Wie empfindest du die Figur des Myschkin?
Er ist extrem schwer zu fassen. Viele lesen ihn tendenziell rührselig, das nervt mich etwas. Mich interessiert eher, dass er sich sozialen Normen entzieht, weil er zum Beispiel nicht lügen kann, und dadurch etwas Verstörendes hat. Er ist keine rührende Heiligenfigur, sondern komplex und widersprüchlich. Auch die Nastasja ist eine hochkomplexe Figur. Dostojewski schreibt große, exaltierte, von Schmerz und Raserei erfüllte, unendlich kluge und komplexe Frauenfiguren, das ist faszinierend. Gleichzeitig schwingen die gesellschaftlichen Verhältnisse in jeder Figur plastisch mit. Oft ist schwer zu erkennen, wo die Grenze zwischen Figur, Projektion und gesellschaftlicher Zuschreibung verläuft. Gerade darin liegt für mich die Größe dieses Romans. Für mich standen nicht das punktgenaue Auserzählen einzelner Geschichten, sondern die philosophischen Debatten und gesellschaftlichen Verhältnisse im Fokus.
Floss der russische Angriffskrieg in deine Inszenierung hinein?
Insofern ja, weil man täglich Nachrichten liest. Und wir haben uns auch mit der Debatte beschäftigt, ob man während eines russischen Angriffskriegs einen russischen Literaten inszenieren sollte. Ich finde die Lage kompliziert: Man kann Dostojewski nicht einfach auf Putins Russland reduzieren. Wir fanden es aufregend, Dostojewskij als europäischen Autor ernst zunehmen. Weil Putin genau davon lebt, sich solche Autor*innen anzueignen. Dagegen hilft für mich eher die künstlerische und kritische Auseinandersetzung als das Weglegen des Stoffes. Dostojewski schrieb "Der Idiot" auf einer Europareise. Und obwohl er entsetzt vom kapitalistischen London und Europa war, erschuf er mit Aglaja eine von Europa träumende Figur. Europa ist Sehnsuchts- und Schmerzort bei Dostojewskij. Unser Bühnenraum nimmt auf diese komplizierte Schmerzbeziehung auch Bezug: Vor dem russischen Herrenhaus liegt ein gecrashter "Euro-Train", der in die Tiefe der Unterbühne führt.