Eine Frau steht auf der Bühne, hinter ihr Umzugsboxen und ein Stuhl.

Toxisch: Ja, Radikal: Nein

Die Autorin und Performerin Toxische Pommes zeigt ihr Programm "Wunschlos unglücklich", hinterlässt das Publikum jedoch mit vielen offenen Wünschen.

Text: Judith Falentin und Merle Zils 

Bourgeoisie vs. Proletariat. Der Grundsatz von Marx’ Klassenkritik wird zum Inhalt des Theaterstücks "Wunschlos unglücklich" von Toxische Pommes, die – wie sie selbst sagt – "nichts von Theater versteht" und eine Inszenierung schaffen wollte "für Menschen, die nichts von Theater halten". Darin agiert eine namenlose Hauptperson, die mehr oder weniger überraschend eine Eigentumswohnung erbt: 80 Quadratmeter Altbau mit Stuck. In einem ausschweifenden Monolog geht die selbsternannte "linke Marxistin" darauf hin ihre Möglichkeiten durch: Wohnung verkaufen, davon zehn kleine Wohnungen kaufen, Freund*innen anlügen, Freund*innen die Wahrheit sagen... Eine Frage aushandeln: Wie kann sie jetzt noch links sein?

Toxische Pommes (c) Gabriela Neeb

Deutlich zu merken ist dabei die sonstige Arbeit der Autorin und Performerin, die unter dem Pseudonym Toxische Pommes auf Instagram und TikTok kurze Sketche postet. In 15-Sekunden-Videos macht sie auf ihren Profilen kleine Scherze über linke Männer, österreichische Filme und vieles mehr. Doch ihre Online-Präsenz überträgt sich nicht vom Handy-Bildschirm auf die Theaterbühne.

Vieles wirkt wahllos. Sie springt von Thema zu Thema wie ein TikTok-Nutzer von Video zu Video. Die Inhalte sind dabei so wenig überraschend wie das Ende einer durchschnittlichen Netflix-Romcom. Ja, Jonas und sie führen keine wirkliche Beziehung. Ja, er ist wirklich arm. Ja, sie darf glücklich sein, trotz geerbter Wohnung. Am überraschendsten ist, dass Jonas nicht DJ, sondern Rapper ist. Jedes Stichwort, das die Millennials im Internet beschäftigt, wird eingeworfen: Excel, Großraumbüro, Kunstuni, Raves, Nudeln mit Pesto. Es ist eine Aneinanderreihung von Floskeln. Es entsteht keine Reibung. Es mögen junge Themen sein, aber was "Wunschlos unglücklich" definitiv nicht ist: radikal.

 

Der Bühnenraum wird nicht bespielt. Sie bewegt sich lediglich im Grundriss ihrer neuen Wohnung herum, der auf dem Bühnenboden mit Klebeboden markiert ist, während sie das Publikum mit österreichischem Dialekt einlullt. Zu mehr als Schmunzlern reicht es nicht, verhaltener Applaus zur Pause, die, im Gegensatz zum Inhalt, überraschend kam.

Dennoch immer wieder kleine Hoffnungsschimmer. Mehr als das charmante Anspiel des Publikums als "Ameisenhaufen" und hin und wieder schöne Wortspiele, wie die sich langsam in einen Einrichtungsgegenstand verwandelnde alte Dame oder ein Gedicht aufs Rauchen kann Toxische Pommes nicht servieren. Das Publikum lechzt nach kreativen Ideen, muss am Ende jedoch verdursten.

Toxische Pommes (c) Gabriela Neeb

Sie gibt vor, eine Rolle zu spielen. Doch es kommt nur lauwarmer Rage Bait raus. Sie wirkt sowohl auf der Bühne als auch beim Applaus und ihrer anschließenden kleinen Ansprache unsicher. Wenn der Text mit klarerer Haltung vermittelt worden wäre – mit Selbstbewusstsein und Mut vielleicht? –, wäre es ihr eventuell leichter gefallen, den Theaterraum für sich einzunehmen. Das Radikal jung Festival oder generell ein Theaterfestival erschließt sich nicht als Veranstaltungsort. Selbst wenn das Stück nur im Rahmenprogramm läuft.

Doch was am schwersten wiegt: Für kleine Lacher schlachtet sie gewichtige Themen aus: Gisèle Pelicot, Widerstandskämpfe, Sylt. Sie schneidet das alles an, ohne darauf einzugehen, das ist nicht nur nicht Theater, das ist ein leichtsinniger Umgang mit ideologischen Themen. Zum Beispiel, als sie vermeintlich lustige Rezensionen vorliest, die Freier auf den Google Seiten von "Puffs" hinterließen, fehlt die kritische Einordnung, die einen humoristischen Zugang erst möglich gemacht hätte. Menschenverachtende Strukturen werden verharmlost, ohne einen Tiefgang auch nur zu simulieren. Generell scheint Mut zu fehlen. Wer große Themen anspricht, muss große Themen verhandeln.

Mehr zu den Autorinnen

Judith Falentin ist 21 Jahre alt und studiert Angewandte Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Schon länger beschäftigt sie sich mit dem Schreiben als Kunstform und freut sich sehr, am Festivalblog mitzuarbeiten und neue Erfahrungen zu sammeln.

Judith Falentin (c) privat

Merle Zils, geboren 2001 in Norddeutschland, studiert im Master Kulturjournalismus in München und schreibt nebenher für die Junge Bühne und die taz. Am liebsten über Theater, Musik und jegliche Kultur, die gesellschaftliche Diskurse aufgreift und anstößt.

 

Merle Zils (c) Gregory Giakis