"Wie möchten wir eigentlich, dass die Welt aussieht?"
Datum
Interview: Jannika Lechner
Warum ist es dir wichtig, so ein hochpolitisches Stück, wie "Die Allerletzten" zu schreiben?
Marco Damghani: Ich kann gar nicht anders. Ich kann nicht nicht politisch sein. Theater ist eine Möglichkeit, Menschen "in der echten Welt" zusammenzubringen, sie aus der digitalen Welt rauszuholen und sich begegnen zu lassen. Und sobald Leute in einem Raum zusammentreffen, ist dieser Raum politisch. Ich finde, daraus entsteht für Theatermacher*innen eine Verantwortung: Wie nutzt man diesen entstehenden Raum zwischen den Menschen? Diese Möglichkeit nicht wahrzunehmen, um Fragen zu stellen, dafür sind mir dieser Ort und das Publikum zu wichtig.
Ich habe in den letzten Jahren häufig erlebt, dass Freund*innen, gerade mit Migrationshintergrund, weg aus Leipzig in Städte wie Berlin, Hamburg oder München gezogen sind.
Wie ist dir die Idee zu dem Stück gekommen?
Das Spannungsverhältnis Stadt-Land fand ich schon lange interessant. Ich selbst habe auch zwei Jahre in einem Dorf in Schleswig-Holstein gewohnt, auch wenn ich sonst recht viel in Großstädten gelebt habe. Bevor ich mit der Arbeit am Stück im Berliner Maxim Gorki Theater angefangen habe, habe ich eine Recherchereise für das Theaterhaus Jena gemacht. Gemeinsam mit Ronja Oehler, einer Schauspielerin aus Ostdeutschland, bin ich einen Monat lang durch Thüringen gefahren und habe Interviews mit Leuten aus der Zivilgesellschaft vor Ort geführt. Thüringen ist ein besonderes Bundesland, weil die liberale Demokratie hier an vielen Orten an ihre Grenzen gerät. Über Thüringen wird nicht viel positiv gesprochen, gleichzeitig ist es landschaftlich wunderschön und bildet mit der Weimarer Republik, mit Goethe und Schiller eine Wiege Deutschlands. Durch die Gespräche während dieser Reisen habe ich unbewusst Ideen für ein Stück gesammelt. Dieses ist dann durch sehr viele Versionen gegangen, erst später bin ich bei dem aktuellen Konflikt gelandet: Bleiben oder gehen.
Das ist die zentrale Frage deines Stückes. Was denkst du dazu?
Die letzten fünf Jahre habe ich in Leipzig gelebt, einer per se sehr linken Stadt. Doch sobald man über die Stadtgrenze geht, ist die AfD die stärkste Partei. Ich habe in den letzten Jahren häufig erlebt, dass Freund*innen, gerade mit Migrationshintergrund, weg aus Leipzig in Städte wie Berlin, Hamburg oder München gezogen sind. Und ein Teil von mir hat ihnen dabei vorgeworfen, dass wir den Rechtsextremen dann das Feld überlassen. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass diese Entscheidung, Bleiben oder Gehen, im Ermessen der einzelnen Personen liegen muss und es kein richtig oder falsch gibt. Genauso im Stück: Yasmin und Noah haben beide recht. Du kannst den Abend mehrmals anschauen und an dem einem Abend bist du auf der Seite von Yasmin, an dem anderen bei Noah. Das ist ein unfassbar schönes Geschenk, so etwas erleben zu können.
Im Stück erwähnst du einmal den Begriff "Traumrefugium", gehst aber nicht weiter darauf ein. Was ist für dich dieses "Traumrefugium"?
Das Traumrefugium ist eigentlich ein Artefakt von früheren Versionen des Stückes, von dem ich mich nicht trennen konnte. Für mich bedeutet es, sich eine Art Kindlichkeit zurückzuholen. Nicht alle Leitplanken unserer Gesellschaft zu akzeptieren, sondern Dinge auch mal in Frage zu stellen und groß von einer anderen Welt zu träumen. Das ist etwas, was das Theater im besten Fall ermöglichen kann.
Obwohl sich Krieg und Leid ständig wiederholen, spricht Yasmin von Hoffnung auf eine Zukunft und ein besseres Leben für ihre Kinder. Siehst du das auch so?
Unbedingt. Ich glaube, dass Hoffnung die Voraussetzung für erfolgreiche gesellschaftliche Kämpfe ist und mehr Hoffnung uns allen gut tun würde. Diese Lähmung und Resignation, die viele von uns aktuell spüren, sind wahnsinnig destruktive Zustände. Statt von Katastrophe zu Katastrophe zu denken, wünsche ich mir, dass wir uns häufiger fragen: Wie möchten wir eigentlich, dass die Welt aussieht? Und dann dafür kämpfen. Wir befinden uns in einem Zustand, in dem wir wissen, dass es so wie aktuell nicht weitergehen kann. Wenn wir also die Möglichkeit haben, dass die Welt anders wird, lass uns doch versuchen, sie zu einer besseren zu machen! Ich glaube, dass Hoffnung, Freude, Optimismus und Leichtigkeit alles Grundpfeiler sind, wenn wir die kommenden Aufgaben bestehen wollen.
Weg von den Sozialen Medien, raus ins Gespräch mit den Menschen.
Noah und Yasmin entwerfen in der letzten Szene Bilder einer Welt in zehn Jahren. Wie sähe deine Vorstellung einer Zukunft in zehn Jahren aus?
Ich wünsche mir, dass wir es schaffen, eine breite, kämpferische Bewegung zu organisieren, die sich den Problemen der Zeit mit Hoffnung und Empathie annimmt. Und dass wir Milliardäre abgeschafft haben.
Was würdest du den Menschen mitgeben, die sich, vielleicht auch ausgelöst durch dein Stück, gegen Diskriminierung einsetzen wollen, aber nicht wissen, wo sie anfangen können?
Es klingt simpel, aber es ist wirklich wichtig, politisch aktiv zu sein. Es gibt so viele Organisationen, die sich dafür einsetzen, dass die Welt eine bessere wird. Aktivismus und Revolution kommen vom Machen. Nicht vom Reden und vom "man sollte doch". Weg von den Sozialen Medien, raus ins Gespräch mit den Menschen.
Mehr zur Autorin
Jannika Lechner absolvierte ihren Bachelor in Journalistik und Theaterpädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und studiert derzeit ihren Master in "Theaterforschung und kulturelle Praxis" an der LMU München. In ihrer Freizeit schreibt sie für ihre Lokalzeitung, spielt Improvisationstheater oder Klavier in einer Band.