"Ich bin jetzt kein Fußballfan geworden, aber ich verstehe den Reiz besser"

Aram Tafreshian hat am Theater Bremen "Der Zauberer von Öz" inszeniert, eine "Fußballtragödie" rund um Mesut Özil. Ein Gespräch über Fußball, Migration und die Lust am Schnellen und Unperfekten.

Interview: Leonie Stöckle

Du führst Regie bei "Der Zauberer von Öz", das Stück wurde von Akın Emanuel Şipal geschrieben. Wie habt ihr euch gefunden?
Aram Tafreshian: Ich wollte am Theater Bremen ein Stück über Mesut Özil machen, der ja lange für Bremen gespielt hat. Mich interessieren Themen, die etwas mit mir zu tun haben, aber auch mit der jeweiligen Stadt. Und ich hatte große Lust auf Akın als Autor. Ich mag seinen Humor, seine Poesie und seine Genauigkeit. Was ich nicht wusste: Akın kommt wie Özil aus Gelsenkirchen und hatte schon länger vor, über ihn zu schreiben. Unser Prozess war sehr gemeinschaftlich, sowohl vor als auch während der Proben. Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist mir wichtig – mit Autorenschaft, Ensemble, Musik, Regieteam.

Magst du noch etwas mehr zu deinem persönlichen Bezug sagen?
Ich bin halb Iraner und erlebe die Migrationsdebatte in Deutschland daher aus einer speziellen Perspektive. In den letzten Jahren hat sich extrem viel verändert, Debatten werden ganz anders geführt. Mich interessiert, wie über den Islam gesprochen wird. In der iranischen Community erlebe ich eine Ambivalenz: Wut über den politischen Missbrauch der Religion, aber auch Religion als Anker. In den deutschen Medien wird der Islam meist nur in Krisenkontexten verhandelt. Auch die Logik der Medien hat mich interessiert: Gibt es Raum für Widersprüche und Differenzierung? Oder geht es nur noch um einfache Statements? Diese Aspekte fand ich an dem Thema spannend.

Aram Tarefshian (c) Clemens Porikys
Der Abend ist dadurch offener, freier, chaotischer als meine bisherigen Arbeiten – aber genau das hat sich hier richtig angefühlt.

Im Stück werden viele Ausdrucksformen genutzt – Sprache, Musik, Video. Wie ist das entstanden?
Akın hat früh vorgeschlagen, im Text eine formale Entsprechung zu Özils Spiel zu finden – überraschend, mit plötzlichen Wendungen. Daraus entstanden diese sprunghaften Wechsel zwischen Prosa, Monologen, Gedichten. Auf der Bühne gehen wir mit diesen Wechseln mit und arbeiten mit Überhöhungen, verschiedenen Medien, Collage. Der Abend ist dadurch offener, freier, chaotischer als meine bisherigen Arbeiten – aber genau das hat sich hier richtig angefühlt.

Das Collagenhafte zeigt sich auch in den eingebauten Referenzen. War das herausfordernd?
Das war für mich ungewohnt, hat aber großen Spaß gemacht: die Referenzen – Harry Potter, Lego, Originalvideos von Özil – lassen eine verbindende, popkulturelle Ebene entstehen. Gleichzeitig arbeitet Akıns Text stark mit Verweigerung: Erwartungen werden aufgebaut und sofort gebrochen, wodurch man immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen wird. Ein zentraler Satz im Stück ist: "Das Bild verrät stets mehr über den Betrachter als über sich selbst." Das gilt doppelt – für die Bilder, die Özils Karriere geprägt haben, aber auch für uns als Publikum. Es geht im Stück weniger um die Biografie Özils, als um unseren Blick darauf.

Gab es Dinge, die dich bei der Recherche über Özil überrascht haben?
Ja, vor allem, wie spannend Fußball-Taktik sein kann. Ich interessiere mich eigentlich nicht für Fußball, aber Akın ist da sehr tief eingestiegen. Irgendwann hat mich das auch gepackt, ich habe viel zu viele Videos dazu angeschaut. Ich bin jetzt kein Fußballfan geworden, aber ich verstehe den Reiz besser.

Es ist also kein ausschließliches Fußballstück, oder?
Es ist kein Stück nur für Fußballfans, alle sollen dem Abend etwas abgewinnen können. Gleichzeitig gibt es genug Tiefe, dass Leute mit Expertise auch etwas entdecken werden. Das gleiche gilt beim Thema postmigrantische Diskurse – Vorwissen ist nicht nötig, eröffnet aber natürlich zusätzliche Perspektiven.

Drei Worte für den Abend?
Widersprüchlich, chaotisch, verspielt.

Was war für dich neu bei dieser Inszenierung?
Zum einen dieses Collagenhafte: Unperfektes zu erlauben, das Stück atmen zu lassen. Ich habe auch zum ersten Mal mit einem gemischten Ensemble aus Profis und Laien vom Teenager- bis zum Rentenalter gearbeitet. Der Chor war stark am Prozess beteiligt, sie haben ganz unterschiedliche, bereichernde Perspektiven eingebracht. Auch die enge Zusammenarbeit mit Akın war besonders, das habe ich so noch nicht erlebt. Und Bremen als Ort war eine toll, so viele offene und neugierige Menschen, besonders im Theater.

Zauberer von Öz (c) Jörg Landsberg
Schwer zu sagen, denn eigentlich sollte man alles, was kein Lieblingsmoment ist, streichen.

Welche Rolle spielt die Musik?
Es ist mein erstes Stück mit Live-Musik, und das war großartig: Die Musikerin Ella Olivia Bender Semerci hat eigene Songs mitgebracht und mit dem Ensemble zusammen erarbeitet. Musik ist für mich immer konzeptionell wichtig, nie nur Untermalung – und Ella hat die Ästhetik des Abends ganz besonders geprägt.

Hast du ein Lieblingsdetail?
Schwer zu sagen, denn eigentlich sollte man alles, was kein Lieblingsmoment ist, streichen. Aber der Lego-Part macht besonders Spaß: Der ist sehr kleinteilig gearbeitet, und wenn er funktioniert, ist das großartig.

Worauf freust du dich bei Radikal jung?
Vor allem auf die anderen Arbeiten. Es ist ein bunter Querschnitt aus Genres, Welten, künstlerischen Handschriften: Das in so kurzer Zeit zu sehen, ist sehr inspirierend, ich freue mich auf den Austausch. Und natürlich auf die Klassenfahrtatmosphäre mit dem eigenen Team.

Mehr zur Autorin

Leonie Stöckle ist freischaffende Tänzerin, Tanzvermittlerin und Kulturjournalistin. Nach einem BA in zeitgenössischem Tanz in Köln macht sie momentan ihrem Master in Theaterforschung und kultureller Praxis an der LMU München und schreibt für die Magazine TANZ und tanznetz.de.