"Es ist kein typischer Gruselhorror"

Alina Fluck hat am Theater Magdeburg "Minihorror" nach dem Buch von Barbi Marković inszeniert. Ein Gespräch über den Reiz von Comics und Horrorfilmen, Humor im Probenraum wie auf der Bühne und über das Festival als Klassentreffen.

Interview: Leonie Stöckle

Dein Stück "Minihorror" basiert auf dem gleichnamigen Buch von Barbi Marković: Wie bist du auf dieses Buch gekommen und warum wolltest du es auf die Bühne?
Alina Fluck: Ein Freund hat mir das Buch empfohlen, und ich war sofort begeistert. Mich hat angesprochen, dass das Buch wie ein Comic ohne Bilder ist: Man hat diese comicmäßige, einfache Sprache in Hauptsätzen, aber die Bildebene fehlt. Ich hatte Lust, das Theater zu nutzen, um diese Bilder zu kreieren, Körper und Sprache fast als zwei getrennte Ebenen darzustellen. Außerdem fand ich die Verknüpfung der Genres interessant: Komödie/Comic mit Horror. Das hatte ich bisher im Theater noch nicht so gesehen. 

Horror und Comic funktionieren beide stark visuell – war der Zugang für dich deshalb eher visuell?
Das war er tatsächlich. Ich hatte beim Lesen starke Bilder im Kopf und konnte es mir direkt gut auf einer Bühne vorstellen. Gleichzeitig fand ich die Sprache sehr reizvoll fürs Theater, weil sie vermeintlich simpel ist, eher ein Understatement – aber in dieser Einfachheit liegen so viele präzise Beobachtungen. Das ist für mich der große Reiz an der Inszenierung: Jede*r kennt die beschriebenen Situationen und hat sofort einen Zugang. 

Alina Fluck (c) Marie Haefner

Das Buch ist in verschiedenen kurzen Geschichten oder Episoden geschrieben. Was hat in der Adaption für einen Erzählrhythmus für dich hergestellt?
Das Buch ist fast eher eine Kurzgeschichtensammlung als ein Roman. Die Figuren bleiben, agieren aber in voneinander unabhängigen Geschichten. Ich fand das reizvoll, aber auch herausfordernd: Das episodische Prinzip versteht man schnell, es droht, vorhersehbar zu werden. Deswegen haben wir ein schnelles Erzähltempo gewählt, um die Zuschauenden bei der Stange zu halten. Ähnlich wie beim Comic: Da liest man auch schnell und bleibt nicht lange bei einem einzelnen Bild.

Magst du Horror als Genre?
Es ist eine Hassliebe. Privat schaue ich nicht viele Horrorfilme, es nimmt mich sehr mit. Aber ich finde die Mittel interessant, sie sind eigentlich simpel und haben trotzdem eine krasse Wirkung. Ich glaube, Horror ist im Theater, im Gegensatz zum Film, schwer zu zeigen. Man hat weniger Effekte zur Verfügung, die Trennung von Zuschauer*innen und Bühne ist sehr klar. Also habe ich mich gefragt, wie das funktionieren kann. 

In der Verbindung mit Comic ist es ja ohnehin eine sehr spezifische Art von Horror in deinem Stück.
Ja, es ist kein typischer Grusel-Horror geworden. Es gibt einen tollen Essay von Stephen King, in dem er schreibt, dass die Königsdisziplin des Horrors das Erkennen des Selbst im Erzählten ist. Das hat uns interessiert. Wenn man sich selbst in überzeichneten Alltagssituationen wiederfindet, die kippen – und sich denkt: Das könnte mir auch so passieren.

Die Inszenierung ist auf eine Art sehr dreckig: viele Mittel, ständige Rollenwechsel.

Wenn du "Mini-Horror" in drei Worten beschreiben müsstest, welche wären das?
Das ist schwer. Ich würde sagen: schrill, lustig und böse.

Wieviel ist erst beim Inszenieren entstanden? Und wo wusstest du von Anfang an: Das will ich genau so machen?
Es gab am Anfang keine detaillierte Vorstellung vom Geschehen, es war eine gemeinsame Suche mit dem Ensemble. Wir haben viel improvisiert, uns im Bühnenbild eingelebt, Material gesammelt, szenisch und textlich, um dann auszuwählen. Das ist hart, weil viel Arbeit wieder verloren geht, aber ich glaube, dass alles als Gefühl bestehen bleibt. Wir haben einen Kosmos für die Figuren geschaffen. Von Anfang an wusste ich, dass ich das Stück mit vier Leuten machen will und dass die Rollen mehrmals rotieren sollen. Alle spielen alle. 

Was ist für dich das Besondere an dieser Inszenierung?
Die Inszenierung ist auf eine Art sehr dreckig: viele Mittel, ständige Rollenwechsel. Gleichzeitig ist sie sehr sauber gebaut. Es ist eine Komödie mit viel Slapstick, das braucht hohe Präzision. Komödien zu proben, ist nur am Anfang lustig, irgendwann kennt man die Witze. Danach ist es viel Arbeit.

Minihorror (c) Luise Hart

Kannst du uns dein Lieblingsdetail aus der Inszenierung verraten?
Die Masken. Sie funktionieren ohne Sprache und erzeugen eine interessante Verfremdung.

Was ist für dich ein Aspekt an "Minihorror", der radikal jung ist?
Es ist ein unangepasster Abend und in den Mitteln neu. Comic oder Horror gab es sicher schon auf der Bühne, aber nicht in dieser Kombination. Es ist auch ein Ensemble-Abend mit gleichberechtigten Protagonist*innen, mit denen ich auf Augenhöhe arbeite. Das ist bezeichnend für die neue Regie-Generation.

Ich hoffe auf eine erlebnisreiche Woche – ähnlich wie ein gutes Klassentreffen.

Muss ich noch etwas wissen, bevor ich ins Stück gehe?
Nein. Man muss auch nichts vorher lesen, man kann einfach reingehen. Man wird sich nicht dumm fühlen – das passiert ja leider manchmal im Theater. Aber wenn etwas nicht verstanden wird, liegt das nicht an den Zuschauenden, sondern an denen, die das Stück gemacht haben.

Worauf freust du dich beim Radikal jung Festival besonders?
Ich freue mich wahnsinnig darauf, die anderen Teilnehmer*innen zu sehen und bin sehr neugierig auf ihre Stücke. Ich kenne viele von ihnen, mit einigen habe ich studiert. Ich hoffe auf eine erlebnisreiche Woche – ähnlich wie ein gutes Klassentreffen. 

Mehr zur Autorin

Leonie Stöckle ist freischaffende Tänzerin, Tanzvermittlerin und Kulturjournalistin. Nach einem BA in zeitgenössischem Tanz in Köln macht sie momentan ihrem Master in Theaterforschung und kultureller Praxis an der LMU München und schreibt für die Magazine TANZ und tanznetz.de.

 

Leonie Stöckle (c) Leonie Wessel