Eine Frau hält mit ernstem Gesicht eine Blume in die Kamera.

Frauen im Widerstand

Mikheil Charkvianis "Antigone" eröffnet das Radikal jung Festival 2026 mit einer starken Aufforderung zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung gegen autoritäre und patriarchale Unterdrückung.

Text: Lukas Möller

"Seht mich, Ihr Bürger meiner Stadt, auf meinem letzten Weg!" Antigone steht am vorderen Bühnenrand der Großen Bühne im Münchner Volkstheater und schaut ins Publikum. Nicht flehend, sondern bestimmt und einfordernd. Die tödliche Verurteilung durch ihren König und Großonkel Kreon steht kurz bevor, doch sie steht aufrecht und ruft: "Ihr seid alle Zeugen!" Das angesprochene Publikum sitzt, wie es sich gehört, still da und schaut zu. Schaut zu, wie Kreon Antigone bedroht, sie misshandelt. Ihr Verbrechen sei die Beerdigung ihres verstoßenen und getöteten Bruders entgegen der Anordnung des Königs. Für diese Missachtung seiner absoluten patriarchalen Machtposition mauert der König sie lebendig ein.

Antigone (c) Maximilian Borchard

Auf einem kleinen Bildschirm über der Bühne laufen derweil die Namen und Geschichten weiterer, realer weiblicher politischer Gefangener aus der ganzen Welt. Msia Amaghlobeli ist eine von ihnen: Die georgische Journalistin wurde im Januar 2025 bei friedlichen Protesten in Tiflis von der Polizei festgenommen, angegriffen, misshandelt und schließlich zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem sie dem Polizeichef eine Ohrfeige gab. Ihre Geschichte und ihren Widerstand bezeichnet der ebenfalls georgische Regisseur Mikheil Charkviani als Inspiration für seine "Antigone" von Roland Schimmelpfennig am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. "Seht mich!" – Die Aufforderung hallt durch den Saal, eindringlich und unausweichlich, zwingt die Zuschauer*innen zur Auseinandersetzung mit den Schicksalen der Frauen sowie den Machtstrukturen, die sie unterdrücken.

Gewalt und Hoffnung

Die männliche Macht ist an diesem Abend in Gestalt Kreons, gespielt von Martin Plass, von Anfang an allgegenwärtig und dabei erdrückend wie erbärmlich zugleich: Schon während des Einlasses flüstern Antigone und ihre Schwester Ismene versteckt zwischen den Reihen aus Klavieren (Bühnenbild: Mikheil Charkviani) miteinander und werden dabei immer wieder von Kreon aufgeschreckt, der wie ein Betrunkener auf ein Klavier steigt und mit dem Fuß auf die Klaviatur stampfend seine Macht verkündet, bis ihn seine Frau Eurydike wie eine Pflegerin wieder an seinen Platz bringt. Das ist so plump, so überdominant und so schwach zugleich, dass es absurd erscheint, und wird dennoch von Kreons Sohn Haimon im Hintergrund imitiert. Erst als dieser erfährt, dass seine Verlobte Antigone umgebracht werden soll, stellt er sich gegen den Vater. Doch Kreon weiß sich auch in diesem Konflikt nur mit Gewalt zu helfen. Als Reaktion läuft der verstörte Sohn natürlich zur Mutter Eurydike, die die Folgen der männlichen Gewalt nun wegtrösten muss.

Der Blick auf die Schwestern Antigone und Ismene, beeindruckend gespielt von Tabea Buser und Sandrine Zenner, zeigt ein konträres Bild: Trotz Ismenes ängstlicher Weigerung, sich an Antigones Widerstand zu beteiligen, und Antigones vernichtendem Urteil über diesen Entschluss sitzen die beiden ruhig beieinander und teilen stumm ihr Leid. Ismene wäscht ihre Schwester, zieht sie um und schmückt sie mit Blumen. Voller Liebe und Hoffnung ist diese Ruhe inmitten der männlichen Gewalt.

Die Schwestern Antigone und Ismene (c) Maximilian Borchard

Ende ohne Einsicht

Doch die Tragödie nimmt ihren Lauf. Kreons Einlenken, als er sich durch den Zorn der Götter in Gefahr sieht, kommt zu spät: Antigone hat sich bereits erhängt, auch Kreons Sohn Haimon und seine Frau Eurydike nehmen sich nun das Leben. Doch Regisseur Charkviani lässt den König keine Einsicht zeigen: statt seine Schuld anzuerkennen, begibt er sich in die Opferrolle, beschuldigt die Götter. Sogar der Trauerblumenstrauß muss ihm erst von seiner Untergebenen zugesteckt werden. Den wahren Preis dieser Schuld zahlen weiterhin die Frauen und Menschen, die unter ihm leiden.

Gegen Ende des Stückes scheint dieses Motiv jedoch auserzählt, auch die Parallele zu realen aktuellen politischen Gefangenen wird nicht über vereinzelte digitale Textblöcke hinaus fortgeführt und verläuft sich etwas. Somit ist man doppelt froh, als Kreons Botin ihm am Ende das Mikrofon wegnimmt und das Licht ausgeht. Denn trotz vieler beeindruckender Momente weiblicher Figuren, insbesondere Tabea Busers starker Antigone, hat letzten Endes immer noch der Patriarch den meisten Raum an diesem Abend. Antigones Aufforderung "Seht mich!" fordert Verantwortung über den Theatersaal hinaus, denn Zeugen sind wir nicht nur hier.

Mehr zum Autor

Lukas Möller wurde 2006 in Hamburg geboren. In der Spielzeit 24/25 absolvierte er ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Dramaturgie der Münchner Kammerspiele, in der Spielzeit 25/26 begleitete er dort die Produktion "Wallenstein" von Jan-Christoph Gockel als Dramaturgieassistent. Aktuell studiert er Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig und ist Teil des Vorstands des Leipziger Theatervereins "Freies Ensemble Jedermensch".

Lukas Möller (c) privat