"Wir haben so eine Art Slapstick-Humor für uns entdeckt"
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Interview: Ann-Sofie Reiners
Gibt es etwas aus dem Studium, das dich besonders in deiner Arbeit begleitet?
Lily Kuhlmann: Das ist wahrscheinlich eine typische Antwort, aber es stimmt schon ein bisschen: das Handwerk. Der Studiengang heißt Schauspielregie. Dementsprechend ging es weniger um eine bestimmte Form oder darum, eine künstlerische Handschrift zu entwickeln, sondern ganz konkret um die Arbeit mit den Schauspielenden. Wie erzähle ich eine Geschichte? Einen Vorgang? Eine Figur? Wie kommuniziere ich das mit den Gewerken und den Schauspieler*innen, sodass am Ende ein Ergebnis entsteht?
Du hast deinen Berufseinstieg in einer Zeit, in der es die Kultur nicht einfach hat. Wie funktioniert das für dich?
Ehrlich gesagt finde ich gerade noch heraus, was das bedeutet. Wenn man Regie studiert, ist man freischaffend. Das hat sich erstmal angefühlt wie arbeitslos sein – was es ja auch ein bisschen ist. Ich glaube, es hilft, nebenbei noch etwas anderes zu machen, damit man nicht irre wird, wenn es mal nicht läuft. Ich koche zum Beispiel nebenberuflich, um eine finanzielle Grundlage zu haben. Das hat mir am Anfang total geholfen, die Monate zu überbrücken, in denen wenig passiert.
Ich habe gehört, neben deiner Regietätigkeit schreibst du auch Hörspiele.
Ja, ich schreibe wahnsinnig gern. Den Zugang hatte ich über das Jugendtheater an der Volksbühne, wo wir eigene Texte inszeniert haben. Das Hörspiel kam im Studium dazu – wir hatten eine Kooperation mit dem Deutschlandfunk und konnten so eines produzieren. Es ist eine gute Ergänzung zum Theater. Im Grunde erzählt man auch hier eine Geschichte, nur mit anderen Mitteln. Besonders spannend finde ich den Schreibprozess: Wie muss Sprache funktionieren, damit Bilder entstehen? Auf der Bühne kann man das natürlich konkreter mit einem Bühnenbild umsetzen.
Aber du hast natürlich auch inszeniert nach dem Studium.
Ich hatte den Inszenierungsauftrag für "Der Besuch der alten Dame" an der Vagantenbühne. Der Intendant kannte meine Projekte aus dem Studium, weil wir öfter szenische Lesungen am Haus gemacht haben. Mit der Zeit sind weitere Sachen entstanden. Was Regie angeht, glaube ich, man muss aktiv bleiben und gleichzeitig schauen, unter welchen Bedingungen man am besten arbeiten kann.
Welche Bedingungen haben für dich bei der "Alten Dame" gestimmt?
Ich konnte mir das Team selbst aussuchen und hatte viele Freiheiten, die man an einem Stadt- oder Staatstheater nicht unbedingt hat. Es war eher wie ein Projekt aus der freien Szene mit Stadttheaterstrukturen. Dadurch konnten wir uns kreativ gut entfalten.
Welche Rolle spielt Humor in deiner Inszenierung?
Eine große. Das liegt auch am Ensemble, vor allem an Luise von Stein, die die alte Dame spielt. Mit ihr habe ich schon in meiner Diplominszenierung gearbeitet, und wir haben so eine Art Slapstick-Humor für uns entdeckt – auch als Form, um mit ernsteren Themen umzugehen. Es ist die Rachegeschichte einer zutiefst gekränkten und gedemütigten Frau, die sich patriarchale Mechanismen aneignet, um sich an den Männern zu rächen, die sie verraten haben.
Du hast auch beim Bühnenbild mitgearbeitet?
Genau. Ich arbeite eng mit Kaja Busch zusammen, die auch das Kostüm gestaltet hat. Wenn es zeitlich passt, machen wir jede Produktion gemeinsam und entwickeln auch das künstlerische Konzept zusammen. So ist auch das Bühnenbild entstanden – obwohl wir beide vorher noch nie eines gemacht hatten.
Welches Konzept habt ihr verfolgt?
Hinter der Vagantenbühne in Berlin-Charlottenburg liegt das alte Hotel Savoy, das seit Jahren leer steht und etwas verfallen ist. Das fanden wir eine passende Übersetzung für die Handlung. Wir haben die Geschichte angepasst, so dass Alfred der Hotelbesitzer ist statt Ladenbesitzer. Diese Fassade – das Hotel – haben wir nachgebaut. Außerdem gibt es viele Live-Kamera-Szenen, die im ganzen Theater stattfinden.
Kommt die Live-Kamera öfter bei dir zum Einsatz?
Ja, ich arbeite total gern damit. Auf der Bühne hat das Publikum die Wahl, wohin es schaut. Mit der Kamera kann man das lenken – zum Beispiel ein Gesicht ganz nah zeigen oder Räume erweitern. Man kann ein Haus auf die Bühne stellen, es von innen filmen und nach außen projizieren. Beim "Besuch der alten Dame" war das auch eine praktische Entscheidung: Die Bühne ist sehr klein, und ich hatte das Gefühl, wir können die Geschichte dort allein nicht vollständig erzählen. Durch die Live-Kamera konnten wir weitere Räume einbeziehen.
Jetzt zeigst du das Stück im Rahmen des Festivals. Worauf bist du besonders gespannt?
In Berlin spielen wir in einem kleinen Kellerraum mit niedriger Decke. In München haben wir doppelt so viel Publikum und einen vier- oder fünfmal so großen Raum. Ich bin gespannt, wie das Stück dort wirkt. Auch die Live-Kamera-Szenen werden wir neu inszenieren – dadurch bekommt das Ganze wahrscheinlich noch einmal eine andere Färbung.
Mehr zur Autorin
Ann-Sofie Reiners, kurz Aufi, ist über die bildende Kunst beim Bühnenbild gelandet, wo der magische Sog des Theaters sie absorbiert hat. Denn wo sonst treffen so viele Kunstformen aufeinander und ergeben gemeinsam etwas völlig Eigenes?
Seitdem will sie verstehen, staunen, rätseln, und sich vor allem austauschen darüber, was darstellende Kunst hinterlässt. Genau diese Leidenschaft hat Aufi zum Masterstudiengang Kulturjournalismus geführt, der all ihre Lieben unter einem Dach vereint.