Zwei Frauen tanzen ekstatisch.

Im Sog der Bewegung

In "Unruhe" schaffen Nolwenn Peterschmitt und die Groupe Crisis ein kollektives Geschehen zwischen Nähe und Kontrollverlust.

Text: Anna Shires

Schon bevor die eigentliche Performance beginnt, entfaltet "Unruhe" seine Wirkung. Es beginnt nicht auf der Bühne, sondern im Übergang. Im Hof, im Warten, in diesem kaum greifbaren Moment, bevor etwas passiert. Ein Klingeln. Blicke, die sich streifen. Dann eine Stimme: "Are you ready?" – Natürlich ist man es nicht. Aber genau darum geht es.

Menschen treiben in einen dunklen Raum, beinahe orientierungslos, wie ein Schwarm ohne klares Ziel. Die Mitte der Tanzfläche bleibt leer, die Ränder füllen sich mit Erwartung. Dann setzt die Musik ein, ein tiefer Bass durchdringt die Körper. Menschenketten bilden sich, durchqueren gemeinsam den Raum, sammeln weitere Leute ein. Kreise formen sich, lösen sich wieder auf, entstehen neu. Die Trennung zwischen Performer*innen und Publikum verschwindet. Was zunächst wie ein offenes, fast chaotisches Geschehen wirkte, erweist sich zunehmend als präzise komponierte Dynamik. Hier liegt eine der größten Stärken des Abends: Das Ensemble schafft es, das fragile Gleichgewicht zwischen Freiheit und Struktur aufrechtzuerhalten. Die Performer*innen der Groupe Crisis aus Marseille agieren nicht als abgegrenzte Figuren, sondern als Impulsgeber*innen, die Bewegungen initiieren, lenken und auffangen, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen. 

Die Hemmschwelle sinkt, Bewegungen werden übernommen, variiert, weitergetragen. Was eben noch beobachtet wurde, wird nun ausgeführt. Dabei entsteht kein Zwang, vielmehr das Gefühl, Teil von etwas zu sein, das größer ist als das eigene Handeln. Aus Einzelnen wird ein Kollektiv – nicht als Masse, die verschluckt, sondern als Gemeinschaft, die trägt. 

"Unruhe" bei Radikal jung (c) Gabriela Neeb

Im gemeinsamen Tanzen entsteht ein Moment, der selten ist. Eine Form von Verbundenheit, die nicht über Sprache funktioniert, sondern über Rhythmus, Bewegung und Nähe. Für einen Augenblick scheint es, als würde sich etwas erfüllen – ein Bedürfnis, das meist im Verborgenen bleibt: gemeinsam zu sein, sich zu begegnen, zu tanzen, ohne jeglichen Zweck. Gleichzeitig entfaltet sich eine sinnliche Dichte, die weit über das Visuelle hinausgeht. Der Raum ist voller Gerüche: Räucherstäbchen, Erde, Schweiß. Diese Mischung verstärkt den Eindruck, sich in einem Zwischenzustand zu befinden – irgendwo zwischen Aufführung, Tanz, Theater, Ritual und Sozialem Happening. Unweigerlich drängt sich die Frage auf, ob Menschen vielleicht einmal genau so frei aufeinander getroffen sind, bevor gesellschaftliche Normen und feste Formen des Zusammenseins entstanden sind.

Es entsteht eine Intensität, die an tranceartige Zustände erinnert. Mit zunehmender Dauer, Wiederholungen und monotonen basslastigen Klängen verdichtet sich die Dynamik, bis sich eine Form von Ekstase einstellt, die den ganzen Raum trägt. In diesem Moment wird auch die historische Grundlage des Stücks spürbar: der sogenannte "Veitstanz", jene Tanzwellen des Mittelalters, bei denen Menschen scheinbar unaufhaltbar bis zur endgültigen Erschöpfung tanzten. Peterschmitt und das Kollektiv greifen dieses Phänomen nicht illustrativ auf, sondern übersetzen es in eine gegenwärtige Erfahrung. Die "Tanzwut" wird nicht dargestellt, sondern erlebt.

Groupe Crisis aus Marseille (c) Gabriela Neeb

Doch dann verschiebt sich die Energie, das Publikum wird mit ambivalenten Bildern konfrontiert. Eine Tänzerin bricht aus Erschöpfung mehrmals zusammen, während die Bewegung um sie herum zunächst weitergeht. Menschen klatschen, der Rhythmus hält an, bis sich schließlich ein voyeuristischer Kreis um sie bildet. In solchen Momenten wird deutlich, wie nah Ekstase und Kontrollverlust beieinander liegen. Die Situation kippt spürbar, wird unangenehm, fast bedrückend. Der Bruch von kollektiver Teilnahme zu einer klaren Grenze zwischen Publikum und Darsteller*innen kommt schlagartig. Ein ausgelegter Kreis aus Staub, Erde und Ruß verdeutlicht die Trennung. Besonders verstörend wird es, als eine Tänzerin entkleidet und später mit Stoffen bedeckt wird. Ist das noch Ritual? Oder ist es schon Gewalt? Wie lange schaut man zu? Wann greift man ein? Die restlichen Performer*innen nutzen die gebündelte Energie und brechen in explosive Bewegungen aus. Der Körper wird zum Träger von Zuständen, die sich nicht eindeutig benennen lassen – irgendwo zwischen Hingabe, Kontrolle und Transformation.

Dann endet alles so abrupt, wie es begonnen hat. Ein letztes Klingeln durchschneidet den Raum, die Musik verblasst, das Licht verändert sich und die Erfahrung findet ein klares Ende. Die Rückkehr in den Alltag ist befremdlich. Zurück bleibt nicht nur die Erinnerung an einzelne Bilder, sondern an ein Erlebnis, das im Körper nachhallt. So entsteht ein Abend, der nicht nur von Unruhe erzählt, sondern zeigt, wie aus ihr Begegnung entstehen kann – intensiv, widersprüchlich, radikal und von einer überraschenden Schönheit.

Mehr zur Autorin

Anna Shires, 22 Jahre alt, studiert derzeit Soziale Arbeit an der KSH in München und ist als Theater- und Tanzschaffende in verschiedenen künstlerischen Projekten aktiv. Künftig möchte sie künstlerische Ausdrucksformen und Soziale Arbeit verbinden, um neue Perspektiven zu eröffnen.

Anna Shires (c) Johann Teichreb