Europa geht zugrunde. Wachstumsstagnation, Rechtsruck und geopolitische Konflikte bilden den Hintergrund. Auf der Drehbühne, die Robin Metzer entworfen hat, versinkt neben einer schemenhaften Villa im antiken Stil ein Eurotrain-Waggon. Sein Inneres fungiert als Spelunke, in der sich düstere Gestalten treffen. Hier wird getrunken, geraucht und werden einander die schlimmsten Sünden gestanden, etwa das Hinausschleudern eines Hündchens aus einem fahrenden Zug. Der Waggon führt noch tiefer bis unter die Bühne. Was dort geschieht, sieht das Publikum auf eine Leinwand projiziert.
"Keine Sorge, ich halte es schon aus!", platzt es aus Myschkin heraus, als ihm eine Zigarette verwehrt wird. Ansonsten übergeht er, der "Idiot", dauerhaft seine eigenen Bedürfnisse und antwortet devot wie eine KI auf die Grobheit seiner Mitmenschen: immer bestätigend, immer dankend. Clara Kroneck verkörpert ihn mit kindlicher Tapsigkeit und großen Augen, als gäbe es in Dostojewskis selbstzerstörerischer Welt noch viel Positives zu entdecken. Myschkin wird nicht nur im Stück von seinen Mitmenschen übergangen – auch als Zuschauer übersieht man ihn beinahe. Nicht, weil Kroneck schlecht spielt, sondern weil alle anderen Figuren zu reinen Klischees überzogen sind. Rogoschin, gespielt von Pascal Riedel, ist Myschkins brutales Gegenstück im Fake-Adidas-Jogginganzug mit fünf Streifen. Jedes seiner Worte ist spitz und drohend. Nastassja Filippowna, dargestellt von Elzemarieke de Vos, bewegt sich in dunkler Divenhaftigkeit irgendwo zwischen Nina Hagen und Cruella de Vil. Sie raucht, trinkt und zieht ihre Männer à la Valie Export an der Leine hinter sich her.