"Ein Stück für Menschen, die nichts von Theater halten"
Datum
Interview: Lukas Möller und Ann-Sofie Reiners
Du kommst ursprünglich von der "Internetbühne". Wie kam dein Sprung von hinter der Kamera auf die Bühne? Und was hat sich seitdem getan?
Toxische Pommes: Denice Bourbon, die den PCCC* (Politically Correct Comedy Club) in Wien gegründet hat, ist vor ein paar Jahren an mich herangetreten und hat gefragt, ob ich mit einem zehnminütigen Comedy Skit an einem Mixed Evening teilnehmen möchte. Das Ganze ist auf YouTube gelandet und hat schließlich zu meinem ersten Soloprogramm "Ketchup, Mayo & Ajvar" geführt, mit dem ich dank Andreas Fuderer Premiere im Kabarett Niedermair feiern durfte.
Dein Humor funktioniert ein bisschen wie ein trojanisches Pferd: Erst kommt der Witz, dann die Erkenntnis. Gibt es für dich Momente, in denen der politische Diskurs durch Humor verloren geht?
Nein, weil ich mich nicht als Journalistin oder Politikerin sehe. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich in meiner Rolle als Künstlerin einen Beitrag zu einem Diskurs leisten kann, dann tue ich das auf meine Art und vertraue darauf, dass die Zuseher*innen diesen Beitrag richtig einordnen können. Kunst kann kommentieren, Diskurse anregen, Perspektiven öffnen und Interesse für Themen wecken. Sich politisieren und den Willen für Veränderung haben müssen Wähler*innen aber schon selbst.
Solidarität klatscht sich einfacher im dunklen Theatersaal voller Gleichgesinnter.
Wie lief der Entstehungsprozess von "Wunschlos unglücklich" ab?
Ich fand die Grundidee lustig, dass einer Person etwas Gutes widerfährt (wie etwa ein unerwartetes Erbe) und diese Person auf so eine Neuigkeit nicht erfreut reagiert, sondern am Boden zerstört ist. Als Linke mache ich mich außerdem natürlich gerne über Linke lustig, wir sind schon oft richtig peinlich. Was mich an (linkem) Kabarett nervt, sind diese ständigen Witze über ÖVP und FPÖ (vergleichbar zu CDU und die AfD). Für die erntet man natürlich Bekenntnislacher und alle können gegenseitig auf die Schulter klopfen, weil sie sich moralisch richtig gelegen fühlen. Das finde ich langweilig und zunehmend unausstehlich, vor allem, wenn im Publikum überwiegend weiße, gut situierte Linke zusammensitzen, die de facto nie richtig von rechter Politik betroffen wären (vielleicht sogar einmal von ihrer Politik profitieren, spätestens wenn sie einmal erben). Wenn’s wirklich drauf ankommt, sind außerdem ohnehin die meisten von uns weg vom Fenster und zeigen sich nicht solidarisch mit marginalisierten Gruppen. Dann hat man dann plötzlich doch zu viel zu verlieren und zieht sich auf seine bequeme Position zurück und schweigt die Sache aus. Solidarität klatscht sich einfacher im dunklen Theatersaal voller Gleichgesinnter.
Die Hauptfigur muss plötzlich mit Besitz umgehen, etwas, das sie ideologisch ablehnt. Gibt man eher seine Ideale auf oder findet man neue Ausreden?
Wie würde es im konkreten Fall aussehen, wenn die Protagonistin ihren Idealen treu bleibt? Soll sie das Erbe nicht antreten? Die Eigentumswohnung verschenken? Das verlangt doch niemand von ihr. Aus irgendeinem Grund denkt sie aber, sie dürfe als überzeugte und überzeugende Linke kein Vermögen haben. Aus der Luft gegriffen ist das nicht, viele vermögende Menschen im linken Milieu verstecken ihr Geld, ihren familiären Hintergrund und tun so, als wären sie ökonomisch schlecht gestellt. Ich kenne sogar eine Person, die immer behauptet hat, ihre geerbte Wohnung wäre eine Mietwohnung. Ich frage mich, woher das kommt. Ist es Angst vor Statusverlust? Sich Drücken vor realer Verantwortung? Die Neidkultur? Das Tabu, über Geld zu sprechen? Der kapitalistische Self-Made Mythos? – Vielleicht will sich die Protagonistin auch nur mit ideologischen Federn schmücken, aber nicht in Einklang mit ihren Idealen handeln. Dabei wäre das doch möglich. Sie müsste sich ihrer neuen Rolle bewusst werden, die über bloßes Reden hinausgeht. Mit Geld kann man doch sehr viel Gutes tun. Nicht jede*r muss ein Opfer sein.
Die Protagonistin denkt viel darüber nach, wie sie ein guter Mensch sein kann und vergisst dabei, ein guter Mensch zu sein.
Was meinst du: Würde deine Bühnenfigur in "Wunschlos unglücklich" dich mögen oder sich in die Ecke gedrängt fühlen?
Ich glaube, sie würde von allen gemocht werden wollen. Insofern würde sie sich gar nicht erst die Frage stellen, ob sie mich mag, sondern vielmehr, ob ich sie mag.
Wie autobiographisch ist "Wunschlos unglücklich"?
Die Geschichte ist nicht autobiographisch, dennoch sehe ich ein paar Aspekte der Bühnenfigur auch in mir – etwa eine gewisse rechthaberische Arroganz und die Vorstellung, alles mit dem Kopf und Worten lösen zu können. Die Protagonistin denkt viel darüber nach, wie sie ein guter Mensch sein kann und vergisst dabei, ein guter Mensch zu sein.
Und nochmal abschließend: Worauf freust du dich am meisten beim Radikal jung Festival?
Ich persönlich mag ja Laienzugänge. Als Laie ist man oft noch nicht so verkopft und ignoriert unbewusst bestehende Regeln. Daher bin ich gespannt zu sehen, wie Leute, die etwas von Theater verstehen, auf ein komisches Theaterstück von einem Menschen reagieren, der nichts von Theater versteht, aber ein Stück für Menschen geschrieben hat, die nichts von Theater halten.
Mehr zu den Autor*innen
Lukas Möller wurde 2006 in Hamburg geboren. In der Spielzeit 24/25 absolvierte er ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Dramaturgie der Münchner Kammerspiele, in der Spielzeit 25/26 begleitete er dort die Produktion "Wallenstein" von Jan-Christoph Gockel als Dramaturgieassistent. Aktuell studiert er Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig und ist Teil des Vorstands des Leipziger Theatervereins Freies Ensemble Jedermensch.
Ann-Sofie Reiners, kurz Aufi, ist über die bildende Kunst beim Bühnenbild gelandet, wo der magische Sog des Theaters sie absorbiert hat. Denn wo sonst treffen so viele Kunstformen aufeinander und ergeben gemeinsam etwas völlig Eigenes?
Seitdem will sie verstehen, staunen, rätseln, und sich vor allem austauschen darüber, was darstellende Kunst hinterlässt. Genau diese Leidenschaft hat Aufi zum Masterstudiengang Kulturjournalismus geführt, der all ihre Lieben unter einem Dach vereint.