"Tanz ist mein Weg der Befreiung"

Die Regisseurin Nolwenn Peterschmitt erinnert in ihrem Regie-Debüt "Unruhe" an die Tanzepidemie in Straßburg im Jahr 1518. Ein Gespräch über Theater als kollektives Erlebnis, die Notwendigkeit von Begegnung und positive wie auch negative Energien.

Interview: Lukas Möller

Wie ist die Idee zu "Unruhe" entstanden?
Nolwenn Peterschmitt: Schon vor COVID wollte ich unbedingt einen kollektiven Weg finden, Theater zu machen – oder besser: wiederfinden. Alle haben zu dieser Zeit nur Soloprojekte gemacht, da das Geld knapp war. An meiner Theaterschule in Limoges wurde mir jedoch beigebracht, dass Theater im Kern ein kollektives Experiment ist – und das gefällt mir sehr. Daher hatte ich 2021 das Gefühl, dass ich etwas bewegen und gemeinsam Lärm machen musste. Ich wollte raus aus dem Theater, raus aus dieser schwarzen Box. Zunächst war "Unruhe" darum im öffentlichen Raum, dem politischen Raum der Gesellschaft, angesiedelt. Aus dieser Bewegung heraus spielt auch der Himmel so eine wichtige Rolle.

Worum geht es an diesem Abend?
In "Unruhe" habe ich all meine Leidenschaften gemischt. Denn neben dem Theater liebe ich auch die Geschichte. Bevor ich an die Theaterschule ging, wollte ich Geschichte studieren. Besonders begeistere ich mich für das späte Mittelalter. Es ist ein historischer Wendepunkt oder auch der Beginn des ganzen Mists: "Humanismus", "Kolonialismus" und "Kapitalismus". Zusammen mit meiner Assistentin Caroline Loze habe ich Recherchen zur Tanzwut von Straßburg im 16. Jahrhundert durchgeführt und versucht, herauszufinden, was damals vor sich ging. Es ist eine mysteriöse, merkwürdige Geschichte: 1518 fingen mehr als 400 Menschen an, auf den Straßen von Straßburg zu tanzen, und konnten wochenlang nicht damit aufhören. Selbst heute, mehr als 500 Jahre später, verstehen wir immer noch nicht, was damals wirklich passiert ist

Nolwenn Peterschmitt (c) Santiago Borthwick
Ich betrachte die Interpret*innen eher als übermittelnde Körper.

In der Beschreibung heißt es: "'Unruhe' lädt das Publikum zu einem rituellen Happening ein, irgendwo zwischen einem Konzert, einem Theaterstück und einer Feier". – Was erwartet uns?
"Unruhe" ist ein echtes Experiment für das Publikum und muss eher erlebt als erklärt werden. Aber ich kann sagen, dass ich es als ein kollektives Ritual kreiert habe. Es gibt mehrere energetische Schritte, die wir gemeinsam durchlaufen. Ich begeistere mich sehr für solche rituellen Praktiken, von denen die meisten Besessenheitsrituale sind. Daher mussten die Darsteller*innen bei den Proben an ihre Grenzen – und darüber hinaus – gehen. Wenn man mit veränderten Bewusstseinszuständen arbeitet, muss man damit umgehen – und daher muss immer eine Person da sein, die alles im Blick behält, damit sich die Darsteller*innen sicher fühlen und sich in eine echte und tiefe Verkörperung, in "Unruhe", begeben können. Das war für mich als Regisseurin herausfordernd, aber auch faszinierend.

Wie hast du diese Probenzeit denn erlebt?
Drei Jahre lang haben wir als Kollektiv geprobt, das war wirklich ein soziales Experiment – insbesondere, weil so viele Menschen, die ich liebe, daran beteiligt sind. Es ist herausfordernd, mit seinen Freund*innen zu arbeiten, aber auch sehr kraftvoll. Wir haben erforscht, wie man in der Repräsentation lebendig bleiben kann und nicht nur repräsentiert. "Unruhe" ist deshalb mehr als eine Theatershow oder Performance. Ich betrachte die Interpret*innen eher als übermittelnde Körper. Durch sie wird etwas gelebt und ausgedrückt, durch sie werden unbewusst Verbindungen gezogen zwischen Erinnerung, Geschichte, Bedeutung, Poesie und dem politischem Körper.

Wenn du die Möglichkeit hättest, dem Publikum vor der Aufführung etwas zu sagen, was würdest du sagen?
Es ist ein Geschenk, kollektiv improvisieren zu können, denn es gibt nicht mehr so viele soziale Begegnungen, bei denen man nicht nur tanzt und feiert, sondern wirklich zusammen ist, wie die Menschen es in vielen Ritualen der abendländischen Welt früher waren. Meiner Meinung nach ist genau das jedoch notwendiger denn je in einer Welt, die so schlimm und gewalttätig ist wie die unsere. Dem Publikum würde ich daher sagen: Legt los, aber nur mit dem Körper, nicht mit dem Kopf, und fühlt euch frei, "die Wasser des Herzens fließen zu lassen" ("laisser couler l'eau du coeur"), wie es eine Clowning-Lehrerin einmal zu mir sagte. Ich liebe es zu sehen, wenn Menschen sich erlauben zu tanzen, wenn die Körper dorthin gehen können, wohin sie gehen wollen. Die "soziale Polizei" in uns ist so mächtig, dass es ein Lichtblick voller Befreiung und Freude ist, sich selbst tanzen zu lassen. Wenn ich den Tanz aus den Körpern entweichen sehe, habe ich wieder Hoffnung.

Unruhe (c) Pierre Gondard

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Lukas Möller wurde 2006 in Hamburg geboren. In der Spielzeit 24/25 absolvierte er ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Dramaturgie der Münchner Kammerspiele, in der Spielzeit 25/26 begleitete er dort die Produktion "Wallenstein" von Jan-Christoph Gockel als Dramaturgieassistent. Aktuell studiert er Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig und ist Teil des Vorstands des Leipziger Theatervereins Freies Ensemble Jedermensch.

Lukas Möller (c) privat