"Ein Zwiegespräch mit dem abwesenden Vater"
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Interview: Elmo Hüller
Wie bist du auf die Idee gekommen, aus dem Roman "Anleitung ein anderer zu werden" ein Theaterstück zu machen?
Chiara Liotine: Ich wollte etwas von Édouard Louis machen, weil ich es wichtig finde, über Klasse zu reden, auch und gerade im Theater. Ich finde das generell ein sehr wichtiges Thema, das in der Gesellschaft eher nicht besprochen wird. Und gerade Édouard Louis zeigt so schön, dass all das, was man theoretisch über Klasse sagt, auch einfach sehr persönlich ist. Er macht die Theorie spürbar und nachfühlbar und das hat mich sehr berührt.
Warum steht Johannes Hegemann als Spieler alleine auf der Bühne?
Für mich war immer klar, das muss ein Monolog sein. Das muss eine Person alleine erzählen, und ich brauche eine Einsamkeit dieser Person, die eine Dringlichkeit hat, auch wenn sie über ihre Beziehung zum Vater reflektiert. Das heißt, eigentlich machen wir ein Zwiegespräch mit dem abwesenden Vater. Uns war wichtig, dass wir den inneren Prozess, diesen über die Klassengrenzen hinausgehenden Weg darstellen. Das ist bei Édouard Louis das Schöne: Es ist nicht nur die Klassenüberwindung, sondern auch gleichzeitig seine sexuelle Befreiung. Uns war wichtig, das, was er erlebt, als einen inneren Prozess widerzuspiegeln. Wir haben sehr auf Körperlichkeit gesetzt und wollten, dass das Äußere, also die Bühne, etwas Inneres zeigt. Sie ist wie ein Gegenpart für Johannes.
Welchen Einfluss hat Édouards sexuelle Orientierung auf sein Klassenbewusstsein?
In ihm ist immer das Gefühl, dass er nie dazugehört hat, dass er nicht reingepasst hat, also in seine Herkunft, in dieses Dorf, in diese Klasse. Er hat wegen seiner Sexualität viel Diskriminierung erfahren, und der verbindende Punkt in der Inszenierung ist eigentlich die Beziehung zum Vater. Da dröselt sich das Klassenverständnis auf, aber da ist auch das "Problem", das die Welt immer mit seiner Sexualität hatte. Von beidem befreit er sich, und beides distanziert ihn auch vom Vater. Gleichzeitig kann er irgendwann darauf zurückblicken und versteht die politischen Systeme dahinter. Die Klasse, aus der er kommt, bedingt eigentlich den Blick seines Vaters auf seine Sexualität. Seine Welt ist so anders aufgebaut, geprägt von patriarchalen Strukturen, von einem Bild von Männlichkeit, das gesellschaftlich gewollt ist. Und ich glaube, da trifft es sich. Er befreit sich von beidem.
Das war es auch, was mich so berührt hat und was so wichtig ist, wenn man von Klasse redet. Die Gewalt geht auch gegen einen selbst.
Édouard wird aus verschiedensten Gründen verstoßen und nicht als er selbst wahrgenommen – wie sieht sein Widerstand dagegen letztendlich aus?
Er kämpft natürlich irgendwie gegen seine Herkunft und gegen seinen Vater, aber er kämpft auch gegen sich selbst. Das war es auch, was mich so berührt hat und was so wichtig ist, wenn man von Klasse redet. Die Gewalt geht auch gegen einen selbst. Édouard Louis hat sich neu geformt, er hat sich seinen Dialekt abtrainiert, er hat trainiert, wie er lacht, weil selbst daraus, meinte er, konnte man lesen, woher er kommt. Später verändert er sein ganzes Äußeres. Er geht über seine persönlichen Grenzen hinaus. Widerstand regt sich bei ihm erst, als er es geschafft hat und in der Pariser Elite ist – und dann aber die Erkenntnis hat, dass das gar nicht der Ort für ihn ist. Erst dann orientiert er sich wirklich in der Welt und guckt, wo gehöre ich eigentlich hin? Dann gibt er quasi nochmal seine ganzen Wünsche auf und fängt neu an.
Der Titel des Stücks lautet "Anleitung ein anderer zu werden". Inwiefern kann das Stück als Anleitung für die Zuschauer*innen verstanden werden?
Ich glaube, das Stück ist keine Anleitung. Ich hoffe, es löst in den Menschen Emotionen aus, die in Bezug zu einem gesellschaftlichen Diskurs stehen. Und dass sich dadurch etwas im Inneren verändert. Aber eine Anleitung, wie man ein anderer wird, ist es nicht: Vielleicht maximal, dass man sich immer wieder hinterfragt, um das Richtige für einen selbst zu finden.
Mehr zum Autor
Er springt, er schleicht, er sucht. Und jetzt schreibt Elmo Hüller auch noch Kritiken. Mit einem abgeschlossenen Theaterwissenschaftsstudium arbeitet er als Theaterschaffender in der Freien Szene und nun auch beim Radikal Blog. Er freut sich.