Édouard wird aus verschiedensten Gründen verstoßen und nicht als er selbst wahrgenommen – wie sieht sein Widerstand dagegen letztendlich aus?
Er kämpft natürlich irgendwie gegen seine Herkunft und gegen seinen Vater, aber er kämpft auch gegen sich selbst. Das war es auch, was mich so berührt hat und was so wichtig ist, wenn man von Klasse redet. Die Gewalt geht auch gegen einen selbst. Édouard Louis hat sich neu geformt, er hat sich seinen Dialekt abtrainiert, er hat trainiert, wie er lacht, weil selbst daraus, meinte er, konnte man lesen, woher er kommt. Später verändert er sein ganzes Äußeres. Er geht über seine persönlichen Grenzen hinaus. Widerstand regt sich bei ihm erst, als er es geschafft hat und in der Pariser Elite ist – und dann aber die Erkenntnis hat, dass das gar nicht der Ort für ihn ist. Erst dann orientiert er sich wirklich in der Welt und guckt, wo gehöre ich eigentlich hin? Dann gibt er quasi nochmal seine ganzen Wünsche auf und fängt neu an.
Der Titel des Stücks lautet "Anleitung ein anderer zu werden". Inwiefern kann das Stück als Anleitung für die Zuschauer*innen verstanden werden?
Ich glaube, das Stück ist keine Anleitung. Ich hoffe, es löst in den Menschen Emotionen aus, die in Bezug zu einem gesellschaftlichen Diskurs stehen. Und dass sich dadurch etwas im Inneren verändert. Aber eine Anleitung, wie man ein anderer wird, ist es nicht: Vielleicht maximal, dass man sich immer wieder hinterfragt, um das Richtige für einen selbst zu finden.