Zwischen Faschos, Widerstand und Angst
Datum
Text: Elmo Hüller
"Habt ihr schonmal daran gedacht, dieses Land zu verlassen?" – Auf einmal steht diese Frage im Raum. Die Handmeldungen im Publikum fallen rar aus. Und doch redet Noah sich weiter in Rage, erklärt das Stück für beendet und fordert die Zuschauer*innen zum Gehen auf. Natürlich steht niemand auf. Seine Aufforderungen verhallen im Raum. Sie sind das Resultat eines Konflikts zwischen ihm und Yasmin.
Der Regisseur und Autor Marco Damghani erzählt in "Die Allerletzten" am Berliner Maxim Gorki Theater von einem Paar, das mit seinen zwei Kindern aufs Land zieht. In ein Haus, das sie ersteigert haben. Sie träumen von einer Oase der Ruhe, in der die Landluft dem eigenen Hirn seine volle Kapazität entlockt. Ihre Hoffnung: Ihre Freund*innen ziehen nach, es bildet sich eine Gemeinschaft des Wohlwollens, die Nachbar*innen werden zu besten Freund*innen. Doch die Realität sieht anders aus: Ein Nachbar „grüßt“ mit dem Hitlergruß, ein anderer lässt eine Reichsflagge im Garten wehen – und die Freund*innen bleiben doch lieber in der Stadt als zu Besuch aufs Land zu kommen oder gar dorthin zu ziehen.
Der Ton zwischen dem Paar wird trockener, direkter und vorwurfsvoller. Beide haben Bedürfnisse und beide können die des anderen nicht erfüllen: Yasmin fühlt sich nicht sicher, will diesem Elend entfliehen. Ihr Körper rebelliert bei dem Gedanken, einen Tag länger in diesem Dorf zu bleiben. "Als läge auf meiner Haut ein dicker Film aus Eisen, der es mir unmöglich macht, mich auch nur umzudrehen." Noah dagegen versucht, sich auf die positiven Dinge zu konzentrieren und will aus Widerstandsgründen im Haus, im Dorf, in einer Hochburg des Faschismus bleiben: "Wenn wir abhauen, haben sie es geschafft."
Damghani verhandelt das Provinzleben des Paares als ein Leben des Streits, der Liebe und des vergeblichen Verstehen-Wollens. Die schlichte Bühne, die der Szenograph Hugo Gretler nur durch vertikal herabhängende Lichterketten in einen Kontext des Wohnens einrahmt, lässt viel Raum für den eindrucksvollen Text und die Leistungen der zwei Schauspieler*innen Jonas Dassler und Aysima Ergün. Ihre Auseinandersetzungen werden zu einem Tanz voller Emotionen, Spontanität und Echtheit. Eine Echtheit, die sich im Raum niederlegt und Bilder des Alltags generiert. Denn die Diskussionen über die Wahl zwischen Widerstand und Sicherheit und die damit verbundenen Ängste sind nicht neu. Sie sind vielmehr so alltäglich, dass sie sich ins Hintergrundrauschen des Lebens einfädeln und von den akut schlimmen Dingen übertönt werden.
Die unglaubliche Spielfreude, die die beiden Schauspieler*innen an den Tag legen, zeugt von ihrer Vertrautheit und führt dazu, dass das Publikum sich gut in die Figuren einfühlen kann: Sie machen Fehler, haben Angst und müssen einen Umgang mit dem Faschismus nebenan finden. In beiden Figuren kann man ein Stück von sich selbst und seinen Argumenten wiedererkennen.
Jonas Dassler und Aysima Ergün zeigen besonders in einer Szene ihr schauspielerisches Können: Sie springen zwischen den Rollen, jonglieren gekonnt mit den Charakteren, als sie zu zweit ein Gespräch zwischen Noah, Yasmin und einer Freundin aus Berlin an einem Lagerfeuer aus Lichterketten nachspielen, ohne dabei Verwirrung zu stiften. Dieser Rolleneskapismus zeugt von einer Sehnsucht. Der Sehnsucht, all dem Scheiß zu entkommen oder ihn zumindest für einen kurzen Moment zu pausieren. Diese Momente und spätere Brüche mit der Rolle von Noah sind emotional besonders anregend, denn sie sprechen direkt zu uns, brechen mit der vierten Wand und fragen nach unserer Meinung. Sie fragen ein Publikum, das eh schon überfordert ist, eine Position zwischen Noah und Yasmin zu beziehen. Ein Publikum, das versucht, durch den eigenen moralischen Kompass die Perspektiven zwischen einem "Whiteboy", der Widerstand leisten will, und einer Frau mit Migrationshintergrund, die in Sicherheit leben will, zu positionieren.
Aus diesem Grund fallen die Handmeldungen bei Noahs Frage vermutlich so rar aus. Wir sind noch zu beschäftigt, um entscheiden zu können. Ein Zustand, der temporär sein sollte, aber in Wahrheit dauerhaft besteht. Das Stück hat daher Relevanz und Aktualität, ist radikal und jung zugleich und somit ein sehr willkommener Beitrag für das Festival.
Mehr zum Autor
Er springt, er schleicht, er sucht. Und jetzt schreibt Elmo Hüller auch noch Kritiken. Mit einem abgeschlossenen Theaterwissenschaftsstudium arbeitet er als Theaterschaffender in der Freien Szene und nun auch beim Radikal Blog. Er freut sich.