Lost in St. Petersburg
Datum
Text: Ann-Sofie Reiners
"Ich dachte, ich verschaffe uns kurz eine Übersicht." Mit diesen Worten beendet Darsteller Ilja Harjes ironisch eine schier endlose Aufzählung russischer Namen und Stammbäume. Für die Zuschauer*innen wird schnell klar, was man an diesem Abend nicht erwarten darf: eine Übersicht. Wer den Roman nicht kennt, ist im Figurenkonglomerat schnell verloren. Michalek macht aus dem Versäumnis ein Programm, zumindest vorerst.
Erzählt wird die Geschichte des Epileptikers Fürst Lew Myschkin, der nach einem Kuraufenthalt in der Schweiz nach St. Petersburg zurückkehrt. Seine beinahe christusgleiche Güte und Ehrlichkeit bleiben standhaft, egal wie korrupt, intrigant und moralisch verkommen die Menschen um ihn herum sein mögen.
Aus den tausend Seiten der Romanvorlage macht Michalek einen episodischen Theaterabend. Live-Kamera-Sequenzen geben ihm den Anstrich einer 2000er-Sitcom, irgendwo zwischen "Scrubs" und "Stromberg". Dazwischen stehen Musikeinlagen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Dark Indie-Pop des Soloprojekts Bulgarian Cartrader, russischer Pop und Sunshine-Reggae zerschneiden den Abend in Einzelteile, die mal mehr, mal weniger Aufmerksamkeit erfordern und mal mehr, oder mal weniger unterhalten.
Europa geht zugrunde. Wachstumsstagnation, Rechtsruck und geopolitische Konflikte bilden den Hintergrund. Auf der Drehbühne, die Robin Metzer entworfen hat, versinkt neben einer schemenhaften Villa im antiken Stil ein Eurotrain-Waggon. Sein Inneres fungiert als Spelunke, in der sich düstere Gestalten treffen. Hier wird getrunken, geraucht und werden einander die schlimmsten Sünden gestanden, etwa das Hinausschleudern eines Hündchens aus einem fahrenden Zug. Der Waggon führt noch tiefer bis unter die Bühne. Was dort geschieht, sieht das Publikum auf eine Leinwand projiziert.
"Keine Sorge, ich halte es schon aus!", platzt es aus Myschkin heraus, als ihm eine Zigarette verwehrt wird. Ansonsten übergeht er, der "Idiot", dauerhaft seine eigenen Bedürfnisse und antwortet devot wie eine KI auf die Grobheit seiner Mitmenschen: immer bestätigend, immer dankend. Clara Kroneck verkörpert ihn mit kindlicher Tapsigkeit und großen Augen, als gäbe es in Dostojewskis selbstzerstörerischer Welt noch viel Positives zu entdecken. Myschkin wird nicht nur im Stück von seinen Mitmenschen übergangen – auch als Zuschauer übersieht man ihn beinahe. Nicht, weil Kroneck schlecht spielt, sondern weil alle anderen Figuren zu reinen Klischees überzogen sind. Rogoschin, gespielt von Pascal Riedel, ist Myschkins brutales Gegenstück im Fake-Adidas-Jogginganzug mit fünf Streifen. Jedes seiner Worte ist spitz und drohend. Nastassja Filippowna, dargestellt von Elzemarieke de Vos, bewegt sich in dunkler Divenhaftigkeit irgendwo zwischen Nina Hagen und Cruella de Vil. Sie raucht, trinkt und zieht ihre Männer à la Valie Export an der Leine hinter sich her.
Diese überzogene Derbheit macht die Zugkraft des Abends aus. Der Humor funktioniert, weil er das Offensichtliche einfach benennt. "Oh, da steht ja ein Zug", kommentiert etwa Nastassja Filippowna trocken den omnipräsenten Eurotrain. Sobald die Inszenierung droht, sich zu sehr in der Textgrundlage zu verlieren, bricht Michalek die vierte Wand auf oder verweist direkt auf das Buch: "Schauen Sie nicht so. Das steht wirklich so bei Dostojewski." Die Handschrift des Autors ist dabei oft fast bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Einen Umgang mit Klassikern stellt man sich anders vor. Drei ältere Herrschaften verlassen kopfschüttelnd vorzeitig den Saal, nach der Pause bleiben einzelne Plätze leer. Jung, amüsant und konventionslos ist Michaleks "Idiot" dennoch. Das tut tausend Seiten schwerer russischer Klassikerliteratur gut.
Jene Pfiffigkeit verliert sich jedoch nach der Pause. Als wolle die Regisseurin den Dostojewski-Text doch noch einfangen, häufen sich plötzlich die großen Themen. Gesellschaftlicher Verfall, westlicher Kapitalismus, Putins Imperialismus und der Russland-Ukraine-Krieg treten in den Vordergrund. Die Live-Kamera zeigt eine Abfolge von Bildern. Ein Igel, ein "Hund in einem Airbnb, in dem Penélope Cruz einmal einen Film gedreht hat", dann Scholz und Putin, danach Merkel und Putin. Die Themen sind nicht deplatziert, tauchen allerdings abrupt auf. Oft werden sie nur gestreift oder gehen in Witzeleien unter. Das führt zu Verwirrung und auch zu Erschöpfung nach den zwei Stunden Slapstick der ersten Hälfte.
Auch längere Monologe und Buchpassagen finden keinen Halt mehr. Beispiel: die Revolutionäre, die Myschkin mit einer Lüge erpressen wollen. Sie liefern kaum neue Erkenntnisse. Das Prinzip "Menschenliebe gegen schlechte Welt" ist längst verstanden, die eigentliche Handlung nach Dostojewski schon lange obsolet geworden. Was den Abend trägt, sind die Interaktionen des Ensembles auf der Bühne. Besonders die Momente, in denen Michalek sich von der Vorlage löst und eine eigene Sprache findet.
So wirkt es, als kippe Michalek eine volle Kiste vor dem Publikum aus. Gen-Z-Humor, aktuelle politische Diskurse, Sitcom-Ästhetik und Dostojewskis umfangreiche Vorlage prallen ungebremst aufeinander. Als Zuschauer*in verlässt man den Theatersaal etwas orientierungslos.
Mehr zur Autorin
Ann-Sofie Reiners, kurz Aufi, ist über die bildende Kunst beim Bühnenbild gelandet, wo der magische Sog des Theaters sie absorbiert hat. Denn wo sonst treffen so viele Kunstformen aufeinander und ergeben gemeinsam etwas völlig Eigenes?
Seitdem will sie verstehen, staunen, rätseln, und sich vor allem austauschen darüber, was darstellende Kunst hinterlässt. Genau diese Leidenschaft hat Aufi zum Masterstudiengang Kulturjournalismus geführt, der all ihre Lieben unter einem Dach vereint.