum. Die Szenen wechseln schnell, Rollen ebenso. Alle sind mal Mini und Miki, man erkennt sie an ihren Mauseohren. Das Ensemble, bestehend aus Anton Andreew, Laura Fouquet, Luise Hart und Niklas Hummel, treibt den Abend mit Energie und Spielfreude voran. Der ständige Rollenwechsel verstärkt den Eindruck, dass die Geschichte von Mini und Miki nur eine von vielen ist. Die Lebensrealitäten unterscheiden sich nur oberflächlich, das System bleibt dasselbe. Dabei erweist sich das Bühnenbild als erstaunlich variabel. Trotz der Schlichtheit einer offenen Wohnhausfläche, lassen sich mit wenigen Verschiebungen verschiedene Räume andeuten: Supermarkt, Arztpraxis, Urlaubsort. Gerade diese Flexibilität unterstreicht den episodischen Charakter des Stücks. 

Wenn die Fürsorge für eine Katze plötzlich in toxische Abhängigkeit umschlägt oder der Urlaub in paranoide Missgunst kippt, zeigt die Inszenierung ihr stärkstes Gesicht: Sie ist bissig, schnell und prägnant. Als Zuschauer*in findet man sich in vielen der gezeigten Situationen wieder, was dem Abend eine besondere Zugänglichkeit verleiht. Die Episoden reihen sich wie Slapstick-Sketche aneinander – sie sind unterhaltsam, aber im Grunde dramaturgisch nur lose verbunden. Die Szenen jagen einander, als fürchte man jegliche Form von Stillstand. Wiederkehrende Motive wie Fremdsein, Kontrollverlust, Beziehung und Konsum ziehen sich jedoch stringent durch alle Szenen.

Minihorror (c) Katrin Ribbe

Am Ende münden die Erzählungen in einem starken Bild: Mini und Miki legen sich wie gewohnt schlafen. Andere Versionen von ihnen treten auf, lachen, wirken fast schon überlegen und beginnen, die beiden mit Eimern voll Erde zu begraben. Der Alltag begräbt seine Figuren und macht einfach weiter, bereit, die nächsten Personen in das spätkapitalistische System zu zwängen.

"Minihorror" ist ein schneller, einfallsreicher, und oft sehr unterhaltsamer Theaterabend. Durch abrupte Brüche, Kurzweiligkeit und Momente völliger Absurdität, zieht er das Publikum in seinen Bann. Er zeigt, wie nah Komik und Unbehagen beieinander liegen können. Gleichzeitig verliert sich die Inszenierung stellenweise in ihrem eigenen Tempo. Der Horror blitzt zwar immer wieder auf, bleibt aber selten lange genug, um wirklich wirken zu können. In anderen Momenten ziehen sich die Szenen in die Länge, obwohl der Witz bereits vorbei ist.

Doch vielleicht ist genau das die Pointe des Abends: dass alles weiterläuft. Auch dann, wenn es längst nicht mehr funktioniert. Denn manchmal ist nichts gruseliger als der Alltag selbst.

Mehr zur Autorin

Anna Shires, 22 Jahre alt, studiert derzeit Soziale Arbeit an der KSH in München und ist als Theater- und Tanzschaffende in verschiedenen künstlerischen Projekten aktiv. Künftig möchte sie künstlerische Ausdrucksformen und Soziale Arbeit verbinden, um neue Perspektiven zu eröffnen.

Anna Shires (c) Johann Teichreb