Das Ensemble steht in einer Formation, trägt Sonnenbrille und sieht sehr lässig aus.

Der Ruf der Nashörner

Anna Marboe inszeniert Ionescos "Die Nashörner" mit viel Witz und Tempo. Nur der Tiefgang fehlt ein wenig.

Text: Lukas Möller

Brrrrrrrr. Rrrrrrrrrr. Die große Bühne im Volkstheater ist eingerahmt von grünweißen Bannern, die den Ruf der Nashörner tragen. Regisseurin Anna Marboe hat Eugène Ionescos Stück "Die Nashörner" am Volkstheater inszeniert. Es ist nach "europa flieht nach europa" ihre zweite Arbeit an diesem Theater. Und so simpel und inhaltslos der Ruf der Nashörner auch ist, so sehr sind ihm doch alle verfallen: Hans, Stech, Herr Ochs, der Logiker, Herr Schmetterling, Daisy – ja sogar das Publikum stimmt mit ein, wenn die Nashörner singen. Es ist einfach lustig, dabei zu sein und den Melodien der KI-generierten Musik zu folgen, die, von Genre zu Genre springend, immer die gleichen paar Textzeilen propagiert: "Nashörner, Nashörner, Nashörner, Nas – das Leben als Nashorn, das Leben macht Spaß!"

Nur Behringer, stark gespielt von Maximiliane Hass, steht alleine da und bleibt still. Verängstigt schaut er seinen ehemaligen Freund*innen, Arbeitskolleg*innen und den beeindruckenden, vierbeinigen, grün-weißen Nashörnern auf der Bühne zu. Beginnt, die Tiere selbst zu bewundern, wünscht sich Haut und Horn wie sie und sieht das Ungeheuer in sich selbst. Und dennoch steht seine Meinung bis zuletzt: "Ich kapituliere… nicht." Besonders entschlossen klingt das nicht. Das Licht geht aus, und Behringers letzte Worte hallen nach im Kopf: "Wehe dem, der seine eigene Art bewahren will!" Wie konnte es so weit kommen?

"Ich kapituliere ... nicht." - Maximiliane Haß als Behringer (c) Gabriela Neeb

Zwei Stunden zuvor: der giftgrüne Bühnenboden liegt noch unbetreten dar. Die karge, weiße Kulisse eines simplen Hauses ist das Einzige, was der dunklen, gähnenden Leere der großen Bühne entgegensteht. Die Nashörner sind zwar noch nicht zu sehen, ihre Farben jedoch von Anfang an allgegenwärtig. Vorwärtstreibende klassische Musik ertönt, die sieben Darsteller*innen springen aus einer Bodenluke auf die Bühne und beginnen wild zu tanzen. Doch da die KI-generierte Musik keine Substanz hat, keine Reibung erzeugt, können auch zig Genrewechsel die Dissoziation nicht auflösen, die Behringer im Gespräch mit seinem Freund Hans kurz darauf beschreibt: "Ich konnte mich nie an mich gewöhnen. Ich weiß nicht, ob ich ich selbst bin." Da zeigt Hans, den Nils Karsten so penetrant unangenehm wie lustig verkörpert, plötzlich aufgeregt ins Publikum: Er hat das erste Nashorn gesehen. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf.

Eugène Ionescos Charaktere sind stark gezeichnet von ihrer jeweiligen Stellung in der Klassengesellschaft sowie von einer Doppelmoral im Umgang mit den Dickhäutern: zunächst verurteilen alle die Nashörner rigoros. Allen voran Hans, der die Stadt in die Verantwortung fordert: "Wozu ist denn sonst die Stadt da!" Doch zunehmend weicht die Abneigung einer Faszination für die rohe Natur der Tiere, für ihre Beschaffenheit, ihre Moralfreiheit und ihre Gewalt. Nashorn-Sein ist plötzlich en vogue, und wer dagegen ist, beschränkt die demokratische Freiheit auf freie Selbstentfaltung. Stattdessen sollte man die Nashörner respektieren, sollte mit ihnen reden und ihre Bedürfnisse hören. Argument für Argument wird durchexerziert und entlarvt sich durch das absurde Setting selbst, bis am Ende außer Behringer kein Mensch mehr übrig bleibt und die Nashörner Banken, Medien, Regierungen und die gesamte Bühne kontrollieren.

Ein was? Ein Nas! (c) Gabriela Neeb

Eugene Ionescos Stück ist ein Klassiker des Absurden Theaters, geschrieben 1957 als Reaktion auf den Patriotismus und Rassismus, der sich in Frankreich während der Schlacht von Algier zeigte, geprägt auch von den Erfahrungen des Autors mit dem Aufkommen totalitärer Regime vor und während des zweiten Weltkriegs in Rumänien, Deutschland und Frankreich. Marboe bewältigt diesen Stoff gut, findet auf der vielseitigen Volkstheater-Bühne gemeinsam mit Bühnen- und Kostümbildnerinnen Helene Payrhuber und Sophia Profanter schöne kreative Möglichkeiten, diese Geschichte zu erzählen. Den Zuschauer*innen wird nie langweilig, auch wenn die Leblosigkeit der KI-Musik im x-ten Genre penetrant deutlich wird.

Die Sprache hat ein hohes Tempo, Dialoge und chorische Passagen sind choreografiert, und es bereitet Freude zuzuschauen, wie die Spieler*innen sich die (Golf)Bälle um die Ohren hauen. So absurd das Stück von Natur aus ist, leidet die Bedeutung der Thematik jedoch etwas unter diesem Slapstick-Humor. Die Inszenierung lässt ein wenig an Tiefgang vermissen. Wie Behringers innere Leere wird diese Schwäche auch von immer mehr KI-Musik nicht ausgeglichen, auch wenn diese an sich eine kluge Idee ist und eine gute Übersetzung in die heutige Zeit schafft. Zuletzt aber haben an diesem Abend von den Spieler*innen über die Zuschauenden bis hin zu den über 20 Statist*innen augenscheinlich alle Spaß an der Absurdität, die jedoch eher Ablenkung als Warnung vor der fortschreitenden Nashorn-Verwandlung außerhalb des Theaters schafft.

Mehr zum Autor

Lukas Möller wurde 2006 in Hamburg geboren. In der Spielzeit 24/25 absolvierte er ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Dramaturgie der Münchner Kammerspiele, in der Spielzeit 25/26 begleitete er dort die Produktion "Wallenstein" von Jan-Christoph Gockel als Dramaturgieassistent. Aktuell studiert er Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig und ist Teil des Vorstands des Leipziger Theatervereins Freies Ensemble Jedermensch.

Lukas Möller (c) privat