Das Ensemble von HEIDI sitzt gemeinsam auf einem Hügel und lacht.

Heimat, ein Alp(en)traum

Die Regisseurin Lena Reißner demontiert Johanna Spyris Roman "Heidi" am Theater Freiburg und schafft einen turbulent-witzigen Ritt durch Fragen nach Identität und Heimat.

Text: Leonie Stöckle

Die saftige grüne Wiese des Windows XP Hintergrunds leuchtet uns entgegen, umrahmt von einem weißen Rahmen mit Herzchen-Verzierung. Ein Kruzifix thront in der Ecke, Milchschemel und -kanne stehen bereit: Einem Theaterabend in der heilen Heidiwelt steht eigentlich nichts mehr entgegen. Doch als das Ensemble des Theater Freiburg auf die Bühne tritt, kommen sie mit schlechten Nachrichten: Heidi, wegen der wir alle heute hier sind, konnte leider nicht kommen, denn – Heidi ist tot?

Und jetzt? Jetzt ist das Publikum live dabei, wie Heidi rekonstruiert wird. Und das ist gar nicht so einfach, denn Heidi ist sowohl zart als auch kräftig, leicht und stark, menschlich, aber auch auf Augenhöhe mit den Tieren. Die Regisseurin Lena Reißner destilliert in ihrem Abend "Heidi" mit ihrem Team einzelne Aspekte aus der Vorlage heraus, die sie vergrößert und zum Leuchten bringt. Lose orientiert sie sich an der Handlung des Buches von Johanna Spyri, reißt einzelne exemplarische Szenen an: Heidis erster Sonnenuntergang in den Bergen; Heidi taut das Herz ihres mürrischen Großvaters auf; Heidi muss nach Frankfurt; Heidi hat Heimweh; Heidi darf zurück in die Berge – nach Hause?

Wo ist Heidi? (c) Philip Frowein

Doch wer ist nun Heidi? Ist Heidi in den Tannen, den Bergen und der Milch drin? Wird man zu Heidi, wenn man Milch trinkt? Oder ist Heidi doch eher ein Gefühl? Ein bisschen vielleicht. Heidi ist eine Ikone, fast schon ein transzendentes, engelsgleiches Wesen, so viel steht schnell fest. Irgendwann schlüpft jede*r aus dem Ensemble in die Rolle von Heidi, egal ob alt, männlich, schwarz oder japanisch.

Challenge Gumbodete treibt die Verherrlichung der Ziegen mitsamt ihrer Milch in einer Ziegenmilch-Predigt herrlich auf die Spitze ("Oh my goat!"). Anja Schweitzer belebt Heidis ekstatische, kindliche Begeisterung für den Sonnenuntergang ("Was? Das passiert jeden Tag?"). Elisa Lynn Dillier lässt den Almöhi, Heidis Großvater, durch ihre naiven, direkten und damit entlarvenden Fragen weich werden: "Glaubst du mir, wenn ich dir sage, dass du ein guter Mensch bist, Großvater?" An dieser Stelle darf die Heidi-Magie leuchten: Wie das Gute in den Menschen tatsächlich hervortritt, wenn man daran glaubt.

"Glaubst du mir, wenn ich dir sage, dass du ein guter Mensch bist?" (c) Philip Frowein

Heidis Ankunft in Frankfurt dagegen wird eher horrormäßig: Mit einem riesigen Ziegenkopf betritt Victor Calero als Heidi die Bühne, sehr zu Fräulein Rottenmeiers Verärgerung: "Das soll ein Kind sein?" Kei Muramoto als Klara hingegen ist hin und weg: Endlich hat sie eine Freundin, Heidi ist ihr das Liebste auf der Welt und darf nie, nie wieder gehen! So sehr braucht Klara Heidi, dass es auch nichts ausmacht, dass sie irgendwann nur noch mit dem leeren Ziegenkopf interagiert, in dem gar keine Heidi mehr steckt. Die Szene macht deutlich, dass Heidi für alle um sie herum hauptsächlich als Projektionsfläche dient. Alle brauchen sie: der einsame Großvater, die reiche kranke Klara, der Ziegenpeter und auch die Ziegen selbst. Um alle kümmert sie sich und bleibt dabei stets glücklich und lieb, sie ist der Inbegriff des "good girl". 

Die Analyse von Heidi als Sehnsucht weckende, ikonische, aber doch auch leere Hülle lässt sich dabei fast eins zu eins auf das zweite Thema übertragen, das das ganze Stück durchzieht: die Heimat. Auch diese darf in der Inszenierung in ihrer Vielschichtigkeit aufscheinen: als reales Heimwehgefühl; als kollektive Erinnerungen, aber auch als Kitsch oder ein Phrasendreschen à la "home is where the heart is". 

Die politische Aufladung und Instrumentalisierung des Heimatbegriffs wird immer wieder deutlich: Ein Schlagersong lässt das ganze Ensemble plötzlich zu Schläger*innen werden, die bedrohlich ihre Milchkannen und Holzschemel ins Publikum recken. Heidi fragt ihren Großvater: "Glaubst du mir, dass wir zusammen glücklich sein können? Dass ich genauso hierher gehöre wie du?" Die Inszenierung kippt dabei nie ins Moralisierende oder Belehrende, zu schnell wechseln Szenen und Stimmungen. So schafft es das Stück, gleichermaßen zum Lachen, zum Weinen und zum Nachdenken zu bewegen.

Sowohl die Schauspieler*innen als auch Musik, Bühne und Kostüme greifen gut in einander und unterstützen sich gegenseitig. Alle sprechen immer wieder in ihren eigenen Dialekten oder Sprachen, was dem Heimatbegriff eine zusätzliche sprachliche Konkretheit verleiht. Auch die Kostüme spiegeln den Facettenreichtum von Heimat wider: An traditionelle Gewänder und Materialien angelehnt, sind sie nicht nur von der Schweizer Alpenregion inspiriert, es finden sich auch Spuren japanischer oder russischer Trachten – und auch ein aufgesticktes 069 als Frankfurt-Hommage darf auf Klaras Kostüm nicht fehlen. Das Schlusswort haben die Ziegen, vielleicht verstehen sie mehr als die Menschen: "Heimat ist ein Kompromiss", mähen sie. "Heimat ist ein Echo."

Mehr zur Autorin

Leonie Stöckle ist freischaffende Tänzerin, Tanzvermittlerin und Kulturjournalistin. Nach einem BA in zeitgenössischem Tanz in Köln macht sie momentan ihrem Master in Theaterforschung und kultureller Praxis an der LMU München und schreibt für die Magazine TANZ und tanznetz.de.

Leonie Stöckle (c) Leonie Wessel