Jonas Dassler und Aysima Ergün zeigen besonders in einer Szene ihr schauspielerisches Können: Sie springen zwischen den Rollen, jonglieren gekonnt mit den Charakteren, als sie zu zweit ein Gespräch zwischen Noah, Yasmin und einer Freundin aus Berlin an einem Lagerfeuer aus Lichterketten nachspielen, ohne dabei Verwirrung zu stiften. Dieser Rolleneskapismus zeugt von einer Sehnsucht. Der Sehnsucht, all dem Scheiß zu entkommen oder ihn zumindest für einen kurzen Moment zu pausieren. Diese Momente und spätere Brüche mit der Rolle von Noah sind emotional besonders anregend, denn sie sprechen direkt zu uns, brechen mit der vierten Wand und fragen nach unserer Meinung. Sie fragen ein Publikum, das eh schon überfordert ist, eine Position zwischen Noah und Yasmin zu beziehen. Ein Publikum, das versucht, durch den eigenen moralischen Kompass die Perspektiven zwischen einem "Whiteboy", der Widerstand leisten will, und einer Frau mit Migrationshintergrund, die in Sicherheit leben will, zu positionieren.
Aus diesem Grund fallen die Handmeldungen bei Noahs Frage vermutlich so rar aus. Wir sind noch zu beschäftigt, um entscheiden zu können. Ein Zustand, der temporär sein sollte, aber in Wahrheit dauerhaft besteht. Das Stück hat daher Relevanz und Aktualität, ist radikal und jung zugleich und somit ein sehr willkommener Beitrag für das Festival.