"Jede Info, die du herausgibst, kann Folgen für deine Familie haben"

Die Regisseurin Olivia Hyunsin Kim will mit "Hello" Begegnungen mit Menschen aus Nordkorea schaffen, die fern von Stereotypen sind und auf echten Geschichten basieren.

Interview: Elmo Hüller

Wie ist die Idee für "Hello" entstanden?
Olivia Hyunsin Kim: In "Hello" geht es um Nordkorea oder um nordkoreanische Menschen, die auch teilweise unter uns sind, also in Deutschland oder in Europa zum Beispiel. Die Idee ist entstanden, als ich bemerkt habe, dass es kaum Berichterstattung über Nordkorea oder nordkoreanische Menschen gibt, die nicht exotisierend ist. Und ich habe mich gefragt, warum sie so stark entmenschlicht werden, so stereotypisch dargestellt werden. Es kann ja nicht sein, dass in einem Land Menschen nicht menschlich sind. So hat es angefangen. Wir übernehmen oft Themen, die eher eine Nische sind. Tatsächlich ist der Wissensstand über Nordkorea sehr niedrig. Auch wir mussten uns durch eine intensive Recherche herantasten.

Wie sah euer Recherche- und Interviewprozess für die Stückentwicklung aus? 
Es ist wirklich schwierig, an Informationen heranzukommen, und nach Covid noch schwieriger, weil die Grenzen so dicht gemacht worden sind, dass kaum eine Person fliehen konnte. Und die, die als Geflüchtete irgendwo angekommen sind, waren hauptsächlich Menschen, die schon im Ausland gearbeitet haben und dann dort geblieben sind.

Olivia Hyunsin Kim (c) Christian Cattelan
Einige wechseln ihre Identität regelmäßig alle paar Monate.

Wie seid ihr also vorgegangen?
Wir haben erstmal versucht, die nordkoreanische Diaspora und verschiedene NGOs zu kontaktieren. Wir waren in Südkorea und haben in den Grenzregionen geforscht, waren beim Wiedervereinigungsmuseum und so weiter und so fort. So sind wir in Kontakt mit nordkoreanischen Menschen, die nach Südkorea geflohen sind, gekommen und konnten mit ihnen Interviews führen, auch in Deutschland, in Karlsruhe. Natürlich ist die Sicherheit dieser Menschen ein großer Punkt, einige wollten keine Interviews führen und keine Infos herausgeben. Einige wechseln ihre Identität regelmäßig alle paar Monate.

Konnte der Theaterkontext den Leuten vielleicht ein bisschen Sicherheit gegeben? 
Nicht unbedingt. Es gibt in Nordkorea keine Kunstfreiheit in dem Sinne. Jede vulnerable oder sensible Info, die du herausgibst, kann Folgen für deine Familie haben, die noch in Nordkorea ist. Deswegen haben wir gesagt, wir arbeiten mit Fiktion. Dafür haben wir verschiedene Geschichten zusammengebracht. Aus einem künstlerischen Sinn heraus, aber auch aus Gründen der Sicherheit.

Wie sieht diese Fusion aus Fiktion, Interviews und Recherche in "Hello" aus?
Da waren wir lange am Hadern. Wenn wir ein großes Theaterstück machen mit einer traditionellen Bühnensituation, ist es schwierig, den Menschen nahe zu kommen. Also haben wir gesagt, weil es so starke Stereotype gibt und die Nordkoreaner*innen so entmenschlicht werden, können wir vielleicht anders herangehen. Wir machen eine Datingshow. Nicht One-to-one-Dates, sondern Gruppendates mit drei fiktiven Figuren, die anhand realer Geschichten entwickelt wurden.

Wie sehen diese Dates aus?
Es ist kein Date, wo wir einfach nur quatschen, sondern wo es eine Aktivität gibt. Zum Beispiel Essen, Tanzen/Bewegen und Wahrsagerei. Und wir wollten uns auf kulturelle Elemente fokussieren, um es etwas menschlicher zu machen. Wir wollten nicht immer nur über Atomwaffen, Krieg und nicht immer nur über Armut reden. Das stimmt zwar alles, das ist alles da, nur wie können wir trotzdem mit Grenzen umgehen und Begegnungen erschaffen? Und da haben wir dieses Format mit den drei Räumen gewählt. Und am Ende gibt es auch die Interviews, wo wir versucht haben, eine Diversität von Nordkoreaner*innen abzubilden.

Du selbst stehst auch auf der Bühne. Inwiefern verändert das deine Arbeit als Regisseurin?
Ich glaube, das verändert sehr viel. Es ist wichtig, ein gutes Team zu haben. Dann ist es eine schöne Erfahrung, weil du natürlich Regie führst, aber trotzdem mittendrin bist und nicht so entfernt. Ich finde es tatsächlich wichtig, die verschiedenen Welten auch aus einer anderen Perspektive zu erleben. Ich merke manchmal, dass es so ein bisschen kryptisch bleiben kann, wenn du diese Erfahrung als Regieperson nicht gemacht hast.

Hello (c) Mayra Wallraff

Mehr zum Autor

Er springt, er schleicht, er sucht. Und jetzt schreibt Elmo Hüller auch noch Kritiken. Mit einem abgeschlossenen Theaterwissenschaftsstudium arbeitet er als Theaterschaffender in der Freien Szene und nun auch beim Radikal Blog. Er freut sich.

Elmo Hüller (c) privat