Das Ensemble hält mit Seilen verbundene Stäbe in die Luft.

Verstrickt in Disharmonien

Mable Preachs "Opera Of Hope" verwebt eine Fluchtgeschichte mit musikalischen und poetischen Gedanken zu Entmenschlichung und Heimatsuche. Leider verheddern sich die Ebenen der Inszenierung.

Text: Merle Zils

"Opera of Hope? Hope, wie Timmy der Wal", scherzt eine junge Frau über den Titel der gestrigen Abendvorstellung des Radikal jung Festivals. Die bittere Assoziation zum medialen Mega-Ereignis der vergangenen Wochen – dem gestrandeten Wal Timmy, von anderen "Hope" getauft – scheint unausweichlich. Hope spukt noch immer in den Köpfen herum. Doch auf den zweiten Blick offenbart sich tatsächlich eine schmerzhafte Parallele: Zeitgleich zu den "Rettet Hope"-Aufrufen ertranken 18 Menschen im Mittelmeer, nahe der türkischen Küste. Ohne Aufschrei der Bevölkerung. Ohne private Rettungsmission.

"Die Priorisierung von Grenzen gegenüber Menschenleben hat bislang zum Tod von mindestens 30.000 Menschen geführt. Und die Zahl steigt weiter", deklamiert eine Performerin als Interpretin eines "Poem of a Black Girl" in der Inszenierung von Mable Preach am Hamburger Kampnagel Theater. Da wechseln sich Tanz, Gesang und die Erzählung des geflüchteten Mädchens Abrefi ab. Dazu kommen Gedichte über Rassismus, intersektionale Diskriminierung und die Entmenschlichung innerhalb globaler Fluchtbewegungen. Es sind gewichtige Worte, die Preach hier setzt, dennoch rauben sie der Geschichte bisweilen ihren Platz.

"Opera of Hope" (c) Fabian Hammerl

Im Zentrum der Oper steht Abrefi. Mit nur sieben Jahren flieht sie gemeinsam mit ihrer Familie vor politischer Verfolgung in Ghana nach Deutschland. Abrefi wird dabei nicht von einer einzelnen Person verkörpert; sie hat viele Stimmen. Fünf Darsteller*innen und der Choir Of The Uncivilized Voices geben ihr eine kollektive Identität – sie stehen stellvertretend für alle Kinder auf der Flucht.

Die Inszenierung zeichnet ungeschönte Erinnerungsbilder, die mit der Ankunft in Hamburg beginnen, als das Mädchen kurzzeitig ihren Vater in der U-Bahn verliert – "aussteigen bei Kellig... something". Auch der darauffolgende Alltag ist von Schmerz geprägt: In der Schule wird sie von Mitschülern und Lehrkräften gemobbt, sie hört Sätze wie "schwarze Mädchen sind nicht hübsch". Hinzu kommt die zermürbende Bürokratie beim Warten auf die nächste Duldung, bei der man oft stundenlang ansteht, nur um festzustellen: "Um 13.40 Uhr sind wir dran." Überschattet wird diese Suche nach Heimat von einer ständigen Bedrohung durch die Angst vor der Polizei und sexueller Belästigung in der Asylunterkunft, "das ist kein sicherer Ort für Mädchen und Jungs", resümiert eine Performerin. Doch erzählen sie Momentblitze kultureller Selbstbehauptung: Queen Latifah dröhnt durch das Zimmer von DJ Fof im Asylheim, und im improvisierten Friseursalon werden Braids geflochten. Es ist die Suche eines Kindes nach Heimat.

"The last moment of freedom" (c) Fabian Hammerl

Das Bühnenbild von Dennis Stoecker und Soffía Ralfsdóttir Heese unterstreicht diese Heimatsuche. Ein riesiger Baumstamm aus Stoff dominiert den Raum, seine Wurzeln greifen wie überdimensionale, geflochtene Zöpfe um sich. Diese starke Bildsprache setzt sich fort, unter anderem als die Darsteller*innen während der Monologe lange Bande knüpfen, die sie später zu einem Netz verweben. Zum Ende hebt dieses Netz vom Boden ab und wird zu schwebende Ketten über ihren Köpfen.

Mable Preach zeigt in "Opera of Hope" kraftvolle Momente. Dennoch bleibt ein leichtes Ungleichgewicht. Die Inszenierung setzt auf einen riskanten Mix aus professionellen Gesangsstimmen und Stimmen, die immer wieder ins Schieflage geraten. Die Disharmonien stechen aus dem Chor heraus. Diese unsauberen Töne scheinen System zu haben, denn auch der Text nimmt explizit darauf Bezug: "Sie sang schräg, aber wunderschön", heißt es in einer Szene. Die Inszenierung versteht sich als Aufbrechen der Hochkultur und fordert ein radikales Neudenken des Musiktheaterraums. Doch leider geht dieses Konzept nicht vollends auf. Das Störgefühl lässt die Zuschauerin ratlos zurück und raubt der Geschichte ihre Deutlichkeit. Auch die Songtexte gleiten stellenweise ins Kitschige ab.

Was dennoch für besondere Momente sorgt, sind die Tänze. Die Choreografien der Gruppe verdeutlichen ihr Auftreten als Community. Besonders die Solos von Joshua Fielder und Maku Gold beeindrucken. Da ist ein Moment des Kampfes: Ein Tänzer wehrt sich mit ausladenden Armbewegungen und stampfenden Füßen, die aus dem Krumping, einem schnellen, expressiven Freestyle-Tanz stammen. Und da ist ein Moment der Freiheit: "Die Sorgen, der Stress, das Gefühl, nicht gewollt zu sein – all das schien zu verschwinden. Stattdessen war da nur der Rhythmus", spricht ein Ensemblemitglied, kurz darauf verfällt die Darstellerin in ein Breakdance-Solo.

Mehr zur Autorin

Merle Zils, geboren 2001 in Norddeutschland, studiert im Master Kulturjournalismus in München und schreibt nebenher für die Junge Bühne und die taz. Am liebsten über Theater, Musik und jegliche Kultur, die gesellschaftliche Diskurse aufgreift und anstößt.

Merle Zils (c) Gregory Giakis