Noch mal zurück zum Roman und zur Inszenierung am Münchner Volkstheater: Was kann die Literatur, was das Theater nicht kann, und was kann das Theater, was die Literatur nicht vermag?
STÜCKL: Wenn ich ein Buch lese, entsteht in meinem Kopf etwas ganz Eigenes. Liest jemand anderes das gleiche Buch, habe ich oft das Gefühl, als wären es zwei unterschiedliche Bücher gewesen. Beim Theater wird hingegen das, was auf Papier steht, plötzlich real; zu Figuren, denen man zusehen kann. Das kann Menschen aber genauso verstören und durcheinanderbringen wie ein Buch. Als ich das erste Mal das Passionsspiel inszeniert habe, verlangte das American Jewish Committee, dass wir den Satz "Ich wasche meine Hände in Unschuld" weglassen, weil Pilatus über Jahrhunderte als Unschuldiger dargestellt wurde. Ich habe diesen Aufruf damals brav befolgt, stattdessen habe ich Pilatus nur schreien lassen: "Wasser!" Er hat dann seine Hände gewaschen und das Wasser weggeschüttet. Nach der Vorstellung kamen so viele Leute zu mir und sagten: "So toll habe ich den Satz noch nie gehört!" Da habe ich gemerkt: Sie sehen diese Szene zwar nur, aber sie hören den gestrichenen Satz trotzdem. Solche Bilder kann nur das Theater transportieren.
KEHLMANN: Ich finde, Bücher können etwas, das überhaupt kein anderes Medium kann, einen nämlich in den Kopf eines anderen Menschen versetzen. Als Schriftsteller kann man eine Figur denken lassen. Im Film und Theater hat man diese Möglichkeit nicht. Gedanken lassen sich schließlich nicht lesen, man bleibt im Außen. Klar kann man da mit technischen Tricks wie Voiceover arbeiten, aber das ist nicht das Gleiche. Das Magische am Theater ist hingegen diese Gegenwart, ein absolutes Alleinstellungsmerkmal, dass man eben nicht den Aufzeichnungen eines Ereignisses beiwohnt oder dem festgehaltenen Gedanken eines Autors, sondern dem echten Moment. Deswegen kann Theater – wenn es wirklich gelingt – einen so in den Bann schlagen wie nichts anderes.
"Lichtspiel" nach dem Roman von Daniel Kehlmann in der Regie von Christian Stückl ist ab dem 31. Oktober im Münchner Volkstheater zu sehen.
Die vollständige Fassung des Interviews können Sie hier in der 19. Ausgabe des Volksmunds nachlesen.