Luise von Stein mit einem bedruckten Seidenstrumpf über dem Gesicht als alte Dame.

Die schleichende Erosion der Humanität

Lily Kuhlmann siedelt an der Berliner Vagantenbühne "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt irgendwo zwischen Horror und Slapstick an.

Text: Merle Zils

"Das Leben schreibt die schönsten Geschichten." Mit diesem Satz endet Lily Kuhlmanns Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts Klassiker "Der Besuch der alten Dame" an der Berliner Vagantenbühne. Es ist eine der bekanntesten Geschichten über Moral, Gewalt und Gerechtigkeit.

Die alte Dame Claire Zachanassian kehrt nach Jahren in ihr Heimatstädtchen Güllen zurück. Die Stadt ist verarmt, benötigt dringend finanzielle Unterstützung. "Wir haben Millionen nötig", wird Claire angebettelt. Sie hat Geld – sieben Ehemänner hat sie bereits beerbt. Eine Milliarde bietet sie den geldhungrigen Güllnern, jedoch unter einer Bedingung: Alfred Ill muss sterben. Der Mann, der sie viele Jahre zuvor schwanger sitzen ließ und sie vor dem Vaterschaftsgericht mithilfe falscher Aussagen diffamierte. "Nur kann der Vorschlag nicht ernst gemeint sein, weil der Preis von einer Milliarde übertrieben ist", sagt der Bürgermeister. Doch er ist ernst gemeint. Es beginnt ein Abwägen. Wie viel ist ein Leben wert? Mehr als die Gerechtigkeit? Mehr als das Wohl der Stadt? So weit, so zwiespältig.

Sie will Gerechtigkeit: Luise von Stein als Claire Zachanassian (c) Thomas Jauk

Lily Kuhlmann legt ihre Inszenierung zwischen Horror und Slapstick an. Zu Beginn tragen zwei maskierte Männlein einen Sarg über das Geländer, reichen ihn durchs Publikum und heben ihn schließlich auf die Bühne. Trotz ihres gruseligen Erscheinungsbilds wirken sie eher wie Mainzelmännchen. Sie machen hier und da lustige Sounds und stolpern tollpatschig und drollig durch die gesamte Inszenierung. Sie sind der alten Dame untergeben. Auch diese trägt einen Horror-Look, bestehend aus einer Strumpfhosenmaske mit verzerrt aufgedrucktem Gesicht. Nur selten nimmt sie sie ab – etwa wenn sie in Erinnerungen schwelgt. In diesen Momenten wird deutlich, dass unter den Stoffschichten, hinter der verzerrten Maske, noch immer das verratene 17-jährige Mädchen steckt, das damals vor Gericht zur "Nutte" gemacht wurde. Trotz des Vermögens, das sie anhäufte, trotz der Welt, die "ihr gehört", bleibt etwas unerfüllt: der Wunsch nach Rache. Rache am patriarchalen System, an der Männerwelt, die sie verraten hat.

Genau dieses System aus Männern entscheidet nun über das Schicksal Alfred Ills. Die Horroratmosphäre des moralischen Dilemmas wird durch schummriges Licht und gespenstische Musik unterstrichen. Tiefe, teils stark verzerrte Bassnoten formen eine düstere Welt, in der es nicht überraschen würde, wenn gleich der Joker durch Gotham City liefe. Es wird geschossen, verfolgt, heimlich durch Rollos auf die Straße gespäht. Auch das Lachen der alten Dame erinnert an das Markenzeichen dieses berühmten Bösewichts.

Der Angeklagte: Urs Fabian Winiger als Alfred Ill (c) Thomas Jauk

Die Inszenierung schafft es, den Klassiker mit nur vier Darsteller*innen reduziert und präzise auf die Bühne zu bringen. Popkulturelle Momente mischen sich mit dem Originaltext. "Einen Mann hält man sich zu Ausstellungszwecken, nicht als Nutzobjekt", sagt die alte Dame gegen Ende. Eine andere Szene nimmt Bezug auf einen Auftritt Kanye Wests mit seiner Ehefrau Bianca Censori, bei dem er komplett bekleidet und sie fast nackt – und sichtlich unwohl – auftrat. Lily Kuhlmann dreht dies geschickt um: Die alte Dame schaut zu, wie ihr aktueller Ehemann leidend fotografiert wird. Es sind solche Momente, in denen hegemoniale Männlichkeit seichte angegriffen wird, die jedoch über eine kleine Ohrfeige nicht hinausgehen. Um den wahren Kampf mit dem Patriarchat aufzunehmen, klebt die Inszenierung zu sehr am Text. 

Das Stück bezieht sich auch auf seine eigentliche Spielstätte, denn nahe der Vagantenbühne in Berlin liegt das verlassene Savoy Hotel. Es wird zur Kulisse der Inszenierung. Zum einen im Bühnenbild, zum anderen in den, leider zu ausgedehnten, Videosequenzen: voraufgezeichnete Szenen, die in eben diesem Hotel entstanden sind. Auch wenn diese eine eigene, beinahe an die Komik der Rocky Horror Picture Show erinnernde Ästhetik entwickeln, bleibt die Frage, warum sie in dieser Fülle eingesetzt werden. Sie sind so umfangreich, dass sie fast als eigenständiger Kurzfilm bestehen könnten.

Gern hätte man mehr von den vier Darsteller*innen auf der Bühne gesehen, deren Leistung besonders hervorzuheben ist. Mit blitzschnellen Wechseln und präzisem komödiantischem Timing schaffen sie eine eindrückliche Figurenzeichnung. Neben der wunderbar zerbrechlichen und zugleich grausamen alten Dame von Luise von Stein überzeugen vor allem auch Julius Brauer und Franziskus Claus, die sowohl die Mainzelmännchen, als auch den schmierig-eingebildeten Bürgermeister, den austauschbaren aktuellen Ehemann und den alkoholabhängigen, nervösen Pfarrer verkörpern. Dem Ensemble gelingt es, die schleichende Erosion der Humanität nachzuzeichnen.

Mehr zur Autorin

Merle Zils, geboren 2001 in Norddeutschland, studiert im Master Kulturjournalismus in München und schreibt nebenher für die Junge Bühne und die taz. Am liebsten über Theater, Musik und jegliche Kultur, die gesellschaftliche Diskurse aufgreift und anstößt.

Merle Zils (c) Gregory Giakis