Auf einem kleinen Bildschirm über der Bühne laufen derweil die Namen und Geschichten weiterer, realer weiblicher politischer Gefangener aus der ganzen Welt. Msia Amaghlobeli ist eine von ihnen: Die georgische Journalistin wurde im Januar 2025 bei friedlichen Protesten in Tiflis von der Polizei festgenommen, angegriffen, misshandelt und schließlich zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem sie dem Polizeichef eine Ohrfeige gab. Ihre Geschichte und ihren Widerstand bezeichnet der ebenfalls georgische Regisseur Mikheil Charkviani als Inspiration für seine "Antigone" von Roland Schimmelpfennig am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. "Seht mich!" – Die Aufforderung hallt durch den Saal, eindringlich und unausweichlich, zwingt die Zuschauer*innen zur Auseinandersetzung mit den Schicksalen der Frauen sowie den Machtstrukturen, die sie unterdrücken.
Gewalt und Hoffnung
Die männliche Macht ist an diesem Abend in Gestalt Kreons, gespielt von Martin Plass, von Anfang an allgegenwärtig und dabei erdrückend wie erbärmlich zugleich: Schon während des Einlasses flüstern Antigone und ihre Schwester Ismene versteckt zwischen den Reihen aus Klavieren (Bühnenbild: Mikheil Charkviani) miteinander und werden dabei immer wieder von Kreon aufgeschreckt, der wie ein Betrunkener auf ein Klavier steigt und mit dem Fuß auf die Klaviatur stampfend seine Macht verkündet, bis ihn seine Frau Eurydike wie eine Pflegerin wieder an seinen Platz bringt. Das ist so plump, so überdominant und so schwach zugleich, dass es absurd erscheint, und wird dennoch von Kreons Sohn Haimon im Hintergrund imitiert. Erst als dieser erfährt, dass seine Verlobte Antigone umgebracht werden soll, stellt er sich gegen den Vater. Doch Kreon weiß sich auch in diesem Konflikt nur mit Gewalt zu helfen. Als Reaktion läuft der verstörte Sohn natürlich zur Mutter Eurydike, die die Folgen der männlichen Gewalt nun wegtrösten muss.
Der Blick auf die Schwestern Antigone und Ismene, beeindruckend gespielt von Tabea Buser und Sandrine Zenner, zeigt ein konträres Bild: Trotz Ismenes ängstlicher Weigerung, sich an Antigones Widerstand zu beteiligen, und Antigones vernichtendem Urteil über diesen Entschluss sitzen die beiden ruhig beieinander und teilen stumm ihr Leid. Ismene wäscht ihre Schwester, zieht sie um und schmückt sie mit Blumen. Voller Liebe und Hoffnung ist diese Ruhe inmitten der männlichen Gewalt.