Jenseits der Freiheit
Datum
Text: Jannika Lechner
Dreimal müsste man "Hello" besuchen, um sich ein umfassendes Bild vom Theaterstück zu machen. In einem Mix aus Datingshow, Tanz, Wahrsagerei und Kochen gibt die partizipative Performance von Olivia Hyunsin Kim Einblicke in Leben und Alltag in Nordkorea. Die Produktion von Kim, ddanddarakim und Sophiensæle Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, Vorurteile über Nordkoreaner*innen abzubauen, ihre Tradition und Welt darzustellen und von ihren Fluchterfahrungen zu berichten – und das gelingt.
Und so wird bei der Inszenierung auf dem Radikal jung Festival das ganze Volkstheater zur Bühne. Das Stück beginnt auf Bühne 3, endet aber nicht dort. Nach einer kurzen Einführung durch die drei Tänzerinnen und Performerinnen Hyemi Jolee, Ji Sun Hagen und Jung Sun Kim mit einem traditionellen, koreanischen Tanz, trennt sich das Publikum in drei verschiedene Gruppen. Aufgeteilt werden diese anhand eines digitalen Quiz mit teils abstrusen Fragen rund um Nordkorea: "Wenn du dich für eine dieser Frisuren entscheiden müsstest – welche würdest du nehmen?" Währenddessen schlüpft die Regisseurin des Stückes selbst in die Rolle der Moderatorin der sogenannten "Blind-Dates" und überspielt alle technischen und organisatorischen Probleme mit einem Lächeln als Teil der Show.
Und während sich die anderen beiden Gruppen für die Themen "Wahrsagerei" und "Kochen" in andere Räume des Volkstheaters begeben, verbleibt der "Tanz" auf Bühne 3. Hier erzählt eine der drei Darstellerinnen die semi-fiktionale Geschichte einer nordkoreanischen Frau, die im Tanz ihren Lebensinhalt entdeckt hat – aber durch die gesellschaftlichen Strukturen in ihrer Entfaltung eingeschränkt wird. Sie berichtet von nordkoreanischen Massentänzen, von deren Themen wie Stolz, Hoffnung und Revolution. Und davon, wie Tanzschulen Kinder mit potenziellem Talent zum Tanzen bereits im jungen Alter scouten, die Berufswahl als Tänzer*in also nicht frei erfolgt. Anmutig und behutsam tanzt sie dabei direkt vor den ersten beiden Reihen im Publikum, summt mal leise vor sich hin, mal erklärt sie die Tanzschritte wie im Unterricht. Hin und wieder hält sie zum Erzählen inne. Gegen Ende wird auch das Publikum mit eingebunden: Wir bekommen eine goldene Leinwand als Sonne sowie rote und weiße Plastikblumen in die Hand gedrückt und bewegen diese im Rhythmus der Tänzerin.
"Hello" verspricht Inklusivität, es untertitelt den Sprachenmix aus Deutsch, Englisch und Koreanisch auf Bildschirmen. Übersetzerinnen geben das Gesagte in Deutscher Gebärdensprache wieder. Doch vollkommen inklusiv ist es nicht, wenn gerade ein älteres Publikum kein Smartphone zur Aufführung mitbringt. Zwar weist bereits die Stückbeschreibung auf die Notwendigkeit eines Smartphones mit Internetzugang hin, doch vor Ort ergeben sich bei so manchem Gast Probleme mit dem Zugriff auf den QR-Code des Stückes. Diese digitale Barriere bringt viel Aufwand, aber eigentlich wenig Mehrgewinn.
Es ist ein wenig schade, dass jede*r bloß ein Drittel des Stückes erlebt. Als das Publikum zum gemeinsamen Abschluss in der Schreinerei zusammenkommt, wo es nach gebratenem Knoblauch duftet, erfährt man nur durch Erzählungen der anderen Gruppen von den anderen beiden Performances. Von individuellen Blicken in die Zukunft und Kartenlegen dabei ist die Rede, und von einem Live-Kochen, das zu einem Großteil aus Chilis besteht.
Die Geschichten von "Hello" basieren auf den realen Erlebnissen von geflüchteten Nordkoreaner*innen, die das Produktionsteam in Recherche und Interviews zusammengetragen hat. Dadurch entsteht ein Stück, mehr Show-Workshop als klassischer Theaterbesuch, das gleichzeitig informiert und den in Medien oftmals unterrepräsentierten Nordkoreaner*innen ein Gesicht verleiht. Am Ende plädieren die Interviewten in Ton- und Videoaufnahmen für ein vereinigtes Korea und Freundschaft statt Waffen.
Am Ende des Stückes verweilt manch eine*r bei heißem Gerstentee und Salzbrezeln noch im Gespräch mit anderen, den drei Schauspielerinnen und der Regisseurin. In Kleingruppen entsteht ein gelungener Austausch über Erlebtes sowie die Geschichten und Realitäten von Nordkoreaner*innen. Das Publikum verlässt das Stück mit neuem Wissen und Eindrücken zu Bewohner*innen eines Landes, über deren Lebensrealität die Welt fast nichts weiß.
Mehr zur Autorin
Jannika Lechner absolvierte ihren Bachelor in Journalistik und Theaterpädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und studiert derzeit ihren Master in Theaterforschung und kulturelle Praxis an der LMU München. In ihrer Freizeit schreibt sie für ihre Lokalzeitung, spielt Improvisationstheater oder Klavier in einer Band.