"Europa ist Sehnsuchts- und Schmerzort"

Dostojewski schickt in "Der Idiot" den jungen Fürst Myschkin nach einem jahrelangen Aufenthalt in einem Schweizer Sanatorium zurück nach Sankt Petersburg. Am Theater Münster hat die Regisseurin Milena Michalek den Literaturklassiker adaptiert.

Interview: Merle Zils

Wo erwisch ich dich gerade?
Milena Michalek: In Wien. Ich hatte hier gerade Premiere mit "Was sind wir für Tage" im Kosmos-Theater. Aber meine Arbeit ist nun getan, jetzt lade ich erst mal wieder ein bisschen Kräfte auf, bevor es nach München geht.

Engagements in Cottbus, Bern, die Arbeit mit deinem Theaterkollektiv YZMA in Wien: Du bist viel unterwegs. Wie erlebst du dieses Leben?
Es ist schon sehr nomadisch. Ich mache zwar meist nur zwei Produktionen im Jahr, aber dafür bin ich oft viele Wochen oder länger an einem Ort. Am Ende ist das schnell ein halbes Jahr irgendwo anders. Das prägt eine sehr.

Bereichernd oder auch belastend?
Beides. Bereichernd ist es, weil man in Städte kommt, in die man sonst vielleicht nie fahren würde. Gleichzeitig sieht man oft kaum mehr als Theater, Hotel und Probenraum. Wir sprechen auch zu wenig darüber, dass wir häufig für Städte Geschichten erzählen, die wir gar nicht richtig kennen.

 

Milena Michalek (c) Apollonia T. Bitzan
Aber man muss einen Ort auch erlebt haben, damit er in der Arbeit wirklich lebendig wird

Warum ist dir der Bezug zur jeweiligen Stadt so wichtig?
Weil jede Stadt eigene Themen, Spannungen und Schmerzpunkte hat. Die kann man nicht einfach von außen kennen. Man kann sich einlesen und mit lokalen Kolleg:innen sprechen. Aber man muss einen Ort auch erlebt haben, damit er in der Arbeit wirklich lebendig wird. Deshalb versuche ich, wenn möglich, immer einen Bezug zur Stadt herzustellen.

Hat das bei deiner Inszenierung von "Der Idiot" in Münster auch eine Rolle gespielt?
Nicht ganz so stark wie bei anderen Arbeiten. Der Stoff war durch Dostojewskis dicken Roman und das große Ensemble schon sehr umfangreich. Trotzdem haben wir viel über Münster gesprochen.

Wie ordnet sich die Inszenierung in deine bisherigen Arbeiten ein?
Es ist meine dritte Romanadaption. Vorher habe ich in Bern "Wuthering Heights" nach Emily Brontë gemacht und in Cottbus "Anna Karenina" nach Lew Tolstoi. Alte Stoffe wie diese waren für mich lange uninteressant. Ich wollte immer etwas Neues erschaffen. Ich komme eigentlich nicht aus dem klassischen Regiefach, sondern aus der freien Szene. Bei den Stückentwicklungen im Kollektiv, mit denen ich begonnen habe, stand am Anfang meist nur ein Thema. Texte, Figuren und Szenen sind dann in Improvisationen entstanden. Wir haben alles aufgenommen, transkribiert und daraus dann das Stück geschrieben.

Warum dann plötzlich große Romane?
Das kam nicht aus einer Überlegung heraus, sondern durch eine Einladung. Als ich gefragt wurde, ob ich "Anna Karenina" machen will, hatte ich einfach Lust auf diese Herausforderung. Es ist natürlich ein riesiger Materialberg gewesen, aber das kannte ich bereits. Auch bei unseren Improvisationen entstanden häufig 1000 Seiten Text. Bei Dostojewski war es dann ähnlich.

Was ist an deiner Inszenierung von "Der Idiot" für dich radikal jung?
Was bedeutet denn radikal jung?

Gute Frage. Wie kam zum Beispiel die Entscheidung Clara Kroneck, eine weiblich gelesene Person, für die sonst männlichen Hauptrolle Fürst Myschkin zu besetzten?
Die Besetzung von Myschkin mit einer Frau entstand nicht aus einem feministischen Programm, sondern weil ich in Clara Kroneck eine kluge künstlerische Partnerin gefunden habe. Außerdem ist bei Myschkin geschlechtsspezifische Erfahrung kein entscheidender Punkt. Es war uns wichtig, Personen aus dem Ensemble so mit Figuren aus Dostojewskijs Figurentableau zu kombinieren, dass möglichst aufregende Verhältnisse entstehen. Das kann, muss aber nicht mit Gendercrossing zu tun haben. Genauso spielen Alter, Erfahrung und Hobbys in das hinein, wie eine Person gelesen wird.

Der Idiot (c) Hans-Jürgen Landes
Dostojewski schreibt große, exaltierte, von Schmerz und Raserei erfüllte, unendlich kluge und komplexe Frauenfiguren, das ist faszinierend.

Wie empfindest du die Figur des Myschkin?
Er ist extrem schwer zu fassen. Viele lesen ihn tendenziell rührselig, das nervt mich etwas. Mich interessiert eher, dass er sich sozialen Normen entzieht, weil er zum Beispiel nicht lügen kann, und dadurch etwas Verstörendes hat. Er ist keine rührende Heiligenfigur, sondern komplex und widersprüchlich. Auch die Nastasja ist eine hochkomplexe Figur. Dostojewski schreibt große, exaltierte, von Schmerz und Raserei erfüllte, unendlich kluge und komplexe Frauenfiguren, das ist faszinierend. Gleichzeitig schwingen die gesellschaftlichen Verhältnisse in jeder Figur plastisch mit. Oft ist schwer zu erkennen, wo die Grenze zwischen Figur, Projektion und gesellschaftlicher Zuschreibung verläuft. Gerade darin liegt für mich die Größe dieses Romans. Für mich standen nicht das punktgenaue Auserzählen einzelner Geschichten, sondern die philosophischen Debatten und gesellschaftlichen Verhältnisse im Fokus.

Floss der russische Angriffskrieg in deine Inszenierung hinein?
Insofern ja, weil man täglich Nachrichten liest. Und wir haben uns auch mit der Debatte beschäftigt, ob man während eines russischen Angriffskriegs einen russischen Literaten inszenieren sollte. Ich finde die Lage kompliziert: Man kann Dostojewski nicht einfach auf Putins Russland reduzieren. Wir fanden es aufregend, Dostojewskij als europäischen Autor ernst zunehmen. Weil Putin genau davon lebt, sich solche Autor*innen anzueignen. Dagegen hilft für mich eher die künstlerische und kritische Auseinandersetzung als das Weglegen des Stoffes. Dostojewski schrieb "Der Idiot" auf einer Europareise. Und obwohl er entsetzt vom kapitalistischen London und Europa war, erschuf er mit Aglaja eine von Europa träumende Figur. Europa ist Sehnsuchts- und Schmerzort bei Dostojewskij. Unser Bühnenraum nimmt auf diese komplizierte Schmerzbeziehung auch Bezug: Vor dem russischen Herrenhaus liegt ein gecrashter "Euro-Train", der in die Tiefe der Unterbühne führt.

Mehr zur Autorin

Merle Zils, geboren 2001 in Norddeutschland, studiert im Master Kulturjournalismus in München und schreibt nebenher für die Junge Bühne und die taz. Am liebsten über Theater, Musik und jegliche Kultur, die gesellschaftliche Diskurse aufgreift und anstößt.

 

Merle Zils (c) Gregory Giakis