"Wenn man sich nur auf die Geschichte konzentriert, verpasst man so einiges"

Die Regisseurin und Choreografin Mable Preach kommt mit ihrer "Opera of Hope" zum Festival. Ein Gespräch über ihren Weg, ihre Motivation und ihre erste Oper, die mit dem Bild elitärer Hochkultur zumindest auf den ersten Blick herzlich wenig gemein hat.

Interview: Ann-Sofie Reiners

Du hast ursprünglich Medienmanagement studiert, das ist jetzt nicht der direkteste Weg ins Theater. Wie kam es dazu, dass du Stücke inszeniert hast?
Mable Preach: Nebenbei habe ich in Jugend- oder Laiendarstellungsgruppen gespielt, aber auch im Schauspielhaus Hamburg. Dort gab es eine Schreibwerkstatt, an der ich teilgenommen habe, und die fanden meine Stücke richtig gut. Aber ich habe auch gemerkt, dass da keine andere Person Regie führen könnte, weil die Codes, die darin sind, für Außenstehende nicht so einfach lesbar sind. Es hieß dann: "Mabel, wir finden das super, was du schreibst, aber wir können das am Schauspielhaus gar nicht spielen. Du kannst unsere Ressourcen benutzen, aber vielleicht machst du woanders deine Premiere."

Was ist dir bei dieser Aussage im Kopf herumgeschwebt?
Ich habe gemerkt, dass mir bestimmte Arbeitsweisen und Strukturen noch nicht so gut entsprochen haben. Die Leute waren sehr offen und unterstützend, aber ich hatte das Gefühl, dass mein Zugang und meine Perspektive dort noch nicht ganz ihren Platz finden. Das hatte viel mit den bestehenden Strukturen zu tun, die zu dem Zeitpunkt für mich schwieriger zugänglich waren.

Mable Preach (c) Maïscha Souga
In dem Moment dachte ich so: What the fuck, what are you telling me?

Aber Regie hast du dann nie studiert.
Ich wollte mich an der Otto-Falckenberg-Schule in München bewerben. Kurz davor habe ich einen Schauspieldozenten getroffen. Er meinte zu mir: "Mabel, dir ist schon bewusst, dass du schwarz bist?", und dass ich daher lieber von der Straße lernen sollte. In dem Moment dachte ich so: What the fuck, what are you telling me? Heute verstehe ich, was er mir vermitteln wollte: Die werden dich verkorksen, du wirst alles, was du am Theater machen magst, verlieren und am Ende nur noch das machen, was sie von dir wollen. So habe ich mit unterschiedlichen Menschen aus der freien Szene gearbeitet, konnte von ihnen lernen und mich ausprobieren.

Was denkst du, wie beeinflusst dich diese Schule in deiner Arbeit?
Ich arbeite viel freier und halte mich nicht an irgendeine Logik oder Dramaturgie. Aber natürlich merke ich, dass der Zugang zu Theaterräumen einfacher ist, wenn du von der Schule kommst. Es ist ein krasses Netzwerk, das sich über so ein Studium aufbaut.

 

Du arbeitest unfassbar facettenübergreifend, mal musikalisch, mal choreografisch – warum?
Für mich sind die Grenzen zwischen den Genres oder Disziplinen weich. Das ist alles eine Bildsprache, die auf der Bühne passiert. Oft werde ich kritisiert: "Wir sehen dein Handwerk nicht." Und ich sage: Aber ich habe so viele Facetten, deswegen gibt es nicht die eine Handschrift, sondern: Mabel is everywhere. Ich glaube, das geht nicht nur mir so. Immer wieder unterhalte ich mich mit Regisseur*innen, die ein Problem haben, ihre Handschrift zu finden. Ich glaube, man sollte sich nicht darauf reduzieren. Es gibt so viel da draußen, was man mitnehmen, lernen oder dem man sich öffnen kann.

Du sprichst von weichen Grenzen zwischen Genres in deiner Arbeit. Deine Produktion "Opera of Hope" benennst du allerdings ganz klar als Oper.
Ich habe mich durch eine Förderung intensiv mit Opern und Opernstrukturen beschäftigt. Und vor allem mit der Frage: Wen schließt eigentlich die Oper aus? Wessen Geschichten werden erzählt? In den meisten großen Opern findet ein Femizid statt. Am Ende gibt es eine Arie, und dann stirbt die Frau durch die Hand eines Mannes. Das ist die Fallhöhe. Ich habe mich gefragt: Was wäre, wenn ich eine andere Geschichte erzähle? Die Fallhöhe ist bei der "Opera of Hope" eine Ankommensgeschichte mit dem Struggle, sich hier in Deutschland zu assimilieren. Ich habe mich gefragt: Kann ich Musik aus dem westlichen Afrika in einer Oper inszenieren? Was ist eigentlich, wenn ich als schwarze Frau eine Oper inszeniere, weil mein Körper immer direkt politisch ist? Und vor allem: Sieht man die Formarbeit? Oder werde ich nur auf eine Geschichte reduziert? Nach der Premiere ist genau das passiert.

Opera of Hope (c) Fabian Hammerl
Wenn man sich nur auf die Geschichte konzentriert, verpasst man so einiges.

Auf Instagram meintest du, die Form ist die Oper – magst du das nochmals erläutern?
Wenn man sich nur auf die Geschichte konzentriert, verpasst man so einiges. Weil ich mich vor allem mit der Form der Oper befasst habe. Dass ich jetzt keine klassische Oper inszeniert habe – well, I know – aber ich habe alle Bausteine benutzt, um eine Oper zu sein, nur eben weg von dem eurozentrischen Blickregime. Im Austausch mit Studierenden wurde das dann deutlich. In einigen anonymen schriftlichen Reflexionen wurde beschrieben, dass sich anfängliche Bewertungen von "Hochkultur" im Verlauf des Stücks verschoben haben. Genau diese Irritation und das Hinterfragen eigener Perspektiven waren mir wichtig.

Worauf konntest du inszenatorisch nicht verzichten?
Auf den griechischen Chor, den ich mit dem Choir of Uncivilized Voices besetzt habe. Weil es ein wichtiger Opernbaustein ist, aber auch, um eine kollektive Geschichte zu erzählen. Die musste von vielen Stimmen getragen werden

Ich habe gelesen, dass "Hope" kein positiv konnotiertes Wort für dich ist. Warum?
Als ich angefangen habe, "Opera of Hope" zu machen, stand der Begriff Opera für Drama. Und Hoffnung hat extrem viel Drama. Ich glaube, dass Hoffnung irgendwo auch toxisch ist. Vor allem für Migra-Personen. Hoffnung ist unser Motor, der uns antreibt, weiterzumachen. Obwohl man eigentlich weiß, es wird nicht besser, und man am Ende nicht wirklich etwas verändern kann. Oder wenn, dann vielleicht nur in seinem kleinen Raum. Also wir brauchen die Hoffnung, aber irgendwie ist sie für uns auch schlecht. Ich glaube, das lässt sich auf viele Bereiche übertragen. 

Mehr zur Autorin

Ann-Sofie Reiners, kurz Aufi, ist über die bildende Kunst beim Bühnenbild gelandet, wo der magische Sog des Theaters sie absorbiert hat. Denn wo sonst treffen so viele Kunstformen aufeinander und ergeben gemeinsam etwas völlig Eigenes?

Seitdem will sie verstehen, staunen, rätseln, und sich vor allem austauschen darüber, was darstellende Kunst hinterlässt. Genau diese Leidenschaft hat Aufi zum Masterstudiengang Kulturjournalismus geführt, der all ihre Lieben unter einem Dach vereint.

Ann-Sofie Reiners (c) privat