Der Rasen, der die Welt bedeutet
Datum
Text: Judith Falentin
Die große Bühne im Volkstheater ist gefüllt mit übergroßen Grashalmen und ein paar Pilzen. Sie stellen ein verwahrlostes, verwunschenes Fußballfeld dar und kündigen bereits die Themen des Abends an. Akın Emanuel Şipal Fußballtragödie "Der Zauberer von Öz", die Aram Tafreshian am Theater Bremen inszeniert hat, erzählt die Geschichte von Mesut Özil – und vieles mehr. Die Musikerin Ella Olivia Bender Semerci betritt vom Zuschauerraum aus die Bühne und stellt sich als Wölfin vor. Sie ist verantwortlich für den Einstieg sowie die musikalische Untermalung des Abends. Sie berichtet nicht von ihrem Leben als Wölfin, sondern vielmehr darüber, wie die Wahrnehmung anderer sie beeinflusst. Man ahnt, dass auch der Fußballer Mesut Özil hier als Projektionsfläche dient. Wie gehen die Medien mit jemandem um, der so viele verschiedene Seiten hat? Was machen wir aus dieser Berichterstattung?
Die Inszenierung ist wie ein Fußballspiel in zwei Halbzeiten plus eine Verlängerung geteilt. Die erste Halbzeit verhandelt Özils Zeit in der deutschen Nationalmannschaft und seine Reise durch den europäischen Fußball, die maßgeblich durch seinen Vater beeinflusst wird. Dieser fungiert als eine Art Manager und bringt Mesut um seinen Platz in seiner Traummannschaft bei Real Madrid. Es folgt ein Zerwürfnis, das bis heute öffentlich nachwirkt. 2018 dann das berühmte Foto, das (Fußball-)Deutschland ins Wanken brachte: Özil und sein Fußballkollege İlkay Gündoğan lassen sich mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan fotografieren. Während der DFB panisch beginnt, Schadensbegrenzung zu betreibt, hüllt Özil sich in Schweigen und tritt nach der enttäuschenden WM kurz danach von seiner Tätigkeit als Nationalspieler zurück.
In der zweiten Halbzeit spielt Ruben Sabel einen Özil, der zwischen einem tiefen Wunsch nach Rache und einem fundamentalen Unverständnis fest hängt. Warum ist es schlimm, sich mit Erdoğan fotografieren zu lassen, aber in Ordnung, in Putins Russland eine WM zu spielen und ihm damit eine Weltbühne zu schenken? Verzweifelt zeiht er sich in eine Villa in der Nähe Istanbuls zurück, wo ihm der portugiesische Trainer José Mourinho erscheint, dessen Rede zwar unterhält, aber dramaturgisch kaum einen Mehrwert hat. Immer wieder kommt die Inszenierung auf die Frage zurück, wie Özil dort gelandet ist. Gezeigt wird einer, der von Geburt an hin- und hergerissen ist zwischen Deutschland und der Türkei, der mit beiden Ländern hadert. Tafreshian baut ein Spannungsfeld auf, ohne es aber präzise zu beleuchten. Weder die Berichterstattung noch die Reaktionen der Öffentlichkeit oder Özils politische Positionen werden problematisiert, sehr zugunsten einer Ambivalenz. Es geht an diesem Abend nicht darum zu verurteilen, aber ein wenig mehr Mut und Schärfe im Umgang mit diesen Themen wären wünschenswert gewesen.
Erst in der Verlängerung gibt es einen reflektierenden Moment. Neben Harry Potter treten der Autor und der Regisseur des Stückes auf. Sie geben offen zu, dass der Özil, der uns an diesem Abend begegnet ist, nichts mit dem zu tun hat, der in einer Villa am Rande Istanbuls lebt. Der Özil auf der Bühne ist ein Intellektueller, nimmt Bezug auf Caligula und Moby Dick. Ganz anders als der reale Fußballer, der häufig durch Schweigen provoziert. Er scheint ähnlich wie auf dem Fußballplatz öffenlichkeitswirksam in den Zwischenräumen verschwinden zu wollen und dann aufzutauchen, wenn es ihm gerade nützlich erscheint. Die Inszenierung arbeitet dies beeindruckend heraus.
Immer wieder wird nach gemeinsamen Nennern gesucht zwischen Fußball- und Theaterfans. Gefunden werden sie in einer pointierten Zusammenfassung der Weltmeisterschaften 2014 und 2018 mit Lego-Fußballern. Manolo Bertling, der auch Özils Vater Mustafa darstellt, begeistert als Synchronstimme von Joachim Löw. Nach und nach verheddern sich Regie und Text aber in einem Netz aus popkulturellen Referenzen von Fußball-Fan-Gesängen, Harry Potter bis zum titelgebenden "Zauberer von Oz". Die Inszenierung macht aber auch nicht Halt davor, politisch vorbelastete Begriffe wie "Völkermord" oder "Gaza" einzustreuen. Wer es in diesem Wirrwarr schafft, den Durchblick zu bewahren, erlebt einen Abend, der Spaß macht und zugleich herausfordert.
Mehr zur Autorin
Judith Falentin ist 21 Jahre alt und studiert Angewandte Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Schon länger beschäftigt sie sich mit dem Schreiben als Kunstform und freut sich sehr, am Festivalblog mitzuarbeiten und neue Erfahrungen zu sammeln.