Eddy weiß nicht, was er will
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Text: Jannika Lechner
"Ich nahm mir an jenem Nachmittag bei dir vor, dass ich dich rächen würde", verkündet Eddy seinem Vater, als er ihn nach jahrelanger Abwesenheit das erste Mal in dessen Sozialwohnung in einer nordfranzösischen Kleinstadt besuchen kommt. Doch statt seine Rachegedanken auszuführen, beginnt Eddy, dem vereinsamten Vater in einem 80-minütigen Monolog von seinem Leben zu erzählen: Nach frühester Ausgrenzung im Kindesalter und Konflikten mit der eigenen Familie hat er schließlich den Aufstieg aus den ärmlichen, provinziellen Verhältnissen bis in die "High Class" der Pariser Elite geschafft. Doch so richtig dazugehören tut er nicht, seine eigene Herkunft holt ihn immer wieder ein. Er ist noch immer auf der Suche nach sich selbst und seinem Glück. Vielleicht sucht er deshalb auch seinen Vater auf, den das Leben am Rande der Gesellschaft völlig zerstört hat.
Die Regisseurin Chiara Liotine erzählt in ihrer Adaption des gleichnamigen Romans "Anleitung ein anderer zu werden" von Édouard Louis von dessen Kampf mit sich selbst, der eigenen Sexualität und gesellschaftlichen Vorstellungen vom Leben. Sie bringt das Stück des 34-jährigen Autors, dessen Geburtsname eigentlich Eddy Bellegueule lautet, auf die Bühne des Hamburger Thalia Theaters und nun im Rahmen des Radikal jung Festivals auch auf die des Münchner Volkstheaters. Sie stellt Eddy allein in den Raum, nur umringt von Sitzsäcken, und lässt ihn seine inneren Konflikte verhandeln.
Dargestellt wird Eddy von Johannes Hegemann. Dieser, nur fünf Jahre jünger als der "echte" Eddy, macht die Bühne und das schlichte Bühnenbild zu seinem eigenen. Er spielt mit den Ebenen. Mal tanzt er auf den Zehenspitzen, mal sitzt neben den orangefarbenen Sitzsäcken, mal liegt er ausgestreckt auf dem Boden. Die Sitzsäcke werden dabei zum Repräsentant des Vaters, die er im Lauf des Stückes zusammenfügt, schlägt und am Ende weit von sich weg ans andere Ende der Bühne schiebt. Zu bedenken bleibt hier nur, dass sich sein Spiel zwar in den ersten Reihen wunderbar und nah dran am Geschehen entfaltet – die hinteren Plätze bekommen weit weniger von Hegemanns Bodenarbeit mit.
Besonders auffällig ist die Licht- und Tongestaltung: Zu Beginn vermittelt ein orangefarbenes Licht Wärme und Geborgenheit, was aber den Worten von Eddy widerspricht, der vom Rassismus, Sexismus und von der Homophobie seines Vaters berichtet. Im Laufe des Stücks wechselt Eddy wiederholt sein Outfit, und auch das Licht erscheint je nach Lebenslage erst rosa, dann blau, bis es schließlich dunkel wird um Eddy. Erst am Ende, als er mit seiner Geschichte wieder in der Gegenwart beim Vater angekommen ist, wird die Bühne ins warme Licht des Anfangs getaucht. Merkwürdig, fühlt er sich dort doch so gar nicht angenommen. Seine innere Zerrissenheit wird eher durch die Tanzeinlagen deutlich. Während der tiefe Bass durch den Zuschauerraum dringt und die Sitze zum Beben bringt, wirft sich Johannes Hegemann auf der Bühne in wilder Ekstase hin und her.
Dass Eddy in Paris dann schließlich offen seine Homosexualität ausleben kann, scheint für ihn schließlich der letzte Triumph über seine Herkunft, seine prekären Verhältnisse und seinen Vater zu sein. Doch als er den abstrusen Luxus und die Verschwendungssucht der Pariser Elite immer mehr hinterfragt, zeigt sich auch hier wieder seine Andersartigkeit. Zwar trägt er schicke Klamotten, lernt eine poshe Sprachweise und findet Erfüllung im langersehnten Sex mit Männern. Doch kann er seine Haut nicht abstreifen wie seine Klamotten. Aus Geldnot lässt er sich für Sex bezahlen und putzt die Räume von Museen – ohne es zu beabsichtigen, ist auch er wieder am Rande der Gesellschaft gelandet.
Wie und ob man letzten Endes also ein anderer werden kann, das erzählt uns Eddy nicht. Auch was genau er mit seinem Leben anfangen will, beantwortet er nicht. Hat er aus seinen Erfahrungen gelernt? Kehrt er zurück in seine aussichtslose Vergangenheit oder bleibt er im verschwenderischen Luxus der Oberschicht? "Wenn ich zurückgehen könnte, würde ich dieses Leben hassen, das weiß ich, trotzdem vermisse ich es", sagt er unentschlossen am Schluss zu seinem Vater. Auch diese "Anleitung, ein anderer zu werden" hinterlässt einen etwas rat- und hoffnungslos und so ganz ohne konkrete Anleitung.
Das Stück erzählt keine radikal neue Geschichte. Die Erzählung vom Außenseiter aus der Armut, der es schließlich in die große Stadt schafft, dann aber merkt, dass das Leben dort ihn wider Erwarten nicht glücklich macht – all das ist kein neuer Stoff. Allein die Art und Weise dieser Darstellung, der starke Fokus auf die Körperlichkeit und das Spiel von Hegemann verleihen dem Stück eine junge, neue Komponente.
Mehr zur Autorin
Jannika Lechner absolvierte ihren Bachelor in Journalistik und Theaterpädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und studiert derzeit ihren Master in Theaterforschung und kulturelle Praxis an der LMU München. In ihrer Freizeit schreibt sie für ihre Lokalzeitung, spielt Improvisationstheater oder Klavier in einer Band.