"Ein kleiner Wohlfühlraum"
Datum
Interview: Jannika Lechner und Anna Shires
Was sind die "Popcörner"?
Silke: Wir sind kein Theaterstück, sondern Teil des Rahmenprogramms. Unser Format ist ein Gossip-Stammtisch, den wir seit fast vier Jahren durchführen. Begonnen hat es als ein lockeres Treffen unter Freund*innen in Berlin. Alle Leute können kommen, und wir besprechen alles rund um Stars, Sternchen und News aus der Pop-Welt. Seit wir beide nach München gezogen sind, machen wir das einmal im Monat auch hier.
Leonie: Die Idee war damals, eine Anlaufstelle für Klatsch und Tratsch zu schaffen. Ähnlich wie Fußballfans, die gemeinsam Spiele schauen, wollten wir einen Raum haben, in dem man über Themen reden und neue Leute kennenlernen kann. Deshalb freuen wir uns besonders über die Plattform im Volkstheater, da vielleicht auch Leute kommen, die wir noch nicht kennen, die aber auf solche Themen stehen.
Wie wurde das Format am Anfang aufgenommen?
Leonie: Wir hatten schon immer ein paar Mäuschen dabei. In Berlin waren es teilweise fast schon zu viele Leute, sodass wir schauen mussten, wie voll es in dem Raum wird.
Silke: Erst waren es Freund*innen oder Bekannte von uns, später dann auch Leute, die das irgendwo gesehen haben. Uns ist wichtig, dass es ein Format bleibt, bei dem jede*r mitmachen kann, der Lust hat, etwas zu sagen. Meistens bereiten wir immer ein paar Sachen vor, auch um die Gruppe ein bisschen aufzulockern. Aber es ist nicht so, dass wir ein straffes Programm durchziehen.
Braucht es diese Art von Treffen in unserer Gesellschaft?
Silke: Lange wurde Gossip etwas verurteilt und als typisch weiblich abgewertet. Aus einer wissenschaftlichen Perspektive gibt es mittlerweile aber Forschungsergebnisse, die sagen, dass diese Zwischentöne, das Tratschen, für Gesellschaften essentiell sind. Gleichzeitig glaube ich, dass unser Stammtisch als "dritter Ort" eher unser Hauptding ist. Man sieht aktuell, dass viele Menschen nach Gemeinschaft und neuen Kontakten suchen. Deshalb haben wir zumindest den Wunsch an uns, dass wir ein offener Raum für Leute sind, die einfach Lust darauf haben und vielleicht auch andere kennenlernen wollen, die ähnliche Interessen haben.
Leonie: Es ist wichtig, dass etabliert wird, dass der Schnack über Outfits oder die sexuelle Orientierung von Stars auch eine Relevanz hat und ernst genommen wird. Ich finde es wichtig, zu betonen, dass es relevant ist und sich dort viele gesellschaftliche Probleme abbilden. Ein vollkommen flaches Gespräch kann auch viel wert sein und Spaß machen
Inwieweit stimmt ihr dieser weiblichen Konnotation zu? Kommen eher weiblich gelesene Personen zu eurem Stammtisch?
Leonie: Das Geschlecht ist für uns eher zweitrangig. Trotzdem haben wir das Glück, dass bisher viele Personen, die männlich gelesen werden, dabei waren. Das muss aber natürlich auch gewollt sein und erfordert vielleicht ein bisschen mehr Überwindung. Durch gewisse Sozialisierung gibt es bei unserem Stammtisch allerdings mehr weiblich gelesene oder queere Menschen, denen wir auch den Raum geben wollen.
Silke: Dem kann ich nur zustimmen. Ich bin gespannt, wie und wer das Publikum vom Volkstheater ist und ob das einen Einfluss darauf hat, wer zu uns kommt.
Wie politisch kann Gossip und euer Stammtisch sein?
Silke: Ich glaube, wir sind kein politischer Stammtisch. Den Anspruch haben wir auch gar nicht. Aber wir sind schon der Meinung, dass alles Private und parasoziale Beziehungen auch politisch sein können. Manchmal ist es aber auch in Ordnung, wenn man einfach nur über etwas lacht, ohne es auf diese Ebene zu heben.
Leonie: Gerade als weiblich gelesene und queere Person ist es schön, einen Raum zu haben, in dem nicht nur diese furchtbaren, alltäglichen, politischen Themen angesprochen werden. Natürlich sind sie Teil davon, aber der Stammtisch soll auch ein kleiner Wohlfühlraum sein.
Man muss nicht alle Theaterstücke gesehen haben, sondern man kann einfach mit Themen, die einen gerade interessieren, vorbeikommen und mitreden.
Warum sollten die Leute kommen und mitmachen?
Silke: Für mich ist Theater oft eine Hochkultur, die manchmal auch etwas Abschreckendes hat, wenn man nicht damit aufgewachsen ist. Ich persönlich würde mich auch nicht immer zu einem Theatergespräch setzen, wenn ich das Gefühl habe, ich habe keinen Hintergrund dazu. Ich finde es schön, dass das Volkstheater uns ermöglicht, ein Format wie unseren Stammtisch anzubieten. Man muss nicht alle Theaterstücke gesehen haben, sondern man kann einfach mit Themen, die einen gerade interessieren, vorbeikommen und mitreden.
Hot or Not: Theater als neuer Ort für Gossip?
Leonie: Ja, unbedingt.
Silke: Vor allem für das Volkstheater würde ich mir das wünschen, weil es ein Ort ist, an dem die Leute vielleicht verweilen und Dinge noch einmal besprechen möchten, ohne dass es das klassische Nachgespräch sein muss.
Wenn euer Abend eine Schlagzeile wäre, wie würde sie lauten?
Leonie und Silke: "Tratschtanten und Theatersnobs unter einem (Zelt)Dach: Wer lästert besser?"
Mehr zu den Autorinnen
Jannika Lechner absolvierte ihren Bachelor in Journalistik und Theaterpädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und studiert derzeit ihren Master in „Theaterforschung und kulturelle Praxis“ an der LMU München. In ihrer Freizeit schreibt sie für ihre Lokalzeitung, spielt Improvisationstheater oder Klavier in einer Band.
Anna Shires, 22 Jahre alt, studiert derzeit Soziale Arbeit an der KSH in München und wirkte insbesondere im letzten Jahr in diversen künstlerischen Projekten aus den Bereichen Tanz und Theater mit. Künftig möchte sie künstlerische Ausdrucksformen mit sozialer Arbeit verbinden, um neue Perspektiven zu eröffnen.