"Ich habe mir immer eine Freundin wie Heidi gewünscht"

Die Regisseurin Lena Reißner hat am Theater Freiburg "Heidi" inszeniert und sich mit Johanna Spyris Roman, mit Heimat und Freundschaft beschäftigt. Ein Gespräch über Kindheitsheld*innen, Bilder im Kopf und ein Spiel mit Erwartungen.

Interview: Anna Shires

Wie ist die Idee entstanden, "Heidi" neu zu inszenieren? Hast du einen persönlichen Kindheitsbezug dazu?
Lena Reißner: Tatsächlich kam die Dramaturgie mit dem "Heidi"-Stoff auf mich zu. Ich war sofort begeistert und dachte, dass das genau das Projekt ist, das ich machen möchte. Ich kenne „Heidi“ noch aus meiner Kindheit. Clara war damals meine Heldin. Ich glaube, ich habe mir immer eine Freundin wie Heidi gewünscht und konnte mich deshalb sehr mit Clara identifizieren. Außerdem habe ich als Deutsche einen Teil meiner Kindheit in der Schweiz verbracht. Dadurch hatte ich eine persönliche Verbindung zu dieser Geschichte. Besonders das Thema Heimat hat mich schon damals beschäftigt. Was ist Heimat eigentlich? Sind es Menschen? Oder ist es ein Ort? Diese Fragen haben mich schon in meiner Kindheit beim Lesen von "Heidi" beschäftigt. Deshalb war ich sofort begeistert von diesem Stoff.

Lena Reißner (c) Jewgeni Roppel
Die Figur von Heidi ist einfach Kult. Kaum eine andere filmische Adaption erreicht diese emotionale Intensität.

Was bedeutet Heimat für dich?
Aus heutiger Perspektive würde ich sagen, dass Heimat für mich sehr stark an Menschen gebunden ist und weniger an einen Ort. Gleichzeitig können Menschen einen aber auch sehr enttäuschen. Ich glaube, in diesem Moment der Enttäuschung von Heimat – also von dem, was sie eigentlich verspricht – liegt ein großer Schmerz und eine Tragik, die schwer auszuhalten sein kann.

Warum glaubst du, dass "Heidi" bis heute eine so prägende Kinderserienfigur ist? Wie grenzt sie sich von anderen Klassikern ab?
Ich habe ich mir den Anime "Heidi" noch einmal angesehen – und er ist einfach wunderschön. Die Figur von Heidi ist einfach Kult. Kaum eine andere filmische Adaption erreicht diese emotionale Intensität. Wir haben uns gefragt, wie Geschichten Emotionen erzählen. Wie schaffen sie es, dass wir uns mit Figuren identifizieren? Der Anime macht das unglaublich gut. Allein die Farben und die Welt, in die man hineingezogen wird, sind ästhetisch sehr stark.

Wie war der Entstehungsprozess deiner Inszenierung?
Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich es spannend finde, wenn wir mit den Proben beginnen, obwohl noch nicht viel Text existiert. Meist starten wir nur mit dem Material, also beispielsweise mit dem "Heidi"-Roman sowie den verschiedenen Serien und Filmen. Ein wichtiger Moment am Anfang war, dass ich eigentlich niemandem direkt die Rolle der Heidi zuweisen wollte. Ich fand es interessanter, wenn alle einmal Heidi sein könnten. So entstand die Idee, dass wir gar nicht genau wissen, wie Heidi aussieht. Im Roman wird sie auch sehr ambivalent beschrieben. Mal ist sie zart, mal kräftig. Ich fand es spannend, mit der Erwartung zu spielen. Ich lasse die Spielenden viel improvisieren, nehme das Material mit nach Hause und bringe es dann wieder mit, nachdem es einmal aufgeschrieben, festgehalten und verändert wurde.

In der Inszenierung wechseln sich ironische, humorvolle und sehr emotionale Momente ab. Wie findest du diese Balance?
Für mich ist Humor eine ganz natürliche Art, der Welt zu begegnen. Ich kann das gar nicht verhindern. Gleichzeitig interessiere ich mich sehr dafür, wann mich etwas emotional berührt. Außerdem mag ich das Spiel mit Genres. Wenn wir eine Szene proben, fragen wir uns oft: In welchem Genre könnte diese Szene stattfinden? Vielleicht ist es plötzlich ein Horrorfilm oder ein kitschiger Heimatfilm. Diese Vielfalt an Genres ist sehr spannend.

Heidi (c) Philip Frowein
Theater sollte kein Ort nur für ein Fachpublikum sein.


Glaubst du, dass Theater auch eine Art Heimat sein kann?
Das hoffe ich. Ich habe im Theater viele schöne Momente erlebt und dort selbst eine Heimat gefunden. Solche Orte der Begegnung sind gesellschaftlich wichtig und demokratiefördernd. Gemeinsam eine Geschichte zu erleben, kann verbinden. Gleichzeitig sehe ich aber auch, dass Theater viele Menschen ausschließt und sich sehr viele Leute im Theater nicht gemeint fühlen. Deshalb ist es meine Hoffnung und mein Anspruch, Inszenierungen zu machen, die eine Einladung sind und keine Vorkenntnisse voraussetzen. Man muss den Roman "Heidi" nicht gelesen haben, um den Abend zu verstehen. Theater sollte kein Ort nur für ein Fachpublikum sein.

Hat sich dein Blick auf "Heidi" durch die Arbeit an der Inszenierung verändert?
Auf jeden Fall. Ich habe das Gefühl, dass ich Heidi jetzt sehr gut kenne. Durch die Arbeit ist mir diese Welt noch mehr ans Herz gewachsen. Ich glaube, ich werde für immer ein Heidi-Fan sein. Es ist ein unglaublich spannendes Material. Man könnte beispielsweise auch einen ganzen Abend dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur in "Heidi" widmen. Für unsere Inszenierung war das Thema "Heimat" einfach die Linse, durch die wir auf diesen Stoff geschaut haben – und sie hat sich als wahre Fundgrube erwiesen.

Mehr zur Autorin

Anna Shires, 22 Jahre alt, studiert derzeit Soziale Arbeit an der KSH in München und wirkte insbesondere im letzten Jahr in diversen künstlerischen Projekten aus den Bereichen Tanz und Theater mit. Künftig möchte sie künstlerische Ausdrucksformen mit sozialer Arbeit verbinden, um neue Perspektiven zu eröffnen.

Anna Shires (c) Johann Teichreb